„Die freundlichsten Menschen“

Sechs Gründe, warum Taiwan das versteckte Traumziel Asiens ist

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Traumhafter Ausblick: Der Tower 101 bei Sonnenuntergang vom „Elephants Hill“ aus.

Party mit der Army, ein atemberaubender Sonnenuntergang und tolle Menschen: Unser Autor hat die Insel im ostchinesischen Meer bereist. Hingefahren ist er gänzlich ohne Erwartungen, wusste nichts von Land und Leute. Er ließ sich zehn Tage lang treiben. Heimgekommen ist er mit der Erkenntnis: Asien-Fans müssen nach Taiwan.

Es ist Anfang Mai, Regenzeit in Taiwan*. Jener Insel im Ostchinesischen Meer, die den meisten von uns vor allem durch Kleidungsstücke oder Cremes "Made in Taiwan" bekannt sein dürfte. Auch ich**, der Autor des Artikels, wusste nicht viel mehr als ich die Reise buchte, doch das sollte sich bald ändern, denn die Schönheit, Vielfalt und Freundlichkeit des Landes sticht geradezu heraus. Vor allem für Backpacker ist die Insel vor Chinas Ostküste mit vielen tollen Hostels ein Paradies.

Größtes Highlight:

Vermutlich ist mir kein Ereignis so in Erinnerung geblieben, wie dieser eine Abend in Hualien: Eine Bekannte aus Deutschland und ich irrten auf der Suche nach einer gemütlichen Bar durch die Straßen der Stadt. Doch egal in welche wir schauten – sie war menschenverlassen. Wie diese Kneipen am Laufen gehalten werden, bleibt ein Rätsel. Irgendwann war die Neugier so groß, dass wir uns in ein rot beleuchtetes Ambiente in den ersten Stock eines heruntergekommenen Gebäudes trauten. Wir hatten zwar eine leise Ahnung, wussten aber wirklich nicht, was uns erwarteten würde. Doch es kam dann ganz anders. Oben sang ein älteres Ehepaar taiwanesische Traditionslieder, andere klatschten dazu im Takt oder sangen mit.

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Wir beschlossen einfach mal mitzumachen. Wenig später übernahmen wir die Herrschaft über das Mikrofon, sangen und tanzten ausgelassen mit einheimischen Armee-Offizieren zu bekannten englischsprachigen Songs wie von den Beatles. Es wurde immer verrückter. Die Einheimischen riefen ihre Freunde, so füllte sich das Lokal fast bis zum Anschlag. Für uns ein legendärer Abend, den wir sicherlich nicht vergessen werden. Auch weil ein Army-Offizier dann noch das berüchtigte aber schrecklich schmecken- und riechende „Stinky Tofu“ für uns holte (s. „Kulinarisch“). Wir probierten artig, mussten aber nach einer Weile kapitulieren und zogen einen Snack auf dem Heimweg vor.

„Stinky Tofu“ ist DAS Leibgericht vieler Taiwanesen.

Menschen:

Im Nachhinein werde ich jedem erzählen, der es hören möchte: „Taiwanesen sind die nettesten Menschen, die ich jemals getroffen habe – eigentlich ohne Ausnahme.“ Denn hilfsbereiter geht es wirklich kaum und das wird schon am Abend meiner Ankunft in der Hauptstadt Taipeh deutlich. Es regnet leicht, Straßenschilder sind für Europäer nicht lesbar, da nur mit chinesischen Schriftzeichen verziert. Ich muss fragen, wo es zu meinem Hostel geht und werde ein wenig unruhig, weil ich soeben aus China komme. Im Reich der Mitte spricht gerade einmal gefühlt jeder Zehnte ein paar Brocken Englisch. Dort konnte man aber wenigstens die Schilder lesen. Doch ich habe Glück. Schon der erste Taiwanese spricht ein wenig englisch und bringt mich schließlich mit ein paar Gesten bis vor das gut zehn Minuten entfernte Hostel. Mein eingedeutschter Instinkt sagt mir: Irgendetwas muss wohl jetzt als Gegenleistung rausspringen - doch weit gefehlt. Der Mann verabschiedet sich rasch und verschwindet.

Nicht das letzte Mal, dass mir Einheimische aus der Patsche helfen. Wenige Tage später in Kenting (Süd-Taiwan) will ich am Abend noch kurz ins Meer und den Sonnenuntergang am Strand genießen. Ein Taxifahrer bringt mich hin, als ich zurück ins Hostel möchte, ist kaum mehr eine Menschenseele da. Ich sehe mich verwirrt um, da kommen schon zwei Jungs in meinem Alter und fragen, ob ich Hilfe brauche. Ich frage nach einer Taxinummer, die sie nicht haben. Was sie aber haben ist ein Auto. Weil noch weitere Freundinnen und Freunde dabei sind, quetschen wir uns zu fünft auf die Rückbank. Sie wollen alles wissen. Über Deutschland, Europa, meine Reise. Sie fahren für mich einen großen Umweg und der wird nicht kleiner, als sie mich in das angeblich beste Dumpling-Lokal in der Gegend bringen. Von dort ist es nur noch ein 20-minütiger Fußmarsch nach Hause – und Tatsache ist: Es waren die besten Dumplings (gefüllte Teigtaschen) auf meiner Reise durch Asien.

Diese Jugendlichen bezeichneten sich selbst als „Aborigines“.

Noch ein Beispiel gefällig? Wieder einige Tage später liege ich an einem anderen Strand in der Nähe von Kenting. Es ist so heiß, dass ich mir einen Sonnenschirm mieten muss. Ich will einfach nur lesen und abschalten. Doch die Rechnung habe ich ohne eine Gruppe "Aborigines" gemacht, wie sich die Einheimischen hier selbst nennen. Sie laden mich ein, sich zu ihnen zu setzen, ihr Bier zu trinken und ihre Musik zu hören. Auch hier ist "Despacito" von Luis Fonsi der Sommerhit. Die Verständigung klappt gut. Irgendeine(r) versteht immer ein paar Brocken Englisch, übersetzt für die anderen. Ungewöhnlicherweise baden sie im Meer mit ihren Kleidern. Sie haben keine Bikinis oder Badehosen, weil das Geld fehle, lautet die Erklärung. Ihrer Lebensfreude schadet das nicht.

Leben:

Apropos Geld: Taiwan ist kein sonderlich armes Land. Dennoch ist die Diskrepanz zwischen Stadt- und Landbevölkerung sichtbar. Der Konflikt zu China spielte auf meiner Reise wider Erwarten keine große Rolle. In Taiwan sind Google und Facebook ebenso populär wie im Westen, dem die Staatsführungen seit 1949 schon immer zugeneigter waren. Flächenmäßig ist Taiwan kleiner als die Hälfte Österreichs, hat aber deutlich mehr Einwohner (36.000 km² ; 23 Millionen Einwohner).

Wie erwähnt sind Taiwans Bürger unheimlich freundlich. Dennoch gibt es noch einmal eine Abstufung. Die Menschen im Süden der Insel erinnern stark an unsere südeuropäischen Freunde. Sie pflegen eine noch entspanntere Lebensart. Eile ist für sie ein Fremdwort. Regeln scheinen sie selbst auszulegen. Hier bleibt die Zeit eine Weile stehen. Natürlich reihen sich in den Küstenregionen Surferstrände und gemütliche Surferhostels aneinander.

Asiatische Schönheit: Kenting bei Nacht.

Das Land ist auf Rollerfahrer ausgerichtet. Beinahe an jeder Ecke kann man „Scooter“ günstig ausleihen. Ein großer Sicherheitsvorteil sind die meist sehr guten Straßenverhältnisse. Ein weiterer ist der rechte Streifen, der die Zwei- von den Vierrädern auf der Straße trennt. An der Ampel stehen Rollerfahrer immer in erster Reihe, dafür sorgt ein aufgezeichnetes Rechteck, in dem alle Scooterfahrer auf das grüne Signal warten.

Ausbaufähig sind sicherlich das Nachtleben Taiwans gerade im Osten und Süden. Leere Bars, unendlich viele aber noch leerere Karaokeeinrichtungen reihen sich gerade im Osten und Süden aneinander. Klar, es war Nebensaison. Doch die Einheimischen erklären: „Auch in der Hauptsaison wird das nicht wirklich besser.“ Man braucht Glück, das Richtige zu finden. So wie eine Bekannte und ich in Hualien (siehe oben).

Hostel/Unterbringung:

Taiwan ist ideal für Backpacker. Ein entscheidender Faktor dafür sind die meist modernen Hostels. Für gut 11 Euro bekommt man eine Nacht mit Frühstück, das in den allermeisten Fällen sehr liebevoll zugerichtet ist. Das Wlan ist ein Traum, gerade wenn man einmal in australischen Hostels unterwegs war. dort sieht es diesbezüglich nämlich nicht so gut aus. Die Betten sind sauber, Wäsche kann gewaschen und aufgehängt werden. Die Lobbys sind meist raumgreifend und die Inhaber waren immer irgendwas zwischen sehr freundlich und sehr, sehr freundlich. Meine Hostels: Sleepy Dragon Hostel (Taipeh), FH Hostel (Hualien), Rainbow Wave Surfing Hostel (Kenting).

Ein Aussichtspunkt während einer Rollertour im Süden Taiwans.

Sehenswürdigkeiten/Sehenswertes:

Ich habe meine Reise in der Hauptstadt Taipeh (Nord-Taiwan) begonnen. Die Metropole mit 2,7 Millionen Einwohnern hat vor allem eines zu bieten: den Tower 101. Von unten, oben und aus einiger Entfernung im atemberaubenden Sonnenuntergang. Das 508 Meter hohe Finanzgebäude ist das siebthöchste der Welt und prägt das Stadtbild. Der Sonnenuntergang, betrachtet vom nahen „Elefantenhügel“ aus ist einer der schönsten, den ich auf meiner Reise erleben durfte. Taipeh ist verwinkelt, mit vielen kleinen Gassen und einem tollen Night Market. Das Nationale Palastmuseum ist von außen und innen eine Schau. Ansonsten gilt es aber vor allem, das Leben einfach aufzusaugen.

Traumhafter Ausblick: Der Tower 101 bei Sonnenuntergang vom „Elephants Hill“ aus.

Landschaftlich schöner wird es im Osten Taiwans. Er ist durchzogen von wunderschönen Berglandschaften, inmitten denen prächtige Nationalparks liegen. Ich war in einem davon, dem Taroko-Nationalpark. Seine Fläche beträgt 92.000 Hektar. Er ist der älteste in Taiwan und von Hualien aus bequem mit Zug und Scooter zu erreichen. Der Nationalpark ist vor allem durch seine Schluchten und die steilen Felswände berühmt und ist nach der Taroko-Schlucht benannt. Zu dieser fuhren meine Bekannte und ich, um zu wandern. Doch trotz aller Imposanz mussten wir aufgrund des unheimlichen Tropenregens früh kapitulieren. Der Ausflug war es dennoch wert.

Das naheliegende Hualien liegt am Meer, das Taiwanesen dort aber hauptsächlich für Strandspaziergänge nutzen, da es ist zu stürmisch ist und die Strände nicht badetauglich sind. 

Die Taroko-Schlucht im Osten Taiwans bei Hualien.

Im Westen Taiwans sind die meisten Städte zu finden. Allerdings war ich etwa in Kaohsiung, der zweitgrößten Stadt Taiwans, nur zur Durchreise. Viele Menschen, die ich in Taiwan kennenlernte, rieten mir zwar dazu, den bevölkerten Westen mit den vielen Städten noch aufzusuchen, doch zeitlich klappte das nicht mehr. In Taiwan gibt es viele alte, meist inaktive Vulkane. Wohl dem, dem heiße Quellen behagen. Sie sind über das ganze Land verteilt. Oft ist das Wasser nicht nur warm, sondern auch mineralhaltig. Taiwanesen lieben diese Quellen um zu entspannen, Kraft zu tanken und bei Gesundheit zu bleiben. Ich war in den Quellen von Beitou in Taipeh. Bei Temperaturen um die 70 Grad im Wasser hält man es nicht lange aus. Dennoch ein MUSS in Taiwan.

Sehr zu empfehlen soll auch der Sonne-Mond-See sein. Das Ferienparadies der Taiwanesen. Er liegt in Zentraltaiwan, wohin ich nicht kam. Vor allem Paare sollen es aber, laut den Menschen vor Ort, dort besonders romantisch haben. Der absolute Großteil der Bevölkerung gehört dem Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus an. Die Trennlinien zwischen den Religionen sind fließend. Es ist der Grund für die vielen Tempel auf der Insel. Der wohl bekannteste ist der Longshan-Tempel in der Hauptstadt, Taipehs ältester und unbedingt eine Reise wert.

Sehr speziell sind die Friedhöfe Taiwans. Mit ihren kleinen Häuschen als Grabstätten sehen sie schon von weitem aus wie kleine Dörfer – nur Menschenleer. Der Grund: Dem Volksglauben nach treiben sich neben den eigenen Ahnen auch viele andere, möglicherweise feindselige Geister auf den Friedhöfen herum. Daher lassen es Taiwanesen erst gar nicht darauf ankommen und entzünden lieber am eigenen Hausaltar ein Räucherstäbchen für die Verstorbenen, anstatt den Verstorbenen auf den Friedhöfen einen Besuch abzustatten. Die Ruheorte entfalten für unsere Augen eine Schönheit, die man nicht unbedingt von Friedhöfen kennt oder erwartet.

Ein Friedhof in der Nähe von Hualien - ein besonderer Ort.

Kulinarisch:

Taiwan begeistert durch unzählige Nachtmärkte an allen Ecken jeder Stadt. Ein Paradies für Menschen, die sich kulinarisch noch ausprobieren möchten. Denn für extrem wenig Geld bekommt man dort enorm viel. Dennoch hakt es hier häufig am Englisch der Verkäufer, so dass man zum Testen gezwungen wird. Teilweise wusste ich nicht, was ich aß – glücklicherweise hat mir es auch hinterher niemand sagen können. Doch neben all den exotischen Delikatessen wie Hühnerpfoten oder -herzen gibt es auch andere asiatische Kost, die selbst für den "Normaleuropäer" genießbar ist. Und schlimmstenfalls gibt es diverse Fast-Food-Ketten aus Amerika. 

Eine Leibspeise der Taiwanesen darf nicht unerwähnt bleiben: Das sogenannte „Stinky-Tofu“, das stinkende Tofu. Man riecht es schon aus großer Entfernung so immens, dass man auf seinen Mageninhalt aufpassen sollte. Ich habe es im Überschwang einmal probiert und muss leider davon abraten. Andere werden es bestimmt ganz anders sehen. Geschmackssache eben.

Fazit:

Taiwan hat mich in nur zehn Tagen komplett überzeugt. Doch nicht nur mich: Einige meiner gewonnenen Freunde auf der Reise verlängerten ihren Taiwan-Trip, andere verkürzten dafür etwa Ausflüge nach Japan oder beginnen demnächst, in Taipeh zu studieren. Tolle Städte, herrliche Landschaften, dazu viel Sand, Sonne und Meer sowie eben die freundlichsten Menschen – Taiwan ist eine Insel die mehr bietet, als ich mir je erwartet hatte. Trotz Regenzeit und Nebensaison.

*Taiwan: Taiwan ist auch unter dem Pseudonym Republik China bekannt bzw. Republik China auf Taiwan. Taiwan ist ein Inselstaat in Ostasien. Bis 1971 gehörte die Republik China (auf Taiwan) als einzige Vertreterin des chinesischen Volkes den Vereinten Nationen an. Durch eine Resolution der UN-Generalversammlung verlor Taiwan diese Stellung an die Volksrepublik China. Seitdem leidet Taiwan unter der Anerkennung internationaler Staaten.

**Autor: Maximilian Kettenbach, 28 Jahre, reiste drei Monate (April bis Juli) durch die Länder China, Taiwan, Philippinen, Australien und Bali. In Taiwan zwischen dem 8. und dem 17. Mai 2017.

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