„Nicht alle Menschen, die wild fluchen, haben Tourette“

Ein Leben mit Tourette-Syndrom

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Hermann Krämer will Menschen mit Tourette-Syndrom helfen und aufklären.

Speyer - An was denkst Du, wenn Du das Wort Tourette-Syndrom hörst? Sicherlich an einen wild fluchenden Menschen. Wir haben uns mit einem Tourette-Erkrankten getroffen, um mehr über sein Leben zu erfahren:

Wie lebt jemand mit der Diagnose Tourette-Syndrom? Ist das Leben danach vollkommen auf den Kopf gestellt?

„Manchmal denke ich, dass ich zu viel mache“, sagt Hermann Krämer über sich selbst. Er ist der Gründer der Internetseite www.tourette-syndrom.de. Doch der 60-Jährige betreibt diese Seite nicht zum Spaß – er selbst leidet unter dem Tourette-Syndrom. Mit seiner Seite möchte er Betroffenen Mut machen, über die Krankheit aufklären und mit Vorurteilen aufräumen.

Ein Speyerer Café hat sich der 60-Jährige als Treffpunkt für unser Interview ausgesucht. Wir bestellen an der Theke und nehmen Platz. Noch ist alles ganz normal - von Tics, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, keine Spur. Erst am Anfang des Gespräches kommt der erste Tic: ein etwas kurzer Aufschrei und ein Zucken.

Doch was ist Tourette überhaupt?

Das Tourette-Syndrom ist eine komplexe neurologisch-psychiatrische Erkrankung. Die Kernsymptome sind motorische und vokale Tics, die sich ständig wandeln und deren Intensität stark schwankt. Häufig beginnen die ersten Tics bereits im Kindes- oder Jugendalter - so auch bei Krämer. Mit 12 Jahren haben sich die ersten bemerkbar gemacht.

„Am Anfang habe ich nur geblinzelt. Da haben mich die anderen gefragt, ob ich nervös sei. Als es nach etwa einem Jahr nicht besser wurde, sind meine Eltern mit mir zum Hausarzt gegangen“, erzählt er. Bis allerdings das Tourette-Syndrom diagnostiziert wird, dauert es noch einige Jahre. Denn es müssen mindestens zwei motorische und ein vokaler Tic über einen Zeitraum von zwölf Monaten auftreten, bevor die Diagnose Tourette-Syndrom gestellt werden kann.

Hermann Krämer entwirft Postkarten, Aufkleber und Flyer, um über das Tourette-Syndrom aufzuklären.

Das Tourette-Syndrom, das man meist aus dem Fernsehen kennt, nennt sich Koprolalie. Dabei müssen Erkrankte zwanghaft Schimpfwörter herausschreien. Auch das hat Krämer ab und zu - jedoch hält sich das während unseres Gesprächs stark in Grenzen. Erst als das Thema angesprochen wird, muss Krämer kurz „Arschloch“ flüstern und das so, dass es selbst für uns kaum verständlich ist. 

Doch was passiert, wenn das jemand persönlich nimmt? Es habe auch schon Situationen gegeben, in denen er dachte: „Hermann, jetzt unterdrücke deinen Quatsch und nichts wie weg hier!“ Doch richtig in Schwierigkeiten sei er noch nie geraten.

Das Gehirn Tourette-Erkrankter reagiert auf verschiedene Reize und verknüpft diese mit Erinnerungen. Als Krämer ein Wort buchstabieren muss, indem der Buchstabe V vorkommt, verbindet sein Gehirn das V mit einem bestimmten Wort und er ruft „F****“.

Doch nur 30 bis 40 Prozent der Tourette-Betroffenen haben dieses Verlangen obszöne oder tabuisierte Ausdrücke herauszurufen. Dass die Tourette-Erkrankung in der Gesellschaft damit verbunden wird, komme von den Medien, behauptet Krämer. „Diese bevorzugen immer Menschen mit besonders wilden motorischen und vokalen Störungen vor der Kamera.“ 

„Doch nicht alle, die wild um sich schimpfen, haben auch Tourette“, erklärt Krämer. Es gäbe auch andere Erkrankungen, die dieses Symptom aufweisen. 

Das Leben mit der Krankheit

Mit Gelächter und Blicken kann Krämer sehr gut umgehen. Als junger Mann wird er im Bus von einer Gruppe Mädchen ausgelacht. Doch der damals 25-Jährige reagiert ganz cool: Er setzt sich zu den Mädchen und spricht sie ganz offen darauf an. „Die meisten sagen keinen Ton mehr, wenn ich sie über das Tourette-Syndrom aufkläre“, erzählt Krämer.

Wenn man sich mit Krämer unterhält, hat man nicht das Gefühl, dass er unter seiner Krankheit besonders leidet. Doch es war auch schon anders: „Ich habe Zeiten gehabt, in denen ich nicht mit Tourette umgehen konnte. Da war das Leben für mich die Hölle - anders kann man es nicht sagen.“

Allerdings habe er immer gute Freunde gehabt, wenn auch eine Zeit lang nur wenige. Aber gerade in den letzten fünf bis zehn Jahren habe er sich ein sehr stabiles soziales Netz aufgebaut. Auch in der Liebe läuft es seit über drei Jahren gut, erzählt er schmunzelnd.

Gerade als Teenie ist es doch besonders schwer gewesen, Mädchen kennenzulernen? „Ich hatte immer das Glück, besondere Frauen zu treffen.“ Ihnen sei die Krankheit egal gewesen. 

Doch die Krankheit hat ihn auch an einem ganz besonderen Traum gehindert: Krämer wollte ursprünglich Psychologie oder Medizin studieren„Hier war die Hürde einfach zu groß. Ich konnte mich nicht richtig fokussieren und die Tics waren damals auch stärker, da habe ich mich als junger Mann einfach geschämt, in einem Vorlesungssaal zu sitzen“, erinnert sich der Speyerer.

Dafür hat er nach seinem Schulabschluss die Welt bereist - von Indien bis Südostasien, Pakistan, Iran und Afghanistan. 

Mittlerweile bereist Krämer ganz Deutschland, um Vorträge über das Tourette-Syndrom abzuhalten - er hat seine Ängste komplett überwunden.

Der Mann bereut es, das Studium zumindest nicht einmal probiert zu haben. Heute würde er jedem Betroffenen sagen: „Lebe Deine Träume und gehe Deinen Weg. Es kann Widerstände geben und vielleicht scheiterst Du, aber probiere alles, um Deinen Traum zu verwirklichen.“

Hier findest Du alle Infos und Hilfe rund um das Tourette-Syndrom:

Info-Seite über das Tourette-Syndrom

Forum für Betroffene und Angehörige

Facebook-Gruppe für Betroffene und Angehörige

jab

Quelle: Mannheim24

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