Zwischen Erster und Dritter Welt

Philippinen: Traumurlaub im Kriegsgebiet – Drogen- und Hahnenkämpfe in einem gespaltenen Land

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Ein Bild spricht Bände: Im Vordergrund toben die Kämpfe, im Hintergrund blüht die Schönheit der Philippinen.

Sie werden erschossen und massakriert, und das zu Tausenden. Der Kampf des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte gegen Drogenkriminelle ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Der Autor dieses Artikels war zwei Wochen im Inselstaat und berichtet über spannende Erlebnisse, die Zweifel der Menschen und die Spaltung durch den Tourismus.

El Nido – Hahnenkampf zwischen Erster und Dritter Welt

Es sind zehn Meter, eine Straßenbreite, die das Paradies mit traumhaften Stränden und atemberaubenden Sonnenuntergängen von der dritten Welt trennt. Selbstversorgung, wo man hinsieht. Gerodete Wälder überall, dazu gelegte Brände, um die Erde für die Ernte Nährstoffreicher zu machen. Es sind die typischen Klischees, die ich im Geographie-Unterricht in der Vorbereitung auf das Abitur einst gelernt habe und die nun vor meinem Auge Wirklichkeit werden. Hier leben die Ärmsten der Armen auf unserer Welt von der Hand in den Mund. Sie haben Wellblech oder Stroh als Dachersatz auf ihrer kleinen Hütte, in der eine ganze Familie haust*. 

Sichtbare Armut in der Nähe von El Nido.

Ein Freund und ich** sind in El Nido gelandet, einem Ort auf der philippinischen Insel Padawan. El Nido ist ein relativ bekanntes Ziel für Touristen. Als wir ankommen, fällt direkt eines auf: Autos fahren zwar auch, doch den Verkehr beherrschen Dreiräder, sogenannte Trycicles, deren Lärm und Gestank kaum auszuhalten ist. Da es das einzige Fortbewegungsmittel in all den Tagen für uns bleibt, gewöhnen wir uns aber schnell daran. Bei gut 35 Grad im Schatten stinken die engen Gassen des Ortes vor allem um die Mittagszeit nach Abgasen und Müll.

Touristisch erschlossen sind in El Nido lediglich der Strand und die erste Parallelstraße zum Meer. Alles andere kann von ausländischen Gästen nicht profitieren. Lässt man sich darauf ein, wie wir, macht genau das den Urlaub aus. Wir haben uns Roller geschnappt und sind über die Insel gefahren. Wir haben die Armut gesehen – und vor allem, dass Armut nicht unglücklich machen muss. Wo immer wir vorbeikamen, liefen die Kinder auf die Straße, schrien und winkten uns zu. Ob alt, ob jung, alle grüßten uns und strahlten – vielleicht auch, weil Touristen sonst eher seltener hier vorbeikommen. 

Das Highlight dieser Tage passierte dann auch während eines solchen Rollerausflugs. Im Vorbeifahren sahen wir ein Straßenfest. Bunte Girlanden, Musik, Kindergeschrei – und entferntes Gejohle. Das machte uns neugierig. Wir stellten die Roller ab und marschierten den lauthalsigen Anfeuerungsrufen hinterher, die schon sehr nach Fußballstadion klangen. Tatsächlich war eine Arena aufgebaut. In ihr rollte allerdings kein Ball – wir waren beim Hahnenkampf gelandet. Also kletterten wir auf das oberste Brett der Tribüne, hielten uns an einem Pfahl fest und quetschten unsere Köpfe durch die vielen Arme. 

Hahnenkämpfe in einer Arena in der Nähe von El Nido.

Was wir sahen, war schrecklich und faszinierend zugleich. Zwei Hähne gingen aufeinander los, nachdem die jeweiligen Besitzer den eigenen Hahn mit erhitztem Eisen an den Pfoten und Genickpicken „scharf“ gemacht hatten. Dann attackierten die Hähne in der Arena einander, die gut 400 Zuschauer wedelten mit Geldscheinen, um auf eines der Tiere zu wetten. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt waren wir berauscht. Doch irgendwann verstanden wir – hier geht es auf Leben und Tod. Aus irgendeinem Grund hatten wir uns darüber zunächst überhaupt keine Gedanken gemacht. Der Kampf wogte hin und her. Schließlich behielt tatsächlich der längst tot geglaubte Hahn die Oberhand. Allerdings mussten wir beide wegsehen, als dann der Vorhang fiel. 

Das tote Tier wurde, wie auch der stark verletzte Sieger, unter frenetischem Jubel aus der Manege getragen. Das nächste Hahnenpaar machten sich zum Duell bereit. Uns hat aber dieser eine Kampf genügt. Wir mussten ans Meer gehen, um zu realisieren, was wir hier gesehen hatten. Erst nach etwa zwanzig Minuten fanden wir unsere Sprache wieder, konnten auf die Roller steigen und weiterfahren. Ein Trip irgendwo im Nirgendwo, von dem wir noch lange sprechen werden. 

Die traumhafte Seite El Nidos: Ein Bootsausflug vor der Küste Palawans.

Duterte und die Drogentoten – Ein Präsident spaltet sein Volk

Die Zweifel im Vorfeld der Reise waren enorm. Bis nach Deutschland drangen die Schauergeschichten des philippinischen Präsidenten, der seit Juni 2016 versucht, sein eigenes Volk durch Morde und Massaker zu (k)einem Umgang mit Drogen zu erziehen. Und unser erster Abend in Manila, der Hauptstadt und Hochburg von Drogenbanden, führte uns bildlich vor Augen, was Duterte vorhat – und auch, was sein Volk davon hält. 

Wir hatten eines der sichersten Hostel in einer der kriminellsten Städte der Welt gebucht und wussten, dass wir aus dem Flughafen raus direkt in ein Taxi steigen sollten, das uns direkt vor die Hosteltür fährt. Der Taxifahrer verschloss sogleich alle Türen und warnte uns davor, die Fenster zu öffnen. Es war zwar dunkel, dennoch konnten wir erkennen, dass wir allmählich in das Rotlichtmilieu fuhren. Gut und gerne 50 sogenannte Ladyboys*** in einer 50 Meter langen Straße bestätigten den Verdacht. Doch damit nicht genug. Das Erste, was wir wahrnahmen, war ein Dealer, der uns Tabletten durch die Taxischeiben „verticken“ wollte – er ignorierte dabei ganz einfach, dass in Manila alle 20 Meter ein schwer bewaffneter Polizeioffizier steht. Unser Sicherheitsgefühl stieg dadurch nicht gerade. Erst als wir im Hostel waren und von der Rooftopbar aus einen tollen Blick über die Stadt hatten, wich die Anspannung. 

Benzin aus der Cola-Flasche: Ein Trycicle-Fahrer schenkt ein.

Natürlich hatten wir uns zum Auftrag gemacht, die Einheimischen zur Politik ihres Präsidenten zu befragen. Viele trauten sich nicht, ihre Meinung offen zu äußern. Doch bei den meisten war während der zwei Wochen Philippinen die Meinung einhellig: „Es ist gut, dass jemand etwas gegen die Drogenbanden unternimmt – aber Dutertes Art ist viel zu hart.“ 

Mit Drogen kamen wir dann tatsächlich am letzten Abend auf der Insel Siquior in Kontakt. Mit meiner Freundin und einer weiteren Bekannten besuchten wir eine Reggae-Party. Eingeladen wurden wir am Abend zuvor von einem DJ. Wir sicherten uns hundertfach ab, dass es auch dort keine Drogen geben werde. Schließlich wollten wir damit keinen Kontakt haben und bekamen zudem Angst, unverschuldet ins Visier der kompromisslosen Behörden zu kommen. In diesem Falle müssten wir um unser Leben fürchten.

Klar, uns trieb vor allem die Neugier auf das Fest. Natürlich musste es dann so kommen: Gerade einmal 20 Jahre war sie alt und erzählte uns: „Ach, sicher weiß ich, was hier passieren kann. Aber deshalb nehme ich die Drogen trotzdem. Wollt ihr welche?“, fragte die junge Philippina. Irgendwie müsse sie ja Geld verdienen, erklärte sie. Dass andere Dorfbewohner bereits Opfer der Willkür des Duterte-Regimes wurden, könne sie davon nicht abhalten. Die Polizei tauchte auf der Fete dann übrigens nicht auf. Nach zwei Stunden reichte es uns dennoch. Am letzten Abend wollten wir unser Glück nicht mehr überstrapazieren. 

Krieg gegen Islamisten und Drogen – Welche Möglichkeiten hat man als Reisender? 

Auf der größten Insel im Süden – auf Mindanao – tobte zum Zeitpunkt unserer Reise nicht nur Dutertes Kampf gegen Drogen, sondern auch gegen Islamisten. Der Präsident hatte dem philippinischen IS-Ableger den Krieg erklärt, und das spürten auch wir, je weiter unsere Reise in den Süden ging. Auf Siquior, der Insel nördlich von Mindanao, gerieten wir dann auch in zwei Polizeikontrollen. Wir wurden jeweils durchgewunken. Doch dieses Glück hatten nicht alle Touristen, wie wir erfuhren. Denn wenn die Polizei will, durchsucht sie – und sie sollte nichts finden … 

Traumziel Siquior: Die Insel im Süden der Philippinen bei Sonnenuntergang.

Dennoch verbrachten wir einen größtenteils friedlichen Urlaub, in dem bis auf die Nachrichten und Polizeikontrollen nichts auf die schwierigen Zustände auf den Philippinen hindeuteten. Das hatte nicht nur etwas mit Glück zu tun. Wir informierten uns vor jeder noch so kleinen Reise im Internet und bei Einheimischen über die Situation im jeweiligen Gebiet bzw. auf der jeweiligen Insel. So konnten wir auch jedes Abenteuer genießen: Ob auf der Insel Cebu die Whalesharks, die Schildkröten beim Tauchen und Schnorcheln, die herrlichen Strände von El Nido und ganz besonders die Reisterrassen von Banaue – eine der größten überhaupt und zudem UNESCO-Weltkulturerbe. 

Kein Strom, kein fließendes Wasser: Die Reisterassen von Banaue.

Hierzu eine kurze Exkursion: Die Terrassen liegen etwa 500 Kilometer von Manila entfernt. Wir fuhren in einem völlig überfüllten Bus zehn Stunden lang dorthin und legten anschließend bei gut 35 Grad mit erheblicher Luftfeuchtigkeit einen zweistündigen Fußmarsch zurück. Wir suchten uns eine Bleibe in dem von der Zivilisation völlig abgeschiedenen Fleckchen Erde, hatten dort 48 Stunden kein fließend Wasser, keinen Strom und demzufolge auch kein Licht, Telefonnetz oder Internet. Wenn es in Batad finster wurde, war es finster. Informationen über etwa Trump und das Weltgeschehen erhielten die dort lebenden Menschen hauptsächlich von Touristen. Ein unglaubliches Ereignis in unserer schnelllebigen Welt. Zwei Tage einfach raus aus allem – sehr zu empfehlen. 

Eine bildschöne Schildkröte beim Schnorcheln vor der Küste Cebus.

Fazit:

Wir hatten einen traumhaften Urlaub, den wir trotz allen Umständen in vollen Zügen genießen konnten. So gut wie jeder spricht in diesem Land Englisch, weshalb die Verständigung ein Leichtes ist. Die Menschen sind hilfsbereit, tolerant und sehr gastfreundlich. Die Strände, Pflanzen und Tierwelt sind eine Schau, sodass eine vielfältige Reise garantiert ist. Dennoch sind Vorsicht und Information oberste Pflicht, wenn man in diesen Zeiten auf die Philippinen fliegt. Ein absolutes Muss für jeden, der sich in Asien verguckt hat. 

*Die Philippinen sind ein Staat mit 7107 Inseln im Pazifischen Ozean und gehören zu Südostasien. Vor allem im Süden der Insel Mindanao kommt es derzeit zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Islamisten, Rebellen und Regierungstruppen. Präsident Rodrigo Duterte erklärte mit Amtsantritt Mitte 2016 den gnadenlosen Kampf gegen Drogen. Seitdem herrscht Willkür im Land. Dutertes Truppen ist es erlaubt, jeden Drogenbesitzer ohne rechtsstaatliches Verfahren und auf der Stelle zu töten.

**Autor: Maximilian Kettenbach, 28 Jahre, reiste drei Monate (April bis Juli) durch die Länder China, Taiwan, Philippinen, Australien und Bali. Auf den Philippinen zwischen dem 17. Mai und dem 4. Juni 2017. 

***Als Ladyboy wird ein biologischer Mann bezeichnet, der mit femininen Eigenschaften maskuline Männer begehrt. Der Grad des femininen Auftretens reicht über das Zeigen „weiblicher“ Verhaltensweisen bis hin zur Geschlechtsumwandlung.

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