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Ukraine-Flüchtlinge im Rhein-Neckar-Kreis: Kommunen vor „großem Kraftakt“

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Von: Florian Römer

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Rhein-Neckar-Kreis - Während das Landratsamt Unterbringungsplätze für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine schafft, müssen sich Kommunen auf einen „großen Kraftakt“ einstellen.

„Der Krieg in der Ukraine ist in vielfältiger Weise auch schon bei uns angekommen“, erklärt Schwetzingens Oberbürgermeister René Pöltl am Freitag (25. März). Rund 300 Menschen aus der Ukraine sind mittlerweile in seiner Stadt untergekommen, berichtet Pöltl. Etwa 150 Kriegsflüchtlinge sind vorläufig in der Kreissporthalle untergebracht.

LandkreisRhein-Neckar-Kreis (Baden-Württemberg)
Einwohnerzahl548.233 (31. Dez. 2020)
Fläche1.061,54 km²
LandratStefan Dallinger (CDU)

Rhein-Neckar-Kreis: Über 2.000 Kriegsflüchtlinge im Landkreis

Vergangenen Samstag (19. März) hat der Rhein-Neckar-Kreis die Kreissporthallen in Weinheim und Schwetzingen zur vorläufigen Unterbringung von Kriegsflüchtlingen hergerichtet. Wo eigentlich Sport getrieben wird, stehen jetzt Stockbetten und Spinde nebeneinander. Rund 450 Geflüchtete haben in den beiden Sporthallen ein vorläufiges „Dach über dem Kopf gefunden“, sagt Doreen Kuss, Dezernentin für Ordnung und Gesundheit beim Landratsamt.

Insgesamt seien im Kreis über 2.000 Menschen aus der Ukraine untergekommen, schätzt das Landratsamt. Da viele Menschen privat oder bei Verwandten untergebracht sind, sei es schwierig, konkrete Zahlen zu nennen. Klar sei aber, dass sich „Deutschland angesichts der größten Fluchtbewegung in Europa seit dem 2. Weltkrieg auf schwere Zeiten einstellen“ müsse, glaubt der Schwetzinger Landtagsabgeordnete und Staatssekretär im Umweltministerium André Baumann (Grüne).

Die Kreissporthalle in Schwetzingen wird zur vorläufigen Unterbringung von Ukraine-Flüchtlingen genutzt.
Die Kreissporthalle in Schwetzingen wird zur vorläufigen Unterbringung von Ukraine-Flüchtlingen genutzt. © Florian Römer/HEIDELBERG24

Große Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung

Von anfangs 196 Menschen sind in der Schwetzinger Kreissporthalle aktuell noch 150 Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht. Größtenteils handelt es sich um Mütter mit ihren Kindern, erklärt Sozialarbeiter Herbert Eppel, der mit seinem Team drei Mal die Woche vor Ort ist und sich um die Geflüchteten kümmert. „Jetzt geht es erstmal darum, dass die teils traumatisierten Menschen Vertrauen aufbauen“, so Eppel.

Da nur etwa 10 bis 15 Prozent der Geflüchteten Englisch sprechen, steht den Helfern eine Dolmetscherin zur Seite. Dankbar ist man auch für die große Hilfs- und Spendenbereitschaft aus der Bevölkerung: Schüler der angrenzenden Schulen holen die Flüchtlingskinder täglich zum Spielen auf dem Schulhof ab, berichtet Eppel. Lokale Kinderärzte werden am Samstag (26. März) eine Sprechstunde in der Halle durchführen.

Ukraine-Flüchtlinge: Kreisgemeinden stehen vor „großem Kraftakt“

„Es ist nicht unsere Absicht, Menschen länger in größeren Sporthallen unterzubringen“, betont Ordnungsdezernentin Kuss. Die Aufenthaltsdauer in der vorläufigen Unterbringung soll nach Möglichkeit drei Wochen nicht überschreiten. Dann sollen die Kriegsflüchtlinge bereits in den Gemeinden des Rhein-Neckar-Kreis unterkommen.

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„Die Kreiskommunen stehen vor einem großen Kraftakt“, sagt Karl Winkler, der die Koordinierungsstelle Flüchtlinge im Landratsamt leitet. Da die Ukraine-Flüchtlinge größtenteils kein Asylverfahren durchlaufen, ist die maximale Aufenthaltszeit in der vorläufigen Unterbringung auf Kreisebene auf sechs Monate begrenzt. Danach sind die Gemeinden für die Anschlussunterbringung zuständig.

Durch Ukraine-Krieg ist ein „zweiter Wohnungsmarkt“ entstanden

„Durch die Ukraine-Flüchtlinge ist ein zweiter Wohnungsmarkt entstanden“, sagt Winkler: Menschen, die ihre Immobilien oder Wohnungen nicht mehr auf dem Markt hatten, würden jetzt wieder vermieten. Der Kreis sei aber weiter auf der Suche nach passenden Unterkünften. In Sinsheim wurde etwa eine kleinere Sporthalle hergerichtet. Sie wird noch am Freitag mit 60 Kriegsflüchtlingen belegt.

Schwetzingens Oberbürgermeister Pöltl, Staatssekretär Baumann, Ordnungsdezernentin Kuss, Referatsleiter Winkler und Sozialarbeiter Eppel vor der Kreissporthalle.
Schwetzingens Oberbürgermeister Pöltl, Staatssekretär Baumann, Ordnungsdezernentin Kuss, Referatsleiter Winkler und Sozialarbeiter Eppel (v.l.) vor der Kreissporthalle. © Florian Römer/HEIDELBERG24

Für die vorläufige Unterbringung ist das Landratsamt zudem in Kontakt mit ehemaligen Vermietern, mit denen man 2015 und in den Folgejahren zusammengearbeitet hat. Auch auf kommunaler Ebene werden diese Netzwerke reaktiviert: Laut OB Pöltl verhandelt Schwetzingen derzeit mit einem Hotel, um 35 Plätze für die Anschlussunterbringung anzumieten.

Schwetzinger Bürgermeister kritisiert fehlende Organisation beim Bund

„Die Organisation auf Landes- und Gemeindeebene funktioniert“, stellt Schwetzingens Rathauschef mit Blick auf die rasche Einrichtung von Unterkünften fest. „Aber der Bund muss sich jetzt schnell organisieren, dass es für uns planbarer ist“, fordert Pöltl. Es könne nicht sein, dass in Mannheim oder Karlsruhe Massenunterkünfte leer stünden, während Schwetzingen oder Weinheim fast voll belegt sind.

Oft wisse man zunächst nichts über die Menschen in der vorläufigen Unterbringung, erklärt Ordnungsdezernentin Kuss. Deshalb erfasst der Kreis in den Unterkünften zumindest Namen, Staatsangehörigkeit und die mitgeführten Papiere. Dadurch könne man die Geflüchteten auch gezielt beraten, welche Leistungen ihnen zustehen, ergänzt Sozialarbeiter Eppel. (rmx)

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