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Querdenker-Demo heute in Sinsheim: Politiker mahnt – „Keine Bühne für Rechtsextreme“

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Sinsheim - Die Groß-Demo der Querdenker am Sonntag (28. März) wirft ihre Schatten voraus: Wird der Protest friedlich bleiben? Oder eskaliert die Lage wie zuletzt in Kassel?

Update vom 26. März, 14:24 Uhr: Angesichts der bevorstehenden Querdenker-Demo am Sonntag meldet sich nun auch der erste Politiker zu Wort. Der Grünen-Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Sinsheim, Hermino Katzenstein (52), mahnt, dass die Corona-bedingten Auflagen eingehalten und umgesetzt werden: „Ich erwarte von den Veranstalter:innen, dass sie die Corona-bedingten Auflagen einhalten und durchsetzen. Also dass der Mindestabstand eingehalten wird und Masken konsequent getragen werden. Ich bin zuversichtlich, dass die Ortspolizeibehörde und die Landespolizei alles daran setzen werden, dass die Auflagen eingehalten werden und dass sie diese ggf. konsequent durchsetzen.

Bilder wie zuletzt in Kassel, also ungenehmigte Demonstrationszüge mit hunderten Teilnehmer:innen ohne Maske und ohne Mindestabstand, wolle man in Sinsheim nicht sehen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gehöre zwingend zu unserer Demokratie und sei auch sehr wichtig. Jedoch würden die „Querdenker-Demos aber zu oft den Bogen aber oft überspannen“. Schließlich würden sie „kruden Verschwörungstheorien und Rechtsextremen eine Bühne“ bieten. „Hetze und Hass haben auch in Sinsheim keinen Platz!“, betont der Grünen-Politiker mit Nachdruck. Und weiter: „Es wird gegen den Staat im Allgemeinen und verantwortliche Personen gehetzt und es werden antisemitische Erzählungen verbreitet. Damit wird eine Grenze überschritten, die unsere demokratische Gesellschaft nicht tolerieren kann.

Querdenker-Demo in Sinsheim: So wird Bodo Schiffmann bei seinem „Heimspiel“ dabei sein

Update vom 26. März, 12:03 Uhr: Die Groß-Demo am Sonntag – worauf müssen sich die örtlichen Behörden einstellen? Nach einem Kooperationsgespräch der Stadt Sinsheim mit dem Polizeipräsidium Mannheim hat HEIDELBERG24 mit Florian Zangl, Chef im Sinsheimer Ordnungsamt, gesprochen. Der Versammlungsleiter und das Ordnungsamt hätten sich „einvernehmlich“ darauf geeinigt, dass auf einen Aufzug verzichtet wird, so der Amtsleiter. Vielmehr habe der Versammlungsleiter die Veranstaltung „als Sitz-Demo beworben“.

Auch Zangl hat nochmal bestätigt, dass Bodo Schiffmann lediglich per Video-Schalte teilnehmen wird. Eine Demo an gleicher Stelle am 27. November 2020 sei „friedlich und geordnet“ abgelaufen, weshalb man hofft, dass dies am Sonntag wieder so sein wird. Damals seien die Plätze mit Kreide auf dem Boden markiert worden, woran sich auch gehalten worden sei, wie ein Polizei-Sprecher erklärt.

StadtSinsheim
BundeslandBaden-Württemberg
Einwohnerzahl35.482 (Stand: 31. Dez. 2008)
Fläche127,01 km²
OberbürgermeisterJörg Albrecht (parteilos)

Sollte es dennoch zu Verstößen gegen die vom Gesundheitsamt auferlegten Hygiene-Auflagen ( Tragen eines Mund-Nasen-Schutz, Einhaltung des Mindestabstands) kommen, ist es die Verantwortung des Veranstalters, darauf hinzuweisen. Geschieht dies nicht, würden Ordnungsamt und Polizei einschreiten. Auch wenn die Inhalte der Redner gesetzeswidrig werden oder deutlich mehr als die 800 angekündigten Teilnehmer kommen sollten, muss der Veranstalter einschreiten – sonst tun es die Behörden.

Querdenker-Demo in Sinsheim: Darum wird Bodo Schiffmann zu seinem „Heimspiel“ erwartet

Erstmeldung vom 26. März, 9:16 Uhr: Am Sonntag (28. März) blicken nicht nur Politik, die Verantwortlichen im Rathaus und die Polizei, sondern ganz Deutschland auf das beschauliche Sinsheim. Grund: Die dortige lokale „Querdenker“-Gruppierung ruft plakativ zur Teilnahme an der Groß-Demo der Corona-Leugner auf dem Parkplatz am Sinsheimer Freibad auf, wie HEIDELBERG24 berichtet. Und mehr als 800 Menschen haben ihr Kommen bereits angekündigt, wie ein Rathaus-Sprecher auf Anfrage bestätigt hat. In ihrem Tweet implizieren die Veranstalter in roten Lettern „Der beantragte Aufzug wurde nicht genehmigt“, um zu sticheln, dass die gesamte Demo untersagt worden sei. Jedoch heißt dies lediglich, dass sich die Menschenmenge nicht als Marsch vom Veranstaltungsort wegbewegen darf.

Ist es ein Zufall, dass die Groß-Demo ausgerechnet in der Stadt über die Bühne geht, wo Bodo Schiffmann (53), einer der führenden Köpfe der Corona-Leugner, seit 2007 als HNO-Arzt praktiziert hat? Bis die Staatsanwaltschaft Heidelberg Ermittlungen gegen ihn eingeleitet hat und seine Praxis durchsuchen ließ, weil er bundesweit Menschen per Gesundheitszeugnis von der Maskenpflicht befreit haben soll, die teils nicht mal seine Patienten gewesen sein sollen und die er nie untersucht haben soll. Jener Mediziner, der in der jüngeren Vergangenheit das Tragen von einem Mund-Nasen-Schutz als nutzlos bezeichnet und vor Impfungen gewarnt hat – diese seien tödlicher als das Coronavirus selbst. Aktuell weilt Schiffmann in Afrika. Er selbst begründet seinen Auslandsaufenthalt mit Morddrohungen, die er erhalten habe – die Kripo ermittle diesbezüglich.

Mit Sinsheim steigt die Massenveranstaltung speziell in der Stadt, wo sich über fünf Prozent der rund 35.000 Einwohner seit Beginn der Pandemie mit Covid-19 infiziert haben. Stand 26. März sind dies 1.779 Gesamtfälle, wobei 102 als aktive Fälle gelten. Derart hohe Werte weist keine weitere der 54 Gemeinden dieser Größe im Rhein-Neckar-Kreis aus. Und HEIDELBERG24 hat nachgerechnet: Während die 7-Tage-Inzidenz für den gesamten Kreis am Freitag um 7,7 auf 119,1 gestiegen ist, beträgt dieser Wert in Sinsheim satte 203,4!

Querdenker-Demo in Sinsheim: So wird Bodo Schiffmann an der Demo teilnehmen

Wie HEIDELBERG24 erfahren hat, soll Bodo Schiffmann einer der angekündigten „Überraschungsgäste“ sein. Sein Name steht zwar nicht ausdrücklich auf der Redner-Liste, jedoch ist sein Konterfei auf der Demo-Ankündigung in den sozialen Medien zu sehen. Laut Stadt Sinsheim soll er auf einer LED-Wand live zugeschaltet werden. Die zahlreich anwesende Polizei wird mit Interesse im Auge behalten, ob sich der umstrittene Mediziner nicht am Ende doch persönlich blicken lässt. Roger Bittel ist ebenfalls abgebildet und wird per Video-Schalte zu den Querdenkern sprechen.

Der umstrittene Mediziner Bodo Schiffmann (53) auf einer „Querdenker“-Demo. (Archivbild)
Der umstrittene Mediziner Bodo Schiffmann (53) auf einer „Querdenker“-Demo. (Archivbild) © Jens Büttner/dpa/picture alliance

Auch dass der Mannheimer Sänger Xavier Naidoo (49) die rund 50 Kilometer nach Sinsheim anreist, scheint eher unwahrscheinlich. Da sich der Koch und Ideologe Attila Hildmann (39) inklusive seiner wirren Verschwörungsmythen laut Medienberichten in der Türkei verstecken soll, um sich wie Bodo Schiffmann dem Zugriff der deutschen Ermittlungsbehörden zu entziehen, ist mit seinem Kommen wohl auch nicht zu rechnen.

Querdenker in Sinsheim: Polizei ist gerüstet und auf alles vorbereitet

Die Polizei wird laut eigenen Angaben „ausreichend“ stark präsent sein am Sonntag. Man hoffe, dass die Lage friedlich bleibt und in Sinsheim nicht eskaliert, wie am 20. März in Kassel, wo rund 20.000 Teilnehmer illegal durch die hessische Stadt marschiert sind – vielfach ohne Mund-Nasen-Schutzmasken und Sicherheitsabstand. Es kam zu hässlichen Gewaltszenen. Viel Kritik musste auch die Polizei über sich ergehen lassen, die angeblich härter gegen Gegendemonstranten als gegen die ohne Genehmigung auftretenden Querdenker vorgegangen sei. In Sinsheim ist bislang keine Gegendemonstration beantragt worden.

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