Affäre um Dokumentarfilm

„Lovemobil“: Alles nur Show? Filmemacherin gibt Deutschen Dokumentarfilmpreis zurück

In solchen Wohnmobilen wohnen die in „Lovemobil“ dargestellten Prostituierten
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„Lovemobil“, ein Dokumentarfilm von Elke Lehrenkrauss

Der 2019 herausgekommene Dokumentarfilm „Lovemobil“ soll die bittere Realität von deutschen Prostituierten aufzeigen. Doch diese stellen sich als Schauspielerinnen heraus – und damit nicht genug.

Der Kino-Dokumentarfilm „Lovemobil“ der Berliner Regisseurin und Filmemacherin Elke Margarete Lehrenkrauss, der in Co-Produktion mit dem NDR entstanden ist und unter anderem aus Mitteln der Nordmedia Filmförderung finanziert wurde, zeigt in weiten Strecken Stellen, die nicht authentisch sind. Zahlreiche Situationen sind nachgestellt oder inszeniert, die Hauptakeure sind Laienschauspieler*innen. Das haben Recherchen des NDR nun ergeben.

„Lovemobil“ – Darstellung der Lebensrealität von Sexarbeiterinnen als Langzeitbeobachtung

Elke Margaretes Dokumentarfilm „Lovemobil“ soll den bitteren Alltag von Sexarbeiterinnen, die sich unter entwürdigenden Umständen in Wohnmobilen am Rande der Bundesstraßen in Niedersachsen prostituieren, zeigen. Es soll eine Art Langzeitbeobachtung sein. Gezeigt werden die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen und ihre alltäglichen Probleme – von Streitigkeiten mit der Vermieterin der Wohnmobile bis zu Misshandlungen durch Freier soll der Film einen unbedeckten Blick auf die Realität der Prostituierten bieten.

Doch was ist überhaupt real an dem Film? Mitarbeiter des NDR haben recherchiert und herausgefunden: Bei „Lovemobil“ handelt es sich nicht um das, was er zu sein vorgibt.

„Lovemobil“ kein Dokumentarfilm?

Die Recherche durch die NDR-Reihe STRG_F zeigt ganz klar auf, weshalb „Lovemobil“ sich nicht als Dokumentarfilm bezeichnen darf: Die beiden Protagonistinnen des Dokumentarfilmes „Lovemobil“, „Rita“ und „Milena“, haben in Wahrheit niemals als Prostituierte in Wohnmobilen gearbeitet. Es sind Laienschauspielerinnen, ebenso wie die beiden Freier – einer davon ist ein Freund von Milena, der andere ein Bekannter der Regisseurin selbst. Nachtclubbesitzer und Zuhälter „Manni“ ist in Wirklichkeit Hausmeister.

Selbst was die Story angeht, werden schwere Vorwürfe gegen Filmemacherin Elke Lehrenkrauss erhoben: Aus Angaben einer Cutterin von „Lovemobil“ ergibt sich, dass auch der im Film durch den Nachtclubbesitzer Manni geschilderte Mord an einer Prostituierten rein fiktiv ist. Die Filmemacherin habe den Darsteller sogar dazu animiert, den Mord zu erfinden und soll dazu sogar einen Tatort drapiert haben. Die einzige reale Person in Lehrenkrauss‘ Film ist Uschi, die Vermieterin der Wohnmobile.

„Lovemobil“ nicht Blick in eine verborgene Welt, sondern auf einen inszenierten Film

Der Dokumentarfilm hat auf mehreren Filmfestivals im Jahre 2019 Furore gemacht. So erhielt „Lovemobil“ auf dem britisch-amerikanischen Dokumentarfilmfestival „Camden International Film Festival“ den „Cinematic Vision Award“; wurde mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis prämiert und erhielt eine Nominierung für den Grimme-Preis 2021. Auf dem Camdem Internationl Film Festival bezeichnete die Jury Elke Lehrenkrauss Dokumentarfilm als „unforgettable cinematic journey that stays with you long after the film ends“ – der Film würde also eine langandauernde Wirkung hinterlassen.

Dass sich das auf einer ganz anderen Ebene bewahrheiten würde, sieht man jetzt. Noch im Januar 2021 prüfte die Grimme-Preis-Nomminierung „Lovemobil“ durch eine eigene Kommission. Daraufhin entbrannte eine Diskussion über die inszenierten Szenen in dem Film. Man einigte sich jedoch darauf, dass – solange die nachgestellten Szenen im Film so stattgefunden haben – eine Nachstellung im Bereich des Dokumentarfilms legitim ist, insbesondere im Milieu der Prostitution.

Die Kommission zeigte sich begeistert über die Einblicke, die „Lovemobil“ in eine ansonsten verborgene Welt liefert. Man hob hervor, dass die im Film gezeigten Frauen „sehr reflektiert“ schienen. Im Nachhinein scheint sich dafür jedoch eine Erklärung zu bieten: Die gezeigten Frauen stellten sich als Laienschauspielerinnen heraus. Der gelungene „Blick in die verborgene Welt“ ist in Wirklichkeit der Blick auf einen inszenierten Film.

Margarete Lehrenkrauss: distanziert sich vom journalistischen Dokumentarfilm

Als die Filmemacherin Elke Margarete Lehrenkrauss im Jahre 2020 nach fünf Jahren Arbeit einen Pressetext zu ihrem Dokumentarfilm „Lovemobil“ verfasst, schreibt sie in ihrem Entwurf: „Weit weg vom Stil einer journalistischen Dokumentation, grenzt sich „Lovemobil“ durch seine atmosphärische Bildgestaltung und filmische Herangehensweise als künstlerische dokumentarische Form klar ab.“ Hätte man hier eine Andeutung auf die nicht-authentische Besonderheit des Dokumentarfilmes herauslesen müssen? Da die Regisseurin keinerlei Hinweise auf eine Erfindung von Protagonisten oder das Nachspielen von Szenen gemacht hat, wurde ausgerechnet dieser Satz aus der Ankündigung herausgenommen – aus Platzgründen.

Margarete Lehrenkrauss bezeichnet „Lovemobil“ als „authentischer als die Realität“

Genau aus dem Grund erhebt die Autorin Vorwürfe gegen den NDR. Lehrenkrauss zufolge sei alles ein Problem der Etikettierung. Die FIlmemacherin behauptet, sich von Anfang an deutlich von der journalistischen Darstellungsform distanziert zu haben. Sie geht sogar noch weiter und bezeichnet ihren nach ihrer Meinung „künstlerischen Dokumentarfilm“ als „authentischer als die Realität“. Doch kann „Lovemobil“ unter den Kriterien überhaupt noch als dokumentarisch angesehen werden? Die Antwort lautet ganz eindeutig: nein! Denn eine fiktive Geschichte, dargestellt durch fiktive Personen, kann selbst nach Maßgaben des nicht-journalistischen Dokumentarfilms in keinster Weise mehr als dokumentarisch bezeichnet werden.

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Letzten Endes tritt Lehrenkrauss von ihrem Deutschen Dokumentarfilmpreis zurück und entschuldigt sich dabei öffentlich bei allen Beteiligten und den ZuschauerInnen des Filmes.

„Hiermit gebe ich den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2020 nebst der damit verbundenen Geldprämie zurück. Ich habe bei der Realisierung meines Films ‚Lovemobil‘ schwerwiegende Fehler gemacht, die ich zutiefst bereue und deren Ausmaß mir gerade selbst erst klar wird. Die Teilnahme meines Films ohne entsprechende Kennzeichnung und Offenlegung seiner Machart stellt eine Wettbewerbsverzerrung dar. Mir ist klar, dass ich die entstandene Frustration und Enttäuschung bei Preisgebern, Juror*innen und Kolleg*innen damit nicht rückgängig machen kann. Das bedauere ich sehr. Ich entschuldige mich in aller Form bei allen Beteiligten, sowie allen Zuschauer*innen. Die Rückgabe des Deutschen Dokumentarfilmpreises ist mein erster Schritt, aus diesem Fehler zu lernen und meiner Branche und dem Deutschen Dokumentarfilmpreis nicht weiter durch diesen Film zu schaden“, so Lehrenkrauss.

Irene Klünder, Leiterin des SWR Doku Festivals, beteurt hierzu ihre Erleichterung: „Elke Lehrenkrauss hat ihre Konsequenzen gezogen und sich entschuldigt. Das verdient Respekt und sollte ihr auch eine Zukunft ermöglichen. Zugleich ist dies eine Chance für den Dokumentarfilm, in dem offen die Transparenz und die Frage nach Authentizität diskutiert wird.“

(snh)

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