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Corona, Ukraine-Krieg und Energiekrise ‒ immer mehr Menschen legen Notvorrat an

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Von: Florian Römer

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Angesichts Ukrainekrieg, Energiekrise und steigenden Corona-Zahlen fangen immer mehr Menschen das hamstern und horten an. Auch wenn es niemand so recht zugeben will.

Gaskocher kaufen und Lebensmittel und Wasser horten ‒ ganz normale Bürger gehen auf Nummer sicher und legen sich angesichts von Ukraine-Krieg und Blackout-Szenarien Notvorräte an. „Die Menschen wachen immer mehr auf und merken, wie wichtig das ist“, sagt Philipp Nater, Geschäftsführer bei SicherSatt.

Das Unternehmen mit Sitz in Wald bei Zürich sowie in Rielasingen in Baden-Württemberg verpackt und produziert lang haltbare Lebensmittel und vertreibt auch Produkte anderer Hersteller für die Notfallvorsorge. Verschickt wird vor allem nach Deutschland, aber auch EU-weit. Nater verzeichnete eigenen Angaben zufolge schon mit Beginn der Coronakrise erheblich steigendes Interesse an den Notfallpaketen des Unternehmens. Im Frühling im Zuge des Ukrainekrieges zog die Nachfrage nochmals an. Seitdem habe sie sich auf hohem Niveau eingependelt, erzählt er. Genaue Zahlen nennt er nicht.

Energiekrise, Ukrainekrieg, Corona ‒ immer mehr Menschen legen Notvorrat an

Dass das Thema inzwischen erneut viele Bürger beschäftigt, ist aber deutlich zu spüren. Auch auf sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook gibt es besorgte Anfragen von Ratsuchenden. „Wir haben Holzvorräte, Petroleumöfen und einige Kanister Petroleum“, berichtet eine Frau aus dem baden-württembergischen Gondelsheim per Messenger.

Außerdem habe sie sich mehr Lebensmittelvorräte angelegt sowie Wasserreinigungstabletten und Gaskocher inklusive Kartuschen besorgt. Die politische Lage und der Krieg habe sie veranlasst, immer „genug Getränke, Lebensmittel, Kerzen und alles was man so braucht“ im Haus zu haben, berichtet eine andere Frau aus der Region Karlsruhe. „Ganz ehrlich, ich habe Angst bei dem, was alles passiert auf der Welt.“

38 Prozent der Deutschen haben Lebensmittel-Notvorrat angelegt

Der Bürgerservice des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) verzeichnet deutlich mehr Anfragen und breites Interesse, sagt ein Sprecher der Bundesbehörde. „Ebenso hat die Frequenz der Bestellungen für unseren „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ sehr stark zugenommen.“ Laut BBK-Webseite übrigens ist der Ratgeber momentan vergriffen. Welche Lebensmittel jeder für 10 Tage zuhause haben sollte.

Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Auftrag des BBK zum Ukrainekrieg ‒ seit Mai die achte in diesem Zusammenhang ‒ spricht eine deutliche Sprache. Demnach haben sich bereits 38 Prozent der dafür im Oktober Befragten einen Vorrat an Lebensmitteln angelegt, „zum Beispiel zur Vorsorge bei möglichen Stromausfällen“, heißt es darin. 49 Prozent schafften sich Geräte zum Energiesparen an wie etwa Duschsparköpfe. Nur 17 Prozent haben auf die Frage, was sie angesichts möglicher Engpässe bei der Energieversorgung vorsorglich tun, geantwortet: „Nichts.“

Diskretion bei „Preppern“ oberstes Gebot

Wen immer aber man auf eigene Notfallvorsorge anspricht - sie alle wollen anonym bleiben, genau wie auch die Kunden, die bei SicherSatt bestellen. Nach Einschätzung Naters befürchten viele, sonst vorschnell als „Spinner“ dargestellt zu werden. Dabei richte sich das Angebot des Unternehmens ausdrücklich nicht an Hardcore-“Prepper“, also diejenigen, die ständig und überall mit Katastrophen rechnen und sich jenseits aller realistischen Szenarien fast schon auf einen Weltuntergang vorbereiten, sondern an ganz normale Leute, die einfach vorsorgen wollten ‒ allerdings ohne dass es jemand mitbekommt. Denn sollte ein Notfall tatsächlich eintreten, wolle niemand, dass andere über die eigenen Vorräte Bescheid wissen, erläutert Nater. Diskretion sei in seinem Geschäft daher oberstes Gebot.

Philipp Nater (r), Geschäftsführer der SicherSatt AG, verpack im Lager Notvorratspakete, während Brigitte Held, stellvertretende Geschäftsführerin von SicherSatt, im Hintergrund eine Hubwagen bedient. 51 931 Kilokalorien enthält der Notvorrat «Classic». Laut dem Hersteller «SicherSatt» bietet er genügend Lebensmittel, um eine Person 30 Tage lang zu versorgen.
Philipp Nater (r.) verpackt im Lager Notvorratspakete. © Felix Kästle/dpa

Sicherheit und Vorsorge: Hilfsorganisationen bieten digitale Lernangebote

Das Innenministerium in Stuttgart gibt sich auf Anfrage ebenfalls eher wortkarg und verweist auf „die allgemeinen Hinweise für mögliche Notfälle, die auf unserer Homepage zu finden sind“. Ob sich Anfragen von Bürgern, wie man sich am besten vorbereitet, jetzt häuften? „Nein“, antwortet ein Ministeriumssprecher.

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Wegen der angstbehafteten Szenarien sei dies alles leider eigentlich ein Verdrängungsthema, heißt es von den Johannitern. Erst wenn Menschen eine eigene Betroffenheit spürten, entstünde Interesse. Den Beginn des Ukrainekriegs habe man deshalb zum Anlass genommen, gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen digitale Lernangebote aufzulegen. Möglichst viele Bürger sollten die Chance haben, sich in Sachen Sicherheit und Vorsorge vorzubereiten. „Das, was wir vermitteln, ist für die verschiedensten Formen der außerordentlichen Notlagen wertvoll“, sagt eine Sprecherin.

Notvorräte auf eigenen Geschmack abstimmen

Dass man sich für den Notfall unbedingt von speziellen Dienstleistern wie SicherSatt beliefern lassen sollte, halte die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg nicht für notwendig, erklärt Ernährungsexpertin Sabine Holzäpfel. Man könne vorhandene Vorräte sehr gut selbst regelmäßig aufstocken - und auch regelmäßig verbrauchen, damit nichts verfällt.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium listet Bockwurst, Ananas oder Ölsardinen in der Dose auf, nebst Knäckebrot und Zwieback. Wichtig ist laut Holzäpfel, nach Vorlieben einzukaufen und nicht etwa Kartoffelbrei zu hamstern, wenn man den ganz schrecklich findet. Vorräte in Maßen und das etwa für zehn Tage, sei vernünftig. „Es schadet nix, ein bisschen was zu Hause zu haben, wenn mal was passiert.“ (dpa/rmx)

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