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RS-Virus: Kinder-Kliniken schlagen Alarm ‒ Lage „auf Messers Schneide“

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Von: Florian Römer

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Ein Säugling wird bei einer Vorsorgeuntersuchung in der Praxis von einem Kinderarzt mit einem Stethoskop abgehört. (zu dpa: «Das RS-Virus grassiert in Kitas - Kinderkliniken in Bayern schon voll») | Archiv
Säugling wird beim Kinderarzt untersucht. © Friso Gentsch/dpa - Bildfunk

Heidelberg/Ludwigshafen – Ein Virus bringt aktuell viele Kinderklinken an ihre Grenzen. Und es ist NICHT Corona! Besonders im Südwesten ist die Lage dramatisch:

Herbstzeit, Erkältungszeit. Das gilt 2021 mehr als in den vergangenen Jahren. Jetzt stoßen viele Kinderkliniken in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz an ihre Kapazitätsgrenzen. Schuld sind Infektionen mit einem bekannten Erkältungs-Erreger, der immer im Herbst und Winter grassiert: das Respiratorische Synzitial-Virus (RS-Virus). Im August ‒ und damit deutlich früher als üblich ‒ hat die RS-Welle dieses Jahr eingesetzt. Und im Vergleich zu Vorjahren fallen RS-Infektionen 2021 auch heftiger aus. Chefärzte von Kinderkliniken in Deutschland warnen jetzt vor einem Kollaps.

Der Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands (VLKKD) befürchtet eine Verschärfung des Bettenmangels. 78 Prozent der Kliniken berichten von Versorgungsengpässen, die zu einem Aufnahmestopp von Kindern geführt haben. Eltern müssten mit ihren an Luftnot leidenden Kindern oft kilometerweit fahren, um ein Krankenbett zu finden. „In den kommenden Wintermonaten stehen wir vor einer erheblichen Herausforderung“, warnt VLKKD-Präsidenten Prof. Dr. Andreas Trotter.

RS-Virus: Situation „besorgniserrgend“

Die Lage an den Kinderkliniken sei besorgniserregend, heißt es. Besonders dramatisch ist die Situation im Südwesten. In Baden-Württemberg melden 94 Prozent der Kinderklinken Versorgungsengpässe. In den Wintermonaten werde sich die Lage weiter verschärfen, so die Prognose. Etwas entspannter ist man noch in Rheinland-Pfalz. 70 Prozent der Kliniken haben Engpässe, aber auch hier rechnet man mit einer Zuspitzung der Situation.

Zwei von drei Kindern mit einer RSV-Infektion in den Kliniken sind derzeit unter einem Jahr alt. 20 Prozent der Kinder auf Kinder-Intensivstationen müssen beatmet werden.

RS-Virus in Heidelberg: Wie ist die Lage an der Kinderklinik?

Auch in Heidelberg und der Region sei aktuell „ein spürbarer Anstieg von viralen Atemwegserkrankungen bei Kleinkindern“ zu beobachten, antwortet die Universitätsklinik Heidelberg auf Anfrage dieser Redaktion. Seit Mitte Oktober werden am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am UKHD gut 20 Kinder mit einer RS-Virus-Infektion stationär behandelt. Sie sind zwischen einem und dreieinhalb Jahren alt. Hinzukommen rund zehn weitere Kinder mit anderen saisonalen viralen Atemwegserkrankungen. Aufgrund der „ungewöhnlich hohen Anzahl“, sein eine Umorganisation des stationären Klinikbetriebs in der Pädiatrie notwendig.

Ein Arzt untersucht in einer Kinderklinik ein Kind. Die Kliniken in Sachsen-Anhalt sind derzeit voll mit Kindern mit dem RS-Virus - einer Atemwegserkrankung, die vor allem die Jüngsten stark trifft. Die Stationen kämpfen mit Engpässen. (zu dpa: «Atemwegsinfekt bei Kindern: Kaum Platz mehr in Kinderkliniken») | Archiv
Arzt untersucht Kind in Kinderklinik. © Sebastian Gollnow/dpa - Bildfunk

Dass die RSV-Welle dieses Jahr so früh und so heftig ausfällt liegt daran, dass wir aktuell gewissermaßen zwei Jahrgänge von Kindern mit alters- und saisontypischen viralen Atemwegserkrankungen gleichzeitig behandeln. Die Infektionen, die in den letzten 18 Monaten durch Hygiene-Schutzmaßnahmen verhindert wurden, werden jetzt nachgeholt“, erklärt Prof. Georg Friedrich Hoffmann, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am UKHD.

RS-Virus: Wie ist die Lage in Ludwigshafen?

PD Dr. Ulrich Merz, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am St. Annastiftskrankenhaus in Ludwigshafen bezeichnet die Situation in seinem Haus als „angespannt, was die Platz - und insbesondere Personalsituation betrifft“. Man befinde sich „auf Messers Schneide“, warnt Merz. Bei weiteren krankheits- oder quarantänebedingten Ausfällen müssten „gegebenenfalls Betten geschlossen werden“. Aktuell werden nach Angaben der Kinderklinik 15 Kinder mit dem RS-Virus stationär behandelt, eines muss beatmet werden. Schwere Verläufe werden in Ludwigshafen bei Kindern im Alter unter einem Jahr verzeichnet.

Was ist das RS-Virus?

Das RS-Virus ist der häufigste Auslöser von Atemwegserkrankungen bei Säuglingen und Kindern unter drei Jahren. Ältere Kinder und Erwachsene haben bei einer RS-Infektion oftmals nur leichte, erkältungsähnliche Symptome. Bei kleineren Kindern kann das Virus aber auch die unteren Atemwege befallen. Für Säuglinge und kleinere Kinder kann das Virus aber schwere Folgen haben: Es kann Lungen oder Bronchien beschädigen und in seltenen Fällen bleibende Schäden verursachen. Sehr selten sterben Kinder auch an einer RS-Infektion.

RS-Virus: Wie können Eltern ihre Kinder schützen?

Können Eltern ihre Kinder vor einer Ansteckung mit dem RS-Virus schützen? Und wäre das überhaupt sinnvoll? Dazu schreibt das Uniklinikum Heidelberg: „RS-Viren sind endemisch. Das bedeutet, dass alle Kinder im Laufe ihres Heranwachsens diesen Viren ausgesetzt sind. Einen langfristigen wirksamen Schutz vor Ansteckung gibt es nicht und wäre medizinisch in Normalfall auch nicht empfehlenswert, da eine Infektion im Kindesalter gegen diese Krankheit immunisiert, das Immunsystem trainiert und vor schweren Erkrankungen in späteren Lebensabschnitten schützt. Eltern von Frühgeborenen und Kindern mit Vorerkrankungen (bspw. Immunschwäche oder angeborene Herzfehler) sollten allerdings mit dem behandelnden Kinderarzt Rücksprache halten.“ (rmx)

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