Viele Fragen, wenig Antworten

Angeklagter berührt mit emotionaler Aussage im BASF-Prozess – und sorgt dennoch für Verwirrung!

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Am 10. April äußert sich der Angeklagte Andrija K. (l.) erstmals zum Tag des verheerenden BASF-Unglücks.

Ludwigshafen/Frankenthal - Erstmals äußert sich der Angeklagte im BASF-Prozess zum Unglückstag selbst – mit ernüchterndem Ergebnis. Am Ende des Tages waren mehr Fragen offen als beantwortet...

Der 17. Prozesstag am Landgericht Frankenthal wurde heiß erwartet: Am Mittwoch (10. April) äußert sich der angeklagte Andrija K. (63) erstmals zum Tag des verheerenden BASF-Explosionsunglücks in Ludwigshafen. Seine Aussage war eigentlich schon für den vorherigen Prozesstag vorhergesehen, doch diese musste aufgrund des Gesundheitszustands des gebürtigen Bosniers, der auch zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe mit physischen und psychischen Problemen zu kämpfen hat, verschoben werden.

Der angeklagte Arbeiter einer Spezialfirma für Rohrleitungsbau in Ludwigshafen ist ein kleingewachsener Mann – er verschwindet förmlich hinter dem Tisch vor der Anklagebank. Er spricht sehr leise, flüstert teilweise. Sein Verteidiger korrigiert immer wieder die Position des Mikrofons, damit K., der nur gebrochenes Deutsch spricht, besser verstanden werden kann. Er wirkt angespannt. Verständlich, wird ihm doch vorgeworfen, durch den Anschnitt eines falschen Rohres mehrere Explosionen im Landeshafen Nord auf dem BASF-Werksgelände ausgelöst zu haben, wodurch fünf Menschen getötet und 44 teilweise schwer verletzt wurden. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung sowie Körperverletzung und fahrlässiges Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion.

Ein weiterer Prozess bewegt gerade die Öffentlichkeit: Am Landgericht Mannheim ist ein Mann angeklagt, der einen Rentner in der Innenstadt totgeprügelt haben soll. 

Ludwigshafen: Angeklagter äußert sich zu Tag der BASF-Katastrophe

Bevor er über den Tag des schrecklichen BASF-Unglücks in Ludwigshafen spricht, ergänzt K. zunächst seine Aussage vom vorherigen Verhandlungstag, bei dem er aufgrund des belastenden Prozesses eine Blockade gehabt und die Fragen nicht mehr richtig verstanden hätte. Er gibt an, bereits im Jahr 2010 doch schon einmal an der fraglichen Stelle im Rohrgraben der BASF gearbeitet zu haben – damals aber an einer Brunnenwasserleitung. Seitdem habe auf 20 bis 30 Baustellen pro Jahr gearbeitet, weswegen ihm das nicht sofort eingefallen sei.

Tödliches Flammeninferno im Landeshafen Nord in Ludwigshafen: Auf unserer großen Themenseite zum verheerenden BASF-Unglück mit fünf Toten findest Du alle Infos zum dramatischen Feuerwehreinsatz, der Ursachenforschung, Fotos von der Unglücksstelle und dem Prozess am Landgericht Frankenthal.

Explosion erschüttert BASF-Gelände

Danach der Teil, auf den alle Anwesenden im Gerichtssaal mit Spannung gewartet haben: Richter Uwe Gau fragt den Angeklagten nach dem genauen Ablauf am 17. Oktober 2016 auf dem BASF-Werksgelände in Ludwigshafen – dem Tag der Katastrophe.

Emotionale Aussage zu tödlichem BASF-Unglück in Ludwigshafen

Es war ein Tag wie jeder andere“,  beginnt K.. Wie üblich habe es zunächst eine Besprechung gegeben. Danach habe er das nötige Werkzeug gerichtet und sei mit dem unterzeichneten Feuerschein zur Baustelle gefahren. Dort wurde wie ebenfalls üblich eine Probebohrung durchgeführt – dabei sei festgestellt worden, dass die Leitungen frei sind. Danach habe er die Arbeiten begonnen. „Ich denke, ich war am richtigen Rohr“, fügt der 63-Jährige leise hinzu.

Doch danach setze seine Erinnerung komplett aus. Er hatte erst wieder einen klaren Augenblick, als er nach der Explosion kalt abgeduscht wurde. Danach sei er in Schockstarre verfallen und erst wieder im Krankenhaus zu sich gekommen. Auch daran, dass er selbst in Flammen gestanden und noch einen Einsatzwagen von der Unglücksstelle fortbewegt habe, könne er sich nicht mehr erinnern.

Der Angeklagte schluckt schwer, spricht noch leiser als sonst: „Das war ein schwerer Tag in meinem Leben. Das Unglück hat mein Leben kaputt gemacht!“.

BASF-Prozess am Landgericht Frankenthal: Seit Februar 2019 steht ein 63-jähriger Schlosser einer Spezialfirma für Rohrleitungsbau vor Gericht, muss sich wegen fahrlässiger Tötung sowie Körperverletzung und fahrlässigen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion verantworten – die Entwicklungen des bisherigen Prozesses im Überblick.

Immer wieder fragt Richter Gau geduldig nach, will exakt wissen, wann die Erinnerung des Angeklagten aussetzt. Dann plötzlich schildert K. detaillierte Arbeitsvorgänge – dass er die markierte Schnittstelle für die Flexarbeiten mit einer Nadel angerissen habe und wie er die Brandschutzmatte platziert habe, was für reichlich Verwirrung im Saal sorgt. 

Nach Explosion: Arbeiten an BASF-Unglücksstelle

Doch nach erneuter Nachfrage wird klar, dass K. sich dabei lediglich auf den üblichen Ablauf solcher Arbeiten, mündliche Berichte seiner Kollegen und nachträglich an der Unglücksstelle angefertigte Fotos bezieht. Wie viele Schnitte er gemacht habe, wie lange er im Graben gearbeitet habe – all das wisse er nicht mehr.

Mit einem Kollegen, der ihn regelmäßig im Krankenhaus besucht habe, habe er sich eine Million Mal gefragt, wie es zu der Katastrophe kommen konnte – „aber ich habe keine Antwort“, so K. weiter. Als Richter Gau den Angeklagten daraufhin mit dem Ergebnis der Kriminaltechnik konfrontiert, bei dem festgestellt wurde, dass an dem richtigen Rohr kein Schnitt festgestellt wurde, gibt der 63-Jährige keine Antwort. Danach wird eine Pause einberufen, nach der jedoch entschieden wird, die Befragung des Angeklagten zum Tag des Unglücks am folgenden Prozesstag fortzusetzen.

Ludwigshafen: Angeklagter hat keine Erinnerung an BASF-Unglück – Opfer-Anwalt stellt Aussage in Zweifel

Während Rechtsexperten ein sogenanntes Augenblicksversagen - also einen „Blackout“ - für möglich halten, macht Opfer-Anwalt Alexander Klein, der die Eltern eines bei der BASF-Katastrophe in Ludwigshafen getöteten Feuerwehrmanns vertritt, deutlich, dass er an den behaupteten Erinnerungslücken des Angeklagten zweifelt. Er erwägt, ein psychiatrisches Gutachten zu verlangen, da es laut seiner Aussage in der modernen Aussagepsychologie als unwahrscheinlich gelte, dass bei Betroffenen eines schwerwiegenden Traumas die Erinnerung an die Ereignisse gelöscht werde. Viel mehr sei das Gegenteil der Fall – nämlich, dass sich das Erlebte tief ins Gedächtnis einbrenne. 

Darüber hinaus kritisierte Klein im Anschluss an den Prozesstag, dass der Beschuldigte zwar sein eigenes Schicksal beklage, aber bislang kein Wort des Mitgefühls für die Opfer und deren Familien geäußert habe. „Meine Mandanten warten seit zweieinhalb Jahren darauf.

Der Prozess um das schreckliche BASF-Unglück in Ludwigshafen, bei dem fünf Menschen gestorben sind, läuft vermutlich noch bis Ende Juli.

rob

Quelle: Ludwigshafen24

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