„Kulturangebot ausgelegt auf Leute über 60“

Ernüchternde Ergebnisse nach großer Studie zu Clubsterben! Gibt es noch Hoffnung?

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Der ehemalige Club Suite in Mannheim.

Rhein-Neckar-Region - Eine Studie im Auftrag des „Verbandes EventKultur“ gibt Aufschluss über die Gründe der schrumpfenden Clubkultur. Eines vorne weg: Sie ist ernüchternd, macht aber auch Hoffnung.

Nachdem bereits am vergangenen Donnerstag (13. September) eine Studie des Instituts für Geographie der Universität Heidelberg Aufschluss über den Verfall der Heidelberger Clubkultur gibt, folgt nun eine zweite Studie, die einen weiteren Blick auf die Gründe der verfallenden Club-Kultur wirft. Lösungsvorschläge hält sie auch bereit.

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Schonmal außerhalb der Region gefeiert – zum Beispiel In Frankfurt, Karlsruhe oder gar Stuttgart? Kein Wunder, denn immer mehr Clubs schließen in der Metropolregion Rhein-Neckar ihre Pforten! Vor drei Jahren ist es der „Schwimmbad Club“ in Heidelberg, der dicht macht. Zwei Jahre darauf folgt „Die Nachtschicht“Und das obwohl Heidelberg mit einem Durchschnittsalter von 40,1 Jahren die jüngste Stadt Baden Württembergs ist

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Dass dies kein Heidelberger Phänomen ist zeigt etwa die Schließung des „Zappato“ in Mannheim vor fast drei Jahren. Dass das Clubsterben ein akutes Problem ist, bescheinigt auch Christian Sommer, Geschäftsführer der ‚Mg: Mannheimer Gründungszentren GmbH mg‘ in der Studie:

„Wir haben keine vielfältige Clublandschaft mehr. Das finde ich in sofern traurig, weil ich es nie verstanden habe, warum das so ist. Ich bin 1966 geboren und habe die 80er in Mannheim mitbekommen. Da war immer die Hölle los in der Stadt, ständig Konzerte...“

Die „SUITE“ in Mannheim etwa, die im August 2015 ihre Pforten schließt, um sie nur ein Jahr später in Neustadt wieder zu eröffnen, bietet Gästen seit dem 1. September 2018 nur noch zu speziellen Veranstaltungen Einlass.  

Es geht nicht nur um die klassische Disko. Neben Kneipen und Bars sind den Befragten vor allem Musik-Klubs wichtig. 

Warum ist das so? Fehlt es an Feierwütigen? Sind die Haltungskosten der Veranstalter zu hoch? Und ganz wichtig: was bedeutet der Wegfall vieler Locations für die Zukunft? Viele Fragen, keine Antworten. Bis jetzt. 

Der Aufbau der Studie

Um herauszufinden, wie sich die Bedürfnisse und Sorgen von Gästen und Veranstaltern unterscheiden, teilt die Studie die Befragung in zwei Gruppen auf. Die duale Hochschule in Mannheim beschäftigt sich in ihrer Freizeitstudie explizit mit der Besucherseite und befragt dazu von Herxheim über Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen bis Osterburken insgesamt 500 Leute zwischen 14 und 49 Jahren. 

Die Umfrage der Popakademie Baden-Württemberg hat die andere Seite im Auge: Sie beschäftigt sich mit den Veranstaltern und befragt dazu circa 240 Spielstättenbetreiber in der Metropolregion bezüglich ihrer wirtschaftlicher Lage sowie Probleme.

Was sagen die Betroffenen?

Eines steht fest: An Feierwütigen mangelt es nicht! Dem Großteil der 20 bis 29-jährigen ist das Nachtleben sehr wichtigFeiern ist gar die viertgrößte Säule der Freizeitbeschäftigung insgesamt. Clubs wird dabei von 42 Prozent der Befragten eine wichtige oder sehr wichtige Bedeutung zugemessen. Noch wichtiger sind nur Bars und Kneipen. 

Deutlich wird die Unzufriedenheit mit dem Feierangebot anhand folgender Zahlen: Wo der Großteil der Befragten mit Dingen wie Sport- und Freizeitangeboten sowie Erholungs- und Grünflächen zufrieden bis sehr zufrieden ist, landet das Nachtleben mit Kneipen und Musik-Clubs an letzter Stelle. Hier ist die Unzufriedenheit am höchsten!


Christian Wiens, Geschäftsführer der GetSafe GmbH Heidelberg, formuliert diesbezüglich fast schon spitz: „Heidelberg hat 40.000 Studenten und die Stadt ist, gerade im Kulturangebot, ausgelegt auf Leute über 60. Ein Musikclub-Angebot ist mit Abstand der wichtigste Faktor, gerade für die junge Zielgruppe.“

Was sagen die Veranstalter? 

Wer die Polizei, das Ordnungsamt, behördliche Auflagen oder gar die GEMA als größte Störfaktoren ausmacht, irrt. Vor allem der Anteil an GEMA-Abgaben ist im Vergleich zu anderen Ausgaben verschwindend gering. Es sind insbesondere steigende Betriebs- und Personalkosten sowie der Mangel an bezahlbaren Werbeflächen, die der Feierindustrie das Leben schwer machen – und auch an Subventionen fehlt es. Diese bilden im Vergleich zu Tür-Erlösen und Gastronomie, die etwa die Hälfte der Gesamterlöse ausmachen, einen Bruchteil. Die zukünftige Wirtschaftslage wird gar von 25 Prozent der Betreiber als kritisch betrachtet.


Dass sich dabei aber nicht alles um die bare Münze dreht, sagt Felix Grädler, 1. Vorsitzender des Club­ und Veranstalterverbandes Eventkultur Rhein­Neckar: „Es geht letztlich noch nicht einmal um viel Geld, sondern eher um das Verständnis, dass die Clubszene und das entsprechende Angebot für junge Menschen Lebensqualität bedeutet und so ein gravierenden Standortfaktor ist.”

  • Das Nachtleben - vor allem Clubs - hat einen enorm hohen Stellenwert für 20 bis 29-Jährige
  • Die Zufriedenheit mit dem Nachtleben in der MRN ist hingegen gering
  • Die Unzufriedenheit resultiert letztlich aus einem zu geringen Angebot

Gründe für geringes Angebot an Clubs

  • die Betriebs- und Personalkosten der Veranstalter gestiegen sind
  • es an bezahlbaren Werbeflächen mangelt
  • Subventionen zu gering sind

Der Versuch einer Lösungsfindung

Eins ist klar: Es braucht ein Mehr! Ein Mehr an Musikclubs, Pop- und Subkultur sowie vielfältigem Nachtleben. Kurz: ein Mehr an Vielfalt. Um dies zu ermöglichen müsse laut des Verbandes Eventkultur der bürokratische Aufwand verringert werden. 

Zudem brauche es ein Clubförderkonzept. Der Dialog mit der Politik müsse dazu aktiv gesucht werden. Branchenverbände und Netzwerke sollten außerdem eine stärkere strukturelle Unterstützung erfahren. Und auch die Stakeholder, also die Investoren außerhalb der Veranstaltungsbranche, müssen für die pop- und subkulturelle Szene sensibilisiert werden.  

Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist die bundesweit erste und bislang einzige Ernennung eines Nachtbürgermeisters in Mannheim. Hendrik Meier vermittelt seit dem 1. August 2018 zwischen Clubszene, Anwohnern und Behörden. Das kann aber nur ein Anfang sein, um die Nächte in der Metropolregion Rhein-Neckar wieder bunter werden zu lassen.

Am 10. Oktober werden die ausführlichen Ergebnisse der Studie um 17 Uhr in der Halle02 in Heidelberg präsentiert. 

pm /chh

Quelle: Mannheim24

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