Einstimmige Entscheidung im Gremium 

Gemeinderat bestellt Gutachten zur „Hitler-Glocke"

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Die Bronzeglocke mit Hakenkreuz hängt im Turm der evangelischen Kirche.

Herxheim - Soll die „Hitler-Glocke“ abgehängt werden? Soll eine Tafel auf die Geschichte der Glocke hinweisen? Und wer soll diese Entscheidung treffen? Das beschließt der Gemeinderat am Montag: 

Der Tagesordnungspunkt "Hitler-Glocke" hat im Dorfgemeinschaftshaus von Herxheim am Berg für ungewöhnlich großes Medieninteresse gesorgt. Doch das Thema wird schnell abgehandelt. Bürgermeister Ronald Becker (Freie Wähler) verliest drei Punkte, auf die er sich zuvor mit den vier Fraktionen geeinigt hat. Dann beschließt das Gremium die Vorlage - ohne Wortmeldungen und ohne Gegenstimmen: Die pfälzische Gemeinde beauftragt eine Glockensachverständige. Wenn deren Gutachten vorliegt, will der Rat entscheiden, wie es mit der Glocke weitergeht. 

Wahrscheinlich wird sie auch weiterhin im Turm der protestantischen Kirche hängen - aber eine Tafel soll über ihre Geschichte aufklären. Seit 1934 befindet sich die 240 Kilo schwere Bronzeglocke, die im Besitz der politischen Gemeinde ist, im Kirchturm. Sie ist mit einem Hakenkreuz versehen sowie mit der Aufschrift "Alles fuer's Vaterland - Adolf Hitler".

Die Bronzeglocke mit Hakenkreuz

 

Eine pensionierte Lehrerin aus einem Nachbarort, die manchmal in der Kirche Orgel spielt, hatte das Relikt der NS-Zeit im vergangenen Frühling in einer Zeitung scharf kritisiert. Die kleine Ortsgemeinde im Kreis Bad Dürkheim steht seitdem im Scheinwerferlicht einer breiten Öffentlichkeit. 

Sogar die „New York Times“ interessiere sich für das Thema, berichtet der Bürgermeister am Montagabend. Die Gemeinderäte beschließen am Montagabend drei Punkte: Sie äußern sich erstens „bestürzt und beschämt über das unbeschreibliche Leid, das vom nationalsozialistischen Regime ausging“ und beauftragen zweitens die Glockensachverständige Birgit Müller. 

Sie soll ein Gutachten erstellen, das alle gesetzlichen und denkmalschützerischen Anforderungen berücksichtigt. Drittens will der Gemeinderat auf dessen Grundlage gemeinsam mit der Kirchengemeinde beraten, ob eine Infotafel angebracht wird. 

„Die Tafel wird die Gemeinde nichts kosten“, erklärt der Bürgermeister. Es habe sich schon ein Spender aus dem Dorf angeboten, dessen Namen er aber nicht nennen will. Dass die Glocke ganz entfernt wird, will Becker nach der Sitzung zwar nicht hundertprozentig ausschließen. 

Herxheimer wollen Glocke behalten 

Allerdings erscheint diese Option sehr unwahrscheinlich: Erstens heiße es immer wieder, dass die Glocke unter Denkmalschutz stehen könnte. „Aber wir möchten das schriftlich haben.“ Zudem sei die Meinung in der Gemeinde klar: „Ich weiß von niemandem in Herxheim, der gegen die Glocke ist“, sagt Becker. 

Das Geläut des Anstoßes befindet sich an einem idyllischen Ort. Die protestantische Kirche St. Jakob liegt am Ortsrand, von der Mauer um den kleinen Kirchhof kann man den Blick über Weinberge bis tief in die Rheinebene schweifen lassen. Hundert Meter weiter sprechen drei Dorfbewohner über das Thema. „Die Autobahn zwischen Mannheim und Heidelberg haben auch die Nazis gebaut - soll die etwa auch weg?", fragt ein Anwohner. 

Dass sich im Turm eine Glocke aus der NS-Zeit befindet, war hier lange bekannt. Der Pfarrer habe 2011 von der Inschrift berichtet, erzählt Bürgermeister Ronald Becker. „Aber damals hat's keinen interessiert." 

Glocke als Mahnmal?

Die rheinland-pfälzische Landeskonservatorin Roswitha Kaiser hat sich dafür ausgesprochen, die Glocke als Mahnmal hängen zu lassen. 

Auch die Glockensachverständige Müller hatte in der Vergangenheit dafür plädiert, die Glocke als Mahnmal einzustufen - und sie nicht abzustellen. Ähnlich sieht das der zuständige Pfarrer der protestantischen Kirchengemeinde, Helmut Meinhardt: „Die Inschrift ist anstößig und sie bleibt anstößig: Sie gibt uns den Anstoß darüber nachzudenken, dass es in unserer Geschichte dunkle Seiten gab." Die Glocke mit dem Hakenkreuz erklingt nicht bei Hochzeiten oder Beerdigungen, weil noch zwei weitere, neuere Glocken im Turm hängen. 

Allerdings läuten alle drei Glocken zusammen die Gottesdienste ein. Die Kirchengemeinde ist nach Einschätzung des Pfarrers eher überrascht, dass die Glocke nun für so viel Aufruhr gesorgt hat. Viel drängender ist für ihn die Zukunft des Kirchengebäudes: Tiefe Risse durchziehen das Gemäuer - der Bau müsste eigentlich für einen sechsstelligen Betrag saniert werden. 

Wie lange das Gutachten zur Glocke in Anspruch nimmt, ist noch offen. Die Sachverständige Birgit Müller will sich zu dem Thema erst äußern, wenn sie einen schriftlichen Auftrag vorliegen hat. Der Bürgermeister rechnet mit mehreren Monaten. 

Herxheimer wollen keinen Medienrummel mehr 

In Herxheim am Berg hofft man aber offenbar, dass die Diskussion recht schnell beendet wird. Die zahlreichen Medienanfragen hätten ihn in den vergangenen Wochen stark beansprucht, sagt Becker in der Gemeinderatssitzung und erklärt: „In Zukunft stehe ich für Interviews zum Thema Glocke nicht mehr zur Verfügung."

Mehr zum Thema: 

>>> Soll Hitler-Glocke bleiben? DAS sagen unsere Leser 

dpa/kp

Quelle: Mannheim24

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