Hunderte Bäume müssten gefällt werden

Kampf gegen Rheindamm-Rodung - doch gibt es überhaupt Alternativen? 

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Bürger kämpfen um Baumerhalt am Rheindamm (Archivfoto)

Mannheim-Neckarau/Lindenhof - Der Hochwasserschutz am Rheindamm würde nicht nur mehrere Millionen Euro, sondern auch hunderten Bäumen das Leben kosten. Das will die BIG verhindern:

Meldung vom 4. April 2019: Können tausend Bäume vor der Rodung bewahrt werden? Die Bürgerinitiative BIG schöpft neue Hoffnung, nachdem sich nun auch die Stadt Mannheim in den Streit um die Sanierung des Rheinhochwasserdamms eingeschaltet hat. Die Stadtverwaltung hat kritische Fragen an das Regierungspräsidium Karlsruhe, das für die Planung zuständig ist, gestellt. 

„Wir freuen uns über diese Entwicklung bei der Stadt Mannheim, die wir durch die Mobilisierung der Öffentlichkeit erreicht haben", sagt Wolf-Rainer Lowack, Vorstand der Bürger-Interessen-Gemeinschaft (BIG) Lindenhof. Rund 30.000 Bürger haben unter dem Motto „Erhalten Sie den Baumbestand auf dem Mannheimer Rheinhochwasserdamm" eine Petition für ein neutrales Gutachten durch die Stadt Mannheim unterschrieben. 

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BIG will Möglichkeiten eines schonenden Umgangs mit dem Naherholungsgebiet ausloten lassen. Dies habe das Regierungspräsidium versäumt. Den Gedanken nimmt die für die Genehmigung zuständige Stadt auf und signalisiert ihre Bereitschaft, mit einem eigenen Gutachten einzelne Fragen zu klären. So habe das Regierungspräsidium und ein von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) nicht geklärt, ob Bäume Dämme stabilisieren oder nicht, heißt es in einem Brief von Mannheims Umweltbürgermeisterin Felicitas Kubala an die Behörde. Für Lothar Wessolly, promovierter Ingenieur und Begründer der Baumstatik ist die Antwort jedoch klar: „Das Feinwurzelvlies der Bäume wirkt zusätzlich wie ein Sandsack und schützt besser vor Erosion als eine Grasnarbe.“ Die BIG schreibt am Donnerstag (4. April) in einer Mitteilung dazu: „Darüber hinaus seien Bäume grundsätzlich in der Lage, selbst Orkanwindstärken ohne Bruch und Entwurzelung zu überstehen. Die Bäume auf dem Mannheimer Damm schützten sich gegenseitig. Dem allgemeinen Risiko umstürzender Bäume könne durch regelmäßige Baumkontrolle und -pflege entgegengewirkt werden.“

Das Argument der Behörde, eine bestimmte DIN-Norm müsse angewendet werden, hinterfragt Kubala ebenfalls. Sie betont, der Schutz im Hochwasserfall betroffener Menschen sei vorrangig. Der Eingriff müsse aber so gering wie möglich ausfallen. Ihr Brief ist noch unbeantwortet.

Das Regierungspräsidium begründet das 12,5 Millionen Euro teure Vorhaben mit dem Schutz vor Hochwasser. Bei einem Dammbruch sei damit zu rechnen, dass Teile der Stadt innerhalb weniger Stunden bis zu vier Meter hoch überschwemmt würden. Außerdem könnten bei Hochwasser Material und Einsatzkräfte nicht an eventuelle Schadstellen gebracht werden. Deshalb müssten die Bäume weichen, die das Bauwerk instabiler machten. Das KIT-Gutachten stützt die Position des Regierungspräsidiums weitgehend: Ausnahmen seien an einigen Stellen möglich - allerdings zu hohen Kosten und mit dem Risiko, Präzedenzfälle zu schaffen.

Gibt es eine Alternative zur Baum-Rodung am Rheindamm? 

Geht man nach dem Ergebnis der Gutachter Christian Schmidt und Lothar Wessolly, die im Auftrag der BIG Alternativen zu der vom Regierungspräsidium Karlsruhe geplanten Dammertüchtigung erarbeitet haben, gibt es Alternativen zur Rheindamm-Rodung

Eine Alternative sei der Einsatz einer Dichtwand aus Erdbeton. „Dieses moderne, effektive Verfahren wird bei Deichbauprojekten häufig angewandt, bietet einige Vorteile und ist mindestens so sicher wie eine Erdbauweise“, sagt Schmidt, Prüfingenieur für Geotechnik im Wasserbau bei Krebs + Kiefer Ingenieure, Darmstadt. Eine Dichtwand-Lösung habe man in Karlsruhe bisher nicht geprüft. „Mit einer durchgängigen Spundwand aus Stahl, möglichst in der Mitte des Damms, erfüllen wir höchste Sicherheitsanforderungen“, so Schmidt über eine zweite Alternative.

Laut der BIG gewährleisten beide Varianten die erforderliche Standsicherheit des Damms und schützen die Bevölkerung wirksam vor Hochwasser. „Der Baumbestand könnte so weitgehend erhalten bleiben“, heißt es in der Mitteilung.

Kampf für Baumerhalt am Rheindamm: Tausende Mannheimer unterschreiben Petition!

Meldung vom 27. Juli 2018: „Lassen Sie Alternativen zu der geplanten Vernichtung von mehreren tausend Bäumen durch einen unabhängigen Gutachter auch unseres Vertrauens prüfen!“ – mit dieser Bitte richten sich am Dienstag (24. Juli) Ulrich Holl und Wolf-Rainer Lowack von der Bürger-Interessen-Gemeinschaft (BIG) Lindenhof an Oberbürgermeister Peter Kurz. Mit dabei haben sie ellenlange Unterschriftenliste.

Fast 22.000 Mannheimer wollen nämlich für den Baumschutz am Rheindamm kämpfen. Rund Tausend Bäume sollen dort möglicherweise gerodet werden, damit das Ufer vor Hochwasser gesichert werden kann.

Mit der Vernichtung von mehreren tausend Bäumen würde ein Naturschutz- und Naherholungsgebiet von unschätzbarem Wert unwiderruflich geschädigt werden“, heißt es unter anderem von Seiten der BIG. 

Kritik gegen ,DIN‘-Norm

Vor allem die sogenannte ,DIN 19712‘-Vorschrift, die das Regierungspräsidium Karlsruhe als Begründung für die Rodung nennt, sieht die BIG sehr kritisch. Laut dieser Norm dürfen auf der Dammkrone und rechts und links vom Dammfuß auf jeweils zehn Metern Breite keine Bäume stehen.

Nach Auskunft des Deutschen Institut für Normung e.V. (DIN) haben die Normen nur Empfehlungscharakter, es sei denn, sie seien gesetzlich verankert, was hier nicht der Fall ist", schreibt die BIG in einer Mitteilung.

Suche nach Alternativen

Es gibt realistische Chancen, den Baumbestand auf unserem Damm zu erhalten, ohne Kompromisse bei der Sicherheit zu machen. Es wäre töricht und verantwortungslos, diese Chancen nicht zu nutzen", so Wolf-Rainer Lowack. Daher wolle man, dass OB Kurz die BIG mit ins Boot holt und bei Auswahl, Briefing und Begleitung des Gutachters einbindet. 

Und was sagt OB Peter Kurz?

Kurz kann die Forderung nachvollziehen. „Wo mein Herz schlägt, ist völlig klar." Allerdings müsse bei jeder Lösung der Hochwasserschutz garantiert sein. Über dessen Ausgestaltung dürfe nicht politisch, sondern müsse fachlich entschieden werden. Einem neuen Gutachten schließe Kurz nicht aus.

Übrigens: Seit Bau des Dammes 1901 habe es nur ein größeres Hochwasser 1955 gegeben. Das habe aber den Damm nicht übertreten, sondern die Dammkrone noch deutlich unterschritten.

dpa/pm/jol

Quelle: Mannheim24

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