Allein 3 Babyklappen in Rhein-Neckar-Region

Umstritten, aber notwendig? Alle Infos rund um das Thema Babyklappen!

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Der Babykorb im St. Marienkrankenhaus in Ludwigshafen.

Seit dem Fund eines toten Säuglings in einer Babyklappe in Köln ist die Diskussion, um die umstrittene Einrichtung wieder entfacht! Doch wie funktioniert eine Babyklappe und warum gibt es sie überhaupt? 

Während es die einen kaum erwarten können, schwanger zu werden, sind andere Frauen mit der Situation völlig überfordert. Es gibt Mütter, die mit einer Schwangerschaft nicht zurecht kommen, das Kind nicht wollen oder unter Druck und Zwängen stehen. Genau diese Frauen haben die Möglichkeit, ihr Neugeborenes an das Jugendamt abzugeben – ganz anonym in einer Babyklappe.

Wir sprechen mit Katja Hein, Sprecherin des St. Marienkrankenhauses in Ludwigshafen. Sie beantwortet uns alle Fragen rund um die Babyklappe.

Was ist eine Babyklappe?

Eine Babyklappe, auch Babykorb genannt, ist eine Einrichtung, die es Müttern erlaubt, ihr Neugeborenes anonym zur Adoption frei zu geben. Die Institutionen, die Babyklappen haben, sind meist Kirchen, Krankenhäuser oder Vereine. Babyklappen sorgen für die Anonymität der Mutter und für eine optimale Versorgung des Kindes nach der Geburt.

Wie funktioniert eine Babyklappe?

Die Mutter öffnet die Tür. In der Babyklappe findet sie alles, was sie für die Versorgung des Babys braucht. Außerdem gibt es auch zusätzliche Informationsmaterialien, die sich die betroffene Frau mitnehmen kann. Die Frau legt ihr Kind hinein und schließt die Tür wieder. Anschließend wird zeitversetzt ein Alarm an der Früh- und Neugeborenenstation ausgelöst. Eine Kamera in der Babyklappe schaltet sich an, sodass Mitarbeiter auf dem Monitor des Pflegestützpunkts sehen können, ob ein Baby im Korb liegt.

In der Babyklappe im St. Marienkrankenhaus findet die Mutter alles, was sie für die Erstversorgung ihres Neugeborenen braucht.

Wie lange dauert es, bis das Baby versorgt wird?

Sobald ein Kind in die Babyklappe gelegt wurde, geht eine Kinderkrankenschwester mit einer Decke sofort zur Klappe. In der Regel kommen weitere Kollegen dazu. „Spätestens fünf Minuten nach Auslösen des Alarms öffnet eine Pflegekraft die Tür des Babykorbs“, erklärt Hein. Das sei Vorschrift. Doch meistens gehe das viel schneller. In Ludwigshafen habe es in der Vergangenheit etwa zwei Minuten gedauert, bis eine Schwester beim Kind war

Was passiert mit dem Baby, nachdem es in die Babyklappe gelegt wurde?

Hier kommt es auf den Gesundheitszustand des Babys an! Geht es dem Kind gut, kommt es auf die Früh- und Neugeborenenintensivstation. Hier untersucht ein Arzt das Kind. Ist das Baby in einem schlechten Zustand, bringt es die Pflegekraft sofort in die Reanimationseinheit im Kreißsaalbereich. Dort wird das Kind medizinisch versorgt.

Das Krankenhaus meldet den Säugling telefonisch und per Fax beim zuständigen Jugendamt. Das Jugendamt übernimmt sofort die Amtsvormundschaft. Nach der Versorgung in der Klinik, wird das Kind in enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt betreut: Je nach Gesundheitszustand entweder in der Kinderklinik oder durch das Jugendamt im Rahmen einer Bereitschaftspflege.

Kann die Mutter ihr Baby wieder zurückholen?

Die Mutter hat nach der Abgabe in der Babyklappe bis zu acht Wochen Zeit, ihr Kind wieder zu sich zu nehmen. Voraussetzung: Sie kann sich als Mutter des Babys ausweisen. Für Fragen steht zum Beispiel in Ludwigshafen der Fachdienst ‚Guter Start ins Kinderleben‘ zur Verfügung – natürlich streng vertraulich und anonym.

Warum gibt es Babyklappen?

Oft bringen Frauen auch in Notsituationen Kinder zur Welt. Sind dann mit der Situation überfordert und wissen nicht, was sie mit dem Neugeborenen machen sollen. Es gibt Fälle, in denen Frauen ihre Kinder einfach aussetzen – oder im schlimmsten Fall sogar töten! 

Erst im September 2017 findet ein Pilzsammler Babyknochen in einem Waldstück bei Viernheim! Die Mutter wird wenig später identifiziert. Was genau mit dem kleinen Jungen namens Michael passiert ist, ist noch immer unklar. 

Menschliche Überreste? Pilzsammler findet Knochen! 

Wenige Monate später der nächste Horror-Fund: Ein Spaziergänger findet im Januar eine Babyleiche im Pfingstbergweiher in Mannheim. Die Polizei bittet im März 900 Frauen zu einem DNA-Test, um die Mutter zu ermitteln – ohne Ergebnis! Im Juli dann der zweite Versuch: Hier werden insgesamt 2.600 Frauen gebeten, eine Speichelprobe abzugeben. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Im Pfingstbergweiher in Mannheim findet die Polizei eine Babyleiche.

Um genau solche Taten zu verhindern, wurden Babyklappen im Jahr 2000 in Deutschland eingeführt. Frauen sollen anonym ihr Baby in die Obhut des Jugendamts geben können und nicht aus Verzweiflung Straftaten begehen. „Die betroffenen Mütter befinden sich in einer persönlichen Ausnahmesituation und einem Zustand großer Verwirrung, oft stehen sie auch unter äußerem Druck oder unterliegen anderen Zwängen“, so die Sprecherin des St. Marienkrankenhauses.

Geschichte der Babyklappe

Babyklappen sind kein Phänomen unserer Zeit: Eine der ältesten ‚Babyklappen‘ ist noch heute am Vatikanischen Krankenhaus „Santo Spirito“ sichtbar. Papst Innozenz III. hat bereits Ende des 12. Jahrhunderts dafür gesorgt, dass an den Pforten der Findelhäuser sogenannte Drehladen angebracht werden. Auch in Florenz war es bis 1875 möglich, sein Kind anonym über eine Drehlade im Findelhaus ‚Ospedale degli Innocenti‘ abzugeben. 

1709 wird in einem Hamburger Waisenhaus eine Drehlade eingerichtet – ausdrücklich, um Kindesmord zu verhindern. Fünf Jahre später wird diese jedoch aufgrund des großen ‚Erfolges‘ wieder geschlossen. Denn jährlich werden dort mehr als 200 Kinder abgegeben.

Die erste moderne Babyklappe Deutschlands befindet sich in Hamburg. Im Jahr 2000 wird diese im Stadtteil Altona errichtet, nachdem im Jahr zuvor vier tote Säuglinge entdeckt wurden. Kurz darauf richten Berlin und Lübeck eine Babyklappe ein. 2001 folgt auch Karlsruhe. Bis 2009 werden insgesamt 80 Babyklappen aufgebaut.

Die erste Babyklappe Deutschlands befindet sich im Kinderkrankenhaus in Hamburg-Altona.

Wie viele Babyklappen gibt es in der Rhein-Neckar-Region?

Deutschlandweit gibt es fast 100 Babyklappen – davon drei in der Rhein-Neckar-Region. In Ludwigshafen im St. Marienkrankenhaus ist die Babyklappe seit November 2001 in Betrieb. Es gibt aber auch eine Babyklappe in der St. Hedwigsklinik in Mannheim und im Krankenhaus Hochstift in Worms. 

  • St. Marienkrankenhaus Ludwigshafen: Salzburger Straße 15, 67067 Ludwigshafen am Rhein; ☎ 0621 55010
  • Theresienkrankenhaus und St. Hedwigsklinik in Mannheim: A2 3-7, 68159 Mannheim; ☎ 0621 10740
  • Krankenhaus Hochstift in Worms: Willy-Brandt-Ring 13-15, 67547 Worms; ☎ 06241 856253; Der Babykorb befindet sich rechts vom Haupteingang - hinter den Fahrradständern

Wie viele Kinder werden jährlich in Babyklappen abgegeben?

Wie viele Kinder jedes Jahr in der Babyklappe abgegeben werden ist nicht genau bekannt. Im Jahr 2011 wurde die erste und bislang einzige umfangreiche Studie zu Babyklappen in Deutschland veröffentlicht. Dazu hat das Familienministerium das Deutsche Jugendinstitut beauftragt. Hier heißt es, dass in zehn Jahren insgesamt 278 Kinder in einer Babyklappe abgelegt wurden. Doch diese Zahl ist mit Vorsicht zu betrachten, denn nicht jeder Babyklappen-Betreiber hat an der Studie teilgenommen. 

In der Babyklappe in Ludwigshafen sind laut Sprecherin zwei Kinder allein 2018 abgegeben worden (Stand August 2018)! Einen toten Säugling, wie in der Babyklappe in Köln, habe es in Ludwigshafen noch nie gegeben, so Hein.

Babyklappen sind in Deutschland umstritten

Babyklappen können Tragödien verhindern und Menschenleben retten – sagen die einen. Kritiker sehen das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft als gefährdet an, da die Mutter das Kind anonym abgehen kann. Vom Gesetzgeber werden die Klappen lediglich geduldet. Eine rechtliche Grundlage gibt es nicht.

„Babyklappen lösen keine Probleme, sondern verschaffen neue“, sagt eine Medizinrechtlerin aus Berlin gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Sie ist nicht der Meinung, dass Babyklappen Kindstötungen verhindern

Alternative zur Babyklappe: Anonyme Geburt

Seit Mai 2014 ist in Deutschland die sogenannte anonyme Geburt möglich. Hier bringen Frauen unter ärztlicher Begleitung ihr Kind in einem Krankenhaus zur Welt. Das Kind wird dann zur Adoption freigegeben und die Frauen werden dabei von einer Beraterin, die an die Schweigepflicht gebunden ist, beraten. Davon haben seit der Einführung 345 Frauen Gebrauch gemacht (Stand 2017).

Während ein Kind aus einer Babyklappe kaum Chancen hat, jemals seine leibliche Mutter kennenzulernen, ist das bei einer anonymen Geburt anders. Hier wird ein Umschlag mit dem Namen der Mutter beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben aufbewahrt. Wenn das Kind 16 Jahre alt ist, darf es, wenn es möchte, den Namen der leiblichen Mutter erfahren.

Was kann ich tun, wenn ich ungewollt schwanger bin?

Die Babyklappe sollte die absolut letzte Möglichkeit sein, das eigene Kind abzugeben. Die Stadt Ludwigshafen bietet zusammen mit dem St. Marienkrankenhaus Hilfe und Beratung an, die eine werdende Mutter in Anspruch nehmen kann.

Adressen und Telefonnummern für Schwangere und Mütter mit Neugeborenen in Not

  • Kostenloses Notruftelefon ☎ 0800 4560789 für Mütter und Schwangere in Not
  • Fachdienst „Guter Start ins Kinderleben“: Westendstraße 17, 67059 Ludwigshafen; ☎ Frau Appelt: 0621 5043652, Frau Veigel: 0621 5043594, Frau Sorg: 0621 5043653
  • Kostenloses Notruftelefon der Caritas für Schwangere in Not: ☎ 0800 4040020

jab

Quelle: Mannheim24

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