„Eine Frage über Leben und Tod“

A5 und A6 - Zahl tödlicher Lkw-Unfälle steigt enorm

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Mit immer mehr Lkw auf den Autobahnen 5 und 6 steigt auch die Zahl der tödlichen Unfälle. (Archivbild)

Mannheim - Dafür gibt die Polizei unaufmerksamen Fahrern eine Mitschuld. Am Steuer Kaffee kochen oder Zeitung lesen sei keine Seltenheit, so der Mannheimer Verkehrspolizeichef:

Gegen den tonnenschweren Laster haben die Eltern und ihre Tochter auf der A5 bei St. Leon-Rot keine Chance. Mit Wucht bohrt sich der Sattelschlepper in das Stauende nahe dem Autobahnkreuz Walldorf und schiebt den Wagen der Familie aus Nordrhein-Westfalen unter einen anderen Sattelzug. 

Das Ehepaar und ihre 13 Jahre alte Tochter kommen ums Leben, eine zweite Tochter überlebt schwer verletzt. In einem zweiten Auto stirbt ein 60-jähriger Mann

Ein Anblick, den die Kollegen nie vergessen werden“, sagt Verkehrspolizeichef Dieter Schäfer in Mannheim über den Unfall am 12. Februar. Und mit bitterem Unterton fügt er hinzu: „Diese Tragödie ist leider kein Einzelfall.“ 

Auf baden-württembergischen Autobahnen tausende Lkw-Unfälle

Die neuen Zahlen des Innenministeriums in Stuttgart sprechen eine eindeutige Sprache, sie geben Schäfer Recht: Auf Baden-Württembergs Autobahnen gab es im vergangenen Jahr 3.439 Unfälle mit Lastwagen, deutlich mehr als zuvor: 2016 waren es noch 3.096 und 2015 sogar „nur“ 2.687. 

Auch die Zahl tödlicher Lkw-Unfälle steigt, dabei kommen im Bundesland im vergangenen Jahr 111 Menschen ums Leben. 2016 waren es 92. Ein Schwerpunkt sind die Autobahnen um Stuttgart, aber auch der Bereich der Polizei Mannheim gehört zu den hochsensiblen Strecken:

>>> Todesstrecke A6! Sieben Tote und Dutzende Schwerverletzte

Schäfer spricht von einem „alarmierenden Anstieg der Gefahren“. Wenn der Mannheimer Verkehrspolizeichef vom Alltag auf A5 und A6 rund um das Walldorfer Kreuz erzählt, legt der sonst so besonnene Beamte die Zurückhaltung ab. 

Früher hatten wir mal einen ruhigen Tag, heute rennen die Kollegen von einem Unfall zum andern. Die kommen nicht mehr aus den Stiefeln“, ärgert sich Schäfer. 

Binnen eines Jahres hat sich die Zahl der Unfälle auf vier Streckenabschnitten rund um den Knotenpunkt um 51,8 Prozent erhöht, auf einem sei sie sogar um 78 Prozent nach oben geschnellt. „Mit nahezu 100.000 Fahrzeugen am Tag, davon 23.000 Schwerlaster, ist hier die Kapazitätsgrenze deutlich überschritten“, betont er. 

Politik hofft auf Abhilfe durch Technik

Die Politik verspricht sich bei den Unfallzahlen Besserung von einem automatischen Notbremsassistenten: Seit 2015 ist das System in neuen Lastwagen von mehr als acht Tonnen vorgeschrieben. „Im Zweifel retten sie Leben“, mahnt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). „Deshalb ist es nicht nachzuvollziehen, dass Lkw zwar mit solchen Sicherheitssystemen ausgerüstet sein müssen, diese aber manuell wieder ausgeschaltet werden können.“ Ein so wichtiges Sicherheitssystem müsse dauerhaft in Betrieb sein. 

Der Notbremsassistent ist in 70 Prozent aller Lastwagen auf deutschen Straßen schon eingebaut“, sagt der Chef des Verbands Spedition und Logistik in Stuttgart, Andrea Marongiu. Der Verband drängt die Politik zur Pflicht, dass das System bis auf Ausnahmen eingeschaltet sein muss und sich nach dem Abschalten automatisch wieder einschaltet. 

Die Funktion kann einen Lkw von Tempo 80 auf 60 verlangsamen oder ganz zum Anhalten bringen. „So ließen sich bis zu drei Viertel aller tödlichen Unfälle vermeiden“, meint Marongiu. 

Internationale Drehscheibe: Viele ausländische Laster auf A5 und A6

Schäfer ist aber skeptisch. Baden-Württembergs Autobahnen seien längst eine internationale Drehscheibe - gerade für den Transport von West nach Ost. Doch nur rund 40 Prozent der Lastwagen aus Osteuropa verfügen über einen Notbremsassistenten, so der Polizeidirektor. 

Auch das Innenministerium betont: Im vergangenen Jahr trugen 21,6 Prozent aller Unfall-Lastwagen im Südwesten ein ausländisches Kennzeichen. Bei Unfällen mit Verletzten waren es gar 45,6 Prozent. 

Es sind vor allem zwei Dinge, die Schäfer anprangert. Eine der Hauptursachen der Gefahren sieht der Polizeidirektor im digitalen Flottenmanagement, bei dem die Speditionsbetriebe dem Fahrer über WLAN unablässig neue Frachtaufträge erteilen können. „Früher wurde ab und zu mal aus einer Telefonzelle beim Chef angerufen. Heute wird während der Fahrt mit dem Handy dauertelefoniert“, klagt er. 

Darüber hinaus gibt es inzwischen nichts mehr, was es nicht gibt: Wir haben Fahrer, die am Steuer essen oder Kaffee kochen sowie einen Film ansehen oder die Zeitung lesen.“ Auch der Fahrer des Sattelzugs, der den Unfall im Februar verursachte, sei wohl abgelenkt gewesen. „Kapitäne der Landstraße“ - diese Zeit ist längst vorbei für den Schwerlastverkehr, meint der Polizeidirektor. 

Die Fahrer sind oft gehetzt und übermüdet, ihnen sitzen enge Liefertermine im Kreuz. „Just in time“, sagt Schäfer, „ist auch eine Frage über Leben und Tod.“ 

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dpa/hew

Quelle: Mannheim24

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