Titelträger automatisch qualifiziert?

WM 2018 in Russland: Wer ist eigentlich Europameister?

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Wer hat sich den EM-Pokal im Jahr 2016 gesichert?

Beinahe zwei Jahre ist es her, dass im Stade de France der Fußball-Europameister 2016 gekürt wurde. Doch wer hat sich damals durchgesetzt und reist als Titelträger zur WM 2018 in Russland?

München - Am 10. Juli 2016 standen sich Frankreich und Portugal in Saint-Denis im Endspiel um die Fußball-Europameisterschaft 2016 gegenüber. Doch nicht die favorisierten Gastgeber, die zuvor von einer Welle der Euphorie durchs Land getragen worden waren, behielten die Oberhand - Portugal siegte in der Verlängerung durch ein Jokertor des eingewechselten Mittelstürmers Eder. Lange Zeit hatte rein gar nichts auf einen Erfolg der Elf von Trainer Fernando Santos hingedeutet. 

Kurios: Ohne einen einzigen Erfolg in der regulären Spielzeit war die Auswahl um Real Madrids Superstar Cristiano Ronaldo bis ins Halbfinale vorgerückt. Das war zuvor noch keinem Europameister „geglückt“. Bei ihrem ersten Auftritt in der Gruppenphase am 22. Juni 2016 trafen die Portugiesen in Lyon auf die ungarische Elf. Nach 90 kuriosen Minuten stand ein 3:3 zu Buche, Ronaldo bewahrte seine Farben mit einem Doppelpack vor einem gänzlich peinlichen Auftakt. Auch die folgenden Auftritte gegen die Außenseiter Österreich und Island brachten keine Besserung. Nach einem torlosen Remis gegen David Alaba & Co. und einem 1:1 gegen die wackeren Isländer um ihren Spielmacher Gylfi Sigurdsson lagen die Kicker von der iberischen Halbinsel lediglich auf Platz drei der Gruppe F.

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EM 2016 in Frankreich: Portugal profitiert von Aufstockung

Bei den vorherigen Auflagen der Europameisterschaft hatten sich lediglich die beiden Erstplatzierten der Vorrundengruppen für die K.o.-Phase qualifiziert - doch 2016 war plötzlich alles anders. Erstmals gingen beim traditionsreichen Nationenturnier 24 Teilnehmer an den Start, die auf sechs Gruppen verteilt wurden. Zuvor hatten sich 16 Nationen in vier Staffeln duelliert. Die Änderung des Wettbewerbsmodus war vom damaligen UEFA-Präsidenten Michel Platini angestoßen worden, der „kleineren“ Fußball-Nationen die Chance auf eine Endrunden-Teilnahme erleichtern wollte. Nun bot sich auch für die vier besten Drittplatzierten der Vorrunden die Möglichkeit, ins Achtelfinale einzuziehen. Diese Chance ließen sich die Portugiesen nicht entgehen.

Doch auch im ersten K.o.-Spiel war ihr Auftritt nur phasenweise eines Europameisters würdig. Gegner Kroatien lieferte Santos‘ Mannen einen harten Kampf. Nach 90 Minuten war keine Entscheidung gefallen, eine Verlängerung unausweichlich. Es war schließlich der eingewechselte Ricardo Quaresma, der die Fans von der Algarve in der 117. Minute jubeln ließ. Per Abstauber traf der Flügelstürmer von Besiktas Istanbul zum 1:0-Siegtreffer.

Ricardo Quaresma (Mi.) wird nach seinem Siegtreffer gefeiert.

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EM 2016 in Frankreich: Santos-Elf geizt mit Highlights - nur Sanches dreht auf

90 Minuten reichten auch im anschließenden Viertelfinale gegen die polnische Auswahl nicht zum Weiterkommen. In der regulären Spielzeit präsentierten sich die Osteuropäer um Robert Lewandowski vom FC Bayern München spielbestimmend und trafen in Person ihres Starstürmers und Kapitäns früh zum 1:0. Fast aus dem Nichts gelang Shootingstar Renato Sanches - seinerzeit noch in Diensten von Benfica Lissabon - mit einem abgefälschten Distanzschuss der Ausgleichstreffer. Die EM 2016 war Sanches‘ große Bühne. Nach dem Turnier zum besten Nachwuchsspieler gewählt, wechselte der damals 18-Jährige für eine Ablösesumme von 35 Millionen Euro zum deutschen Rekordmeister. Heute sucht der Mittelfeldspieler, der zwischenzeitlich nach Swansea verliehen wurde, nach seiner Form, wie tz.de* berichtet.

Nachdem die Mannschaften in der regulären Spielzeit keinen Sieger ermitteln konnte, verlief auch die anschließende Verlängerung ereignislos. Es folgte ein denkwürdiges Elfmeterschießen, in dem der langjährige Dortmunder Jakub Blaszczykowski mit seinem Fehlschuss zum tragischen Helden avancierte. Portugal zog mit einem 6:4 in die Runde der letzten Vier ein.

Im Halbfinale wartete das Überraschungsteam aus Wales auf die Kicker von der iberischen Halbinsel. Nun gelang ihnen, was zuvor noch nicht so recht klappen wollte: Ein Erfolg in der regulären Spielzeit. Wieder einmal waren es die Offensiv-Künstler Ronaldo und Nani, die die Kohlen aus dem Feuer holten. Der mehrfache Weltfußballer schädelte in der 50. Minute zunächst eine Flanke von Raphael Guerreiro ein, der auf den Kapverden geborene Nani legte drei Minuten später nach - die tapfer kämpfenden Waliser um Ronaldos Teamkollegen Gareth Bale waren geschlagen.

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EM 2016 in Frankreich: Europameister mit nur einem Sieg

Die zumeist in rot-grün agierende Elf hatte es also tatsächlich geschafft, das Endspiel der EM 2016 zu erreichen, ohne die Zuschauer mit fußballerischen Highlights zu verwöhnen. Finalgegner Frankreich dagegen hatte die Fans in heimischen Gefilden mit erfrischendem Offensivfußball verwöhnt und im Halbfinale den Top-Favoriten Deutschland ausgeschaltet. Die Kräfteverteilung schien klar: Portugal ging als klarer Außenseiter in die Partie im Stade de France.

Nach 25 Minuten bereits der erste Schock: Superstar Ronaldo musste nach einer rüden Attacke von Frankreichs Dimitri Payet verletzt vom Feld. Fortan musste Portugals Ikone das Endspiel-Drama vom Seitenrand miterleben - Bilder des mitfiebernden 32-Jährigen sind in jeder Turnier-Rückschau zu finden. In den 90 Minuten in Saint-Denis erlebten die Zuschauer viel Stückwerk, erneut blieb den Portugiesen nur die Verlängerung, um eine Entscheidung herbeizuführen - kein Problem für die Überstunden-Spezialisten von der Algarve. Es war schließlich der zuvor international unbekannte Mittelstürmer Eder, der sich zum Nationalhelden kürte. Erst in der Schlussphase eingewechselt, traf der bullige Angreifer in der 109. Minute mit einem platzierten Distanzschuss zum Tor des Tages. Ganz Frankreich verfiel in Schockstarre*.

Der verletzte Cristiano Ronaldo (l.) assistierte seinem Coach beim Final-Triumph.

WM-Gruppe F: Das sind Deutschlands Termine in der Vorrunde

Portugal reist als amtierender Europameister zur WM 2018 in Russland

Wenn am 14. Juni 2018 die Fußball-WM in Russland beginnt, reist Portugal somit als amtierender Europameister an. Mit dem Titel des UEFA-Verbandes in der Tasche ist man nicht automatisch für die interkontinentale Endrunde qualifiziert. Auch die Rot-Grünen, die immer noch von Erfolgscoach Santos angeleitet werden, mussten eine über einjährige Qualifikationsrunde absolvieren. Um ein Haar hätten die Kicker von der Algarve den Umweg über die Playoffs nehmen müssen. Erst am entscheidenden letzten Spieltag gegen die Schweiz gelang der 2:0-Sieg, der Portugal auf Rang Eins des Klassements springen ließ.

Trotz seines Coups von 2016 gehört der Europameister in Russland nicht zum engsten Favoritenkreis. Dem amtierenden Weltmeister Deutschland wird von vielen Experten durchaus zugetraut, seinen Titel zu verteidigen. Frankreich, dessen Aufgebot qualitativ nochmals aufgewertet wurde, würde nur zu gerne Rache für das enttäuschende Ende der EM im eigenen Lande nehmen. Auch den südamerikanischen Vertretern Argentinien und Brasilien mit ihren Superstars Lionel Messi und Neymar muss Beachtung geschenkt werden.

Portugal wird beim Turnier in Russland wohl auf große personelle Neuerungen verzichten und mit vielen Spielern anreisen, die bereits im Jahr 2016 zum Aufgebot zählten. Ob Santos den vielversprechenden Offensiv-Talenten wie Gelson Martins (Sporting Lissabon) oder Andre Silva (AC Mailand) auch auf der großen internationalen Bühne das Vertrauen schenkt, wird sich erweisen. 

Ihren größten Erfolg bei einer WM-Endrunde feierten die Portugiesen im Jahr 1966, als sie von Torschützenkönig Eusebio auf Rang drei geführt wurden. Der „goldenen Generation“ um Rui Costa und Luis Figo war 2006 nicht mehr als der vierte Platz vergönnt. Insgesamt haben die Rot-Grünen sechsmal an einer interkontinentalen Endrunde teilgenommen.

WM 2018 in Russland: Dieser Superstar tritt bei der Eröffnungsfeier auf

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