Prozess am Landgericht

Rechte Attacke auf Eiscafé-Gäste in Wiesloch: Angreifer soll hinter Gitter

Heidelberg/Wiesloch - Im Prozess um einen Angriff auf Gäste einer Eisdiele in Wiesloch fordert der Staatsanwalt f��r einen der drei Angeklagten eine Gefängnisstrafe:

  • Im September 2018 kommt es an einer Eisdiele in Wiesloch zu einer Massenschlägerei.
  • Mehrere Teilnehmer eines Junggesellenabschieds attackieren grundlos portugiesisch- und türkischstämmige Café-Gäste.
  • Anfang Mai 2020 startet der Prozess gegen drei Brüder am Landgericht Heidelberg:

Update vom 18. Juni: Im Prozess gegen drei Brüder, die im September 2018 Gäste einer Eisdiele in Wiesloch angegriffen haben, will der Staatsanwalt einen der drei Angreifer für zwei Jahre ins Gefängnis schicken. Das berichtet die Rhein-Neckar-Zeitung. Demnach fordert Staatsanwalt Jonathan Waldschmidt für Manuel B. (37), den ältesten der drei angeklagten Brüder, eine Haftstrafe von zwei Jahren.

Er ist zwischen 2000 und 2005 bereits zwei Mal zu Bewährungsstrafen wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden. Für die Brüder von Manuel B., Johannes (32) und Lukas (29), fordert die Staatsanwaltschaft Bewährungsstrafen von 18 Monaten und einem Jahr. Die drei Brüder müssen sich wegen gefährlicher gefährlicher Körperverletzung und Volksverhetzung verantworten. Der Prozess wurde vom Amtsgericht Wiesloch ans Landgericht Heidelberg verlegt.

Angriff auf Eisdiele in Wiesloch: Angreifer in rechter Szene

In der Tatnacht soll Manuel B. zwei Familienväter mit Metallstühlen des Eiscafés geschlagen und sie getreten haben, als die Männer am Boden lagen. Dabei zeigt er den Hitlergruß. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben ergeben, dass Manuel B. an rechten Demos im Kraichgau beteiligt war. Zuletzt soll er auch bei einer Anti-Corona-Demo gewesen sein, die von der NPD organisiert wurde.

Sein jüngerer Bruder Johannes soll für die mittlerweile aufgelösten „Freien Nationalisten Kraichgau" agitiert haben. Ein Mitarbeiter des Staatsschutzes berichtet, Johannes B. habe ein Hakenkreuz-Tattoo auf dem Oberkörper. Sowohl Johannes als auch Lukas sollen bei der Auseinandersetzung vor der Eisdiele in Wiesloch ebenfalls zugeschlagen haben.

Zeugin über Angriff auf Eiscafé-Gäste in Wiesloch: „Wie im Horror-Film“

Grundtext vom 8. Mai: Eineinhalb Jahre liegen die Ereignisse zurück, die für viele der Opfer heute noch nachwirken. Am Abend des 8. September 2018 kommt es vor einer Eisdiele in Wiesloch zu einer Massenschlägerei. Ohne vorhergehende Provokation attackieren mehrere Mitglieder eines Junggesellenabschieds ein Eiscafé mitten in Wiesloch. Sechs Männer der Gruppe attackieren die portugiesisch- und türkischstämmigen Gäste des Cafés. Fünf Menschen werden verletzt. Das Motiv für den Angriff ist schnell klar: Fremdenhass

Seit Dienstag (5. Mai) wird drei beteiligten Brüdern am Landgericht Heidelberg der Prozess gemacht. Wegen des Coronavirus wurde das Verfahren vom Amtsgericht Wiesloch nach Heidelberg verlegt. Dort lassen sich die Hygiene-Maßnahmen leichter umsetzen. Drei weiteren Angeklagten wird in den kommenden Monaten der Prozess gemacht.  

Angriff auf Eisdiele in Wiesloch: Angeklagte gestehen Tat

Bereits zum Beginn des Verfahrens räumen die drei Brüder im Alter von 29, 32 und 37 Jahren die Tat ein, bestreiten aber einen rassistischen Hintergrund. Johannes, Manuel und Lukas B. stammen aus dem Raum Wiesloch/Sinsheim. Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern neben gefährlicher Körperverletzung auch die „Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen in Tateinheit mit Volksverhetzung“ vor. Die Angeklagten bestreiten eine rechtsradikale Gesinnung. 

Für einen weiteren Angeklagten (32) könnte das Verfahren zusätzliche Konsequenzen haben. Er ist als Waffenmechaniker bei der Karlsruher Polizei angestellt und seit der Tat vom Dienst freigestellt. Im Falle einer Verurteilung droht dem Familienvater die Entlassung. Er ist im zweiten Prozess angeklagt. Laut „Stuttgarter Nachrichten“ gehören drei Mitangeklagte seit Jahren zur Neonazi-Szene. Sie sollen bereits zuvor als Straftäter aufgefallen sein. 

Angriff auf Eisdiele in Wiesloch: Spur führt in rechtsradikale Szene

Zeugen des Vorfalls hatten berichtet, dass die Gruppe „Heil Hitler“ und „Ausländer raus“ skandierte, als sie sich am Tatabend um kurz nach 21 Uhr dem Eiscafé näherte. Ein Hausbewohner soll aus einem Fenster in den oberen Stockwerken „Verpisst Euch!“ gerufen haben. Daraufhin attackierte die Gruppe die Gäste vor der Eisdiele mit Stühlen, Tritten und Bierflaschen.

Ein Zeuge sagt vor Gericht aus, dass er zunächst eine Flasche auf den Kopf geschlagen bekommt. Er wird aus der Gruppe selbst dann noch mit Tritten traktiert, als er bereits auf dem Boden kniet. Noch heute leide der Mann unter Schlafstörungen und werde therapeutische behandelt, berichtet die „Rhein-Neckar-Zeitung“. Sein Schwägerin beschreibt den Tatabend als „Horrorfilm“. Auf dem Handyvideo eines Anwohners sind ihre lauten Schreie zu h��ren. Wer die Flasche auf dem Kopf ihrer Schwagers zertrümmert hat, wisse sie nicht. Sie habe den Angreifer nur von hinten gesehen. Als sie der Anwalt Ramazan Akbas hartnäckig nach den Geschehnissen befragt, bricht sie sogar weinend zusammen. Die Angeklagten blicken währenddessen beschämt zur Seite. Der Angeklagte Johannes B. entschuldigt sich schließlich in einer kurzen Stellungnahme bei der 35-jährigen Frau. 

Vor Angriff auf Wieslocher Eiscafé: Gruppe skandiert Nazi-Parolen

Vor der Tat hatte sich der Junggesellenabschied in Mühlhausen getroffen. Von dort sei die Gruppe mit Bollerwagen und Musikanlage dann über Rauenberg nach Wiesloch gezogen. Dabei sei viel Alkohol geflossen. In einer anderen Gaststätte in Wiesloch hätten die Männer Wehrmachtslieder gesungen. Auf dem weiteren Weg durch die Weinstadt soll die Gruppe auch „Hier marschiert der nationale Widerstand“ gerufen haben. Vor der Auseinandersetzung am Marktplatz soll ein weitere Angeklagter den Hitlergruß gezeigt haben. 

Wenige Tage nach der Tat kam es zu einer Solidaritätskundgebung gegen rechts.

rmx mit Material von dpa

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