SPD-Veranstaltung über Antisemitismus

Xavier Naidoo, Attila Hildmann und Co. – Promis glauben an diese irren Mythen

Mannheim - Verschwörungsmythen und Antisemitismus greifen in der Corona-Krise wieder um sich. Welche Mythen besonders populär sind:

  • Während der Corona-Krise glauben immer mehr Menschen an Verschwörungsmythen.
  • Die SPD führt in Mannheim ein Gespräch zum Theme Verschwörungsmythen und Antisemitismus.
  • Xavier Naidoo, Attila Hildmann und Co. glauben an Mythen aus dem 16. Jahrhundert.
  • Zu den Mythen von Xavier Naidoo gibt es auch einen Fakten-Check.

Tausende Menschen demonstrieren in Deutschland gegen die „Corona-Diktatur“, Prominente wie Xavier Naidoo, Atillta Hildmann und Sido verbreiten ihre kruden Weltansichten über soziale Medien und eine Anwältin aus Heidelberg ruft mitten in einer Pandemie zu Versammlungen und Regelverstößen auf. Es wirkt, als hätten all diese Menschen während der Corona-Krise einen Lagerkoller bekommen und müssen nun einfach etwas etwas Dummes tun. Doch dem ist nicht so. Denn hinter all dem stehen oft Verschwörungsmythen. Die können harmlos sein, so wie die Flacherdler-Bewegung, aber auch eine Gefahr für unsere gesamte Gesellschaft darstellen. Aus diesem Grund hat die SPD-Mannheim am Montagabend (6. Juli) zu einem Austausch eingeladen.

Name Mannheim
BundeslandBaden-Württemberg
Einwohnerzahl309.370 (2019)
OberbürgermeisterDr. Peter Kurz (SPD)
Hochschulen und UniversitätenUniversität Mannheim, Hochschule Mannheim, Popakademie Baden-Württemberg

Mannheim: Veranstaltung der SPD gegen Antisemitismus und Verschwörungsmythen

Antisemitismus und Verschwörungsmythen. Wo kommen sie her? Wie halten wir dagegen?" heißt die Veranstaltung am Marktplatz. Der Ort passt gut dafür, da dort schon mehrfach Demos gegen die Corona-Maßnahmen gehalten worden sind. Die große Menge ist davon allerdings nicht angesprochen worden. Bei der letzten Anti-Corona-Demo sind etwa so viele Menschen anwesend, wie bei der Veranstaltung der SPD am Montag. Der Unterschied besteht aber darin, dass die Teilnehmer dieses Mal einen Mundschutz tragen und keine wüsten Behauptungen in die Welt schreien. Ganz im Gegenteil.

Ein Auszug aus der Mitte-Studie zeigt ein Erschreckendes Ergebnis. (Screenshot)

Die SPD hat extra Dr. Michael Blume eingeladen. Der Religionswissenschaftler ist seit 2018 der erste Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung. Zudem sind auch der SPD-Kreisvorsitzende Dr. Stefan Fulst-Blei und der Landtagsabgeordnete Dr. Boris Weirauch vor Ort. Der erklärt in seinem Grußwort auch gleich einen wichtigen Fakt. „Ich kann auch Antisemit sein, ohne Verschwörungsmythen anzuhängen und ich kann auch Verschwörungsmythiker sein, ohne Antisemit zu sein.“ Doch die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, dass 38,3 Prozent der Verschwörungsschwurbler antisemitisch und fremdenfeindlich eingestellt sind. Den höchsten Wert macht die Abwertung asylsuchender Menschen aus – und zwar mit 67,9 Prozent!

Mannheim: Hass verbreitet sich im Internet und führt zu Straftaten

Dr. Boris Weirauch erklärt, dass der Hass und die Mythen zunehmend über das Internet und die sozialen Medien geteilt werden würden, weil dort die Leute auf Gleichgesinnte träfen. Schlimm werde es dann, wenn es nicht nur bei Worten bleibt. „Es gibt immer einen, der glaubt Vollstrecken zu müssen, was 100 andere im Internet erzählen", sagt der 43-Jährige. Im schlimmsten Fall endet es dann wie in Halle, wo der Rechtsextremist Stephan B. am 9. Oktober 2019 bewaffnet in eine Synagoge eindringen will, um dort Juden zu töten! Daher brauche es eine klarere Strafverfolgung sowie klarere Bekenntnisse des Staates und der Strafverfolgungsbehörden.

Dutzende Menschen kommen zu der SPD-Veranstaltung am Marktplatz.

Als Beispiel dazu nennt Weirauch die Kommunalwahl 2019 in Baden-Württemberg, bei der auch in Mannheim rechtsextreme Plakate der NPD und von „Der III. Weg“ aufgehängt wurden. Aufschriften wie „Israel ist unser Unglück“ oder „Wir hängen nicht nur Plakate auf“ sorgten dafür, dass der SPD-Politiker eine Anzeige stellte – die von der Staatsanwaltschaft Karlsruhe aber eingestellt wurde. Er habe daher die Landesregierung gefragt, warum es sich dabei nicht um Volksverhetzung handele. Die Antworten dazu: „Israel ist unser Unglück“ könne auch als Kritik der Siedlungspolitik gesehen werden und „Wir hängen nicht nur Plakate auf" komme daher, dass die Partei die Todesstrafe wieder einführen wolle! Fall geschlossen – jedenfalls so lange, bis das Oberlandesgericht Karlsruhe die Ermittlungen wieder aufnehmen ließ.

Mannhein: Xavier Nadioo nutzt Argumente aus dem 16. Jahrhundert

Im Anschluss führen Dr. Michael Blume und Dr. Stefan Fulst-Blei noch einen Dialog über die Ursprünge des Antisemitismus und der Verschwörungsmythen, die mehrere Jahrhunderte zurückreichen und bis heute die Zeit überdauern. So habe man im 16. Jahrhundert Frauen und Juden beschimpft, aus Kindern „Hexensalben“ zu machen. „Und heute verkündet ein Xavier Naidoo aus seiner Villa heraus, dass angeblich Juden und Frauen Kinder töten und aus denen Adrenochrom machen“, sagt Blume und erläutert damit die Rolle, die der Fortschritte auch immer für die Mythen und den Hass gespielt habe. Mit dem Buchdruck kam der „Hexenhammer", mit Radio und TV die Propaganda der Nazis und mit dem Internet die sozialen Medien.

So gebe es, laut Dr. Stefan Fulst-Blei, auf Telegram Menschen, die die Juden als Virus bezeichnen, das ausgerottet werden müsse. Das sei die gleiche Logik, mit der die Nazis „kleine jüdische Babys ins Gas geschickt" hätten. Viele Menschen würden komplett vergessen, dass auch im Internet Gesetze gelten und sich jeden Tag mit ihren Aussagen strafbar machen. So wie Attila Hildmann, der Angela Merkel, Bill Gates und Dietmar Hopp aufs Übelste beschimpft und nun mit Konsequenzen rechnen muss, weil der Staatsschutz gegen ihn ermittelt.

Mannheim: Rechte und Mythiker sehen sich als Opfer

Ein weiterer Aufreger der Veranstaltung ist der liberitäre Antisemitismus, über den Dr. Michael Blume redet. Diese Menschen würden den Holocaust zwar nicht leugnen, ihn aber den Juden selbst in die Schuhe schieben. Außerdem würden sie sich selbst als Opfer sehen, die durch Impfungen oder Corona-Regeln zu den „neuen Juden“ gemacht würden. Sie fallen zudem durch das Tragen eines „Judensterns“ auf, wie er in letzter Zeit vermehrt auf Anti-Corona-Demos genutzt wird. Mitglieder dieser Bewegung sind aber auch in der Politik zu finden. Zum Beispiel der AfD-Landtagsabgeordnete Bernd Gögel, der bei einer Sitzung im März gefordert habe, ihm den „blauen Stern" zu geben, wie Fulst-Blei berichtet. Den erhielten im Dritten Reich Emigranten, die nach ihrer Auswanderung wieder in den deutschen Machtbereich gelangten.

Demoteilnehmer tragen „Judenstern“, um sich als Opfer zu markieren. (Symbolfoto)

Vor der Fragerunde bedankt sich Dr. Michael Blume bei allen Anwesenden und erklärt, dass die Demokraten dieses Mal früher aufstehen würden, um sich gegen den Antisemitismus zu wehren. Denn dieser würde die gesamte Gesellschaft bedrohen. „Die werden es nicht schaffen, uns zu zerstören. Mit diesem Optimismus müssen wir gegen diesen Hass gehen.“ (dh)

Xavier Naidoo hat ein Video von sich auf YouTube entdeckt und teil es auf Telegram. Dabei handelt es sich um einen 10-Stunden-Loop, in dem er wegen eines Verschwörungsmythos weint. Der Musiker schlägt vor, den Clip als Folterinstrument zu nutzen.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnowdpa/MANNHEIM24/Daniel Hagen

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