Interview mit Sabine Popp

„Ich bin ja au wie sie, nur a bissele kürzer!“ – ein Leben als Kleinwüchsige

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Sabine Popp auf der Arbeit

Leimen - Sie ist 1,26 Meter ‚groß‘ und strotzt vor Selbstbewusstsein: Sabine Popp ist Kleinwüchsig. In einem Gespräch mit unserer Reporterin erzählt sie von ihrem Leben und was es heißt, nicht nur klein auf die Welt zu kommen, sondern auch zu bleiben!

Sommer 1996: Mit rosa Blümchen-Kleid und ‚Assipalme‘ auf dem Kopf drücke ich, kleiner Knirps, mir die Nase an einer Schaufensterscheibe platt. Dahinter Menschen, kaum größer als ich, doch ihr Gesicht ist alt und die Kleidung noch älter. „Riesenbabys!“, kreische ich und zeige mit meinem Finger auf eine Dame mit braunen locken und weißer Bluse.„Psscht, das sagt man nicht!“, antwortet meine Mutter beschämt und schiebt mich weg von den bunten Wohnwägen und der Liliputaner Stadt im Holiday Park Haßloch

Damals fand ich es merkwürdig und lustig, dass Menschen in Puppenstuben wohnen, dass man ihnen beim Schlafen, Putzen, Kochen und Essen zuschauen konnte – ‚Menschenzoo‘, denke ich jetzt und schäme mich dafür! Früher habe ich mich nie gefragt, wie sich kleinwüchsige Menschen fühlen, heute Frage ich mich das umso mehr:

Ich bin verabredet mit Sabine Popp. Die schicke Dame mit violetter Bluse misst gerade mal 1,26 Meter und ist damit in etwa so groß wie ein durchschnittlicher Sechsjähriger! Wir nehmen im Tagungsraum des Selbsthilfebüros Heidelberg Platz. Sabine trägt einen kleinen Hocker und stellt ihn unter den Stuhl. „Den hab ich immer dabei, damit fühle ich mich besser“, grinst die 54-Jährige. Klar, mit einem Boden unter den Füßen fühlt man sich sicherlich besser. 

Sabine Popp hat Achondroplasie, die häufigste Form des genetisch bedingten Kleinwuchses. Ihre Arme und Beine sind proportional gesehen kleiner als der Rest des Körpers. Die brünette Dame bietet mir etwas zu trinken an. Gläser und eine Flasche befinden sich in der Mitte des Tisches, unerreichbar für die modebewusste Frau. Ich bin unsicher: Ist es jetzt unhöflich, wenn ich einschenke? Schließlich ist das die Aufgabe des Gastgebers. Doch die quirlige Mittfünfzigerin nimmt mir alle Scheu und bedankt sich für das Glas Wasser. „Ich geh immer auf die anderen zu, dann nehme ich ihnen die Furcht. Die meisten Leute wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen!“ Wie Recht sie hat.

Sabine Popp kommt im Jahr 1964 zur Welt. Sie ist ein Einzelkind. Schon bei der Geburt bemerken die Eltern ihre Behinderung. Aber das habe sie nie gestört, erzählt sie. Die Kleinwüchsige erlebte eine stinknormale Kindheit – nur eben aus einer anderen Perspektive. „Meine Eltern haben mich von Anfang an überall mit hingenommen.“ Normalität sei im Umgang mit der Behinderung auch wichtig. 

Doch so normal verlief der Lebensweg von Sabine Popp dann doch nicht: Die 54-Jährige und ihre Eltern mussten um vieles kämpfen. Auf Grund ihrer Körperbehinderung sollte die damals Sechsährige eine Sonderschule, früher noch eine Schule für geistig Behinderte besuchen. Die Familie protestiert - erfolgreich! Auch die Aufnahme an der Realschule gestaltet sich schwierig – die Lehrer zweifeln. Doch auch hier setzt sich die Leimenerin durch und schafft es auf das Gymnasium. 

„Ich bin ja au wie sie, nur a bissele kürzer“, lacht die gebürtige Schwäbin. Sie wohnt schon fast 30 Jahre im Raum Heidelberg, trotzdem ist der sympathische schwäbische Akzent noch deutlich zu hören. Ihr Traum ist es, soziale Arbeit zu studieren, anderen zu helfen und auf deren Lebensweg zu begleiten. Der Psychologe vom Arbeitsamt versucht den Traum zu Nichte zu machen, glaubt nicht an das Durchsetzungsvermögen der Kleinwüchsigen. Sabine Popp denkt sich: „Also, was Du mir erzählst ist, mir piepe Wurst!“ – und zieht ihr Ding durch.

Sabine Popp auf der Arbeit

Autoritätsprobleme? 

Als sie ein Praktikum im Kindergarten absolviert, kommt es am Anfang zu Autoritätsproblemen: „Du bist genau so groß wie ich, dann übernimmst Du die Verantwortung nicht!“ Die Knirpse erkennen Frau Popp nicht als Erwachsene Frau an. „Ich hab schon Abitur und viel mehr erlebt als Du“, entgegnet die damals 19-Jährige. Nach zwei Wochen ist die Größe aber kein Thema mehr – im Gegenteil: Wenn sie mit der Gruppe draußen unterwegs war, starrten die Erwachsenen sie an. Die Kinder verteidigte die liebgewonnene Praktikantin und riefen „Was schaust Du denn so doof?“

Nach ihrem abgeschlossenen Studium an der SRH Hochschule Heidelberg folgt das Praktikum im Selbsthilfebüro. Hier wird gerade eine Stelle frei und der Chef denkt sich: „Eine Betroffene einzustellen, das wäre doch geschickt!“ Und tatsächlich: Popp erzählt von dem schnellen Zugang, den sie zu den Klienten hatte. „Die Leute sagen: Sie haben ja auch ihr Päckle zu tragen und bauen schneller ein Vertrauen auf.“ Die Kleinwüchsige lächelt stolz, ihre Augen leuchten, als sie mir von ihrer Arbeit zählt.

Wie war das in der Pubertät?

Doch mal Hand aufs Herz: Wie war das in der Pubertät, wenn sich alle um sie herum verliebten? „Das war schon schwierig, die Freundinnen hatten Liebeskummer, man hörte sich die Sorgen und Probleme an, nur selbst hatte man Keinen“, gesteht die 54-Jährige. Klar, machte sie alles, was ein Teenager in diesem Alter so macht. Nur beim Tanzen musste sie aufpassen, dass sie in der Menge nicht untergeht. Kinder habe sie nie haben wollen, zu groß sei die Gefahr gewesen, nach einer Schwangerschaft ein Pflegefall zu werden. Theoretisch wäre das aber möglich, erzählt mir Popp. Im VKM, dem Bundeshilfe Verband Kleinwüchsiger Menschen, kenne sie viele Frauen, die Kinder bekommen haben. „Da gibt es alle möglichen Paare: kleine Frauen und große Männer, kleine Männer und großen Frauen!“ 

Kleine Frau mit großen Zielen

In den 80er Jahren kämpft Popp mit dem VKM auch für die Kleinwüchsigen im ‚Lilliputaner Dorf Holiday Park Hassloch‘. „Aber die wollten nichts mit uns zu tun haben, die hielten sich für eine eigene Rasse!“, erklärt mir die 1,26 Meter große Dame. Kleinwüchsige anders zu behandeln, oder gar als eine eigene Rasse darzustellen, davon hält sie nichts. Sie erzählt mir von einer Frau im VKM, die vorschlug, eine Reise zusammen zu machen, nur weil ja alle klein sind. „Da hab ich sie groß angeschaut und gesagt: Ich geh mit meinen Freunden in Urlaub, aber nicht, weil wir alle klein sind!“ Popp hat schon viel gesehen. Ihre weiteste Reise ging nach Neuseeland. Die schönste allerdings in die USA zum Kleinwüchsigentreffen mit über 1.500 Menschen. Für sie ist eben kein Weg zu weit, auch nicht der über den großen Teich.

Ich frage die 54-Jährige, ob sie sich jemals gewünscht hat, normal groß zu sein? „Nein!“, antwortet sie sofort. Das Kleinsein hat auch seine Vorteile: Zum Beispiel erkennt mich jeder wieder, und sonst führe ich ja ein ganz normales Leben!“ Die kleine Frau mit dem großen Selbstbewusstsein erklärt mir, dass es ihr vergleichsweise auch gesundheitlich sehr gut ginge. Andere Kleinwüchsige leiden oft an Rheuma und Rückenproblemen.

Die Pedale ihres Wagens wurden verlängert.

Doch im Alltag von Sabine Popp gibt es einige Einschränkungen: So ist die Kleinwüchsige sehr dankbar, wenn es im Supermarkt Kinder-Einkaufswägen gibt. Die Pedale ihres Autos sind verlängert. „Ohne wäre ich aufgeschmissen!“ Sie freut sich auch über die Kinderwaschbecken und Spiegel auf den Autobahnraststätten. Shoppen geht sie in der Damenabteilung und lässt sich die Kleidung von einer Schneiderin kürzen.„In einer Kinderabteilung finde ich nur Rosa, Glitzer und Einhorn – nicht ganz mein Geschmack“, lacht die lebhafte Frau.

Mit Schuhgröße 32 bleibt beim Thema Schuhwerk nur die Kinderabteilung. „Witzig ist, wie die Kinder schauen, wenn sich eine Erwachsene Frau dort Schuhe kauft“, die Kleinwüchsige quietscht vergnügt, während sich feine Fältchen um ihre braunen Augen legen. „Wenn Kinder Kleine zum ersten Mal sehen, dann sagen die: oh, ne kleine Frau! Die Eltern bringen die Kinder dann meist zum Schweigen.“ Das sei aber falsch, erklärt mir die Leimenerin. „Ich erkläre dann immer, was Kleinwuchs ist. Es ist wichtig, kein Geheimnis daraus zu machen, sonst denken die Kinder, es sei etwas Schlechtes, und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen!“ .

Ich wünschte mir, ich wäre damals, als ich mir die Nase an den Schaufenstern des Liliputaner-Dorfes platt gedrückt habe, einer Frau wie Sabine Popp begegnet.

jmb

Quelle: Mannheim24

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