Ex-SVS-Torhüter im Interview

Exklusiv: Fraisl über Sandhausen-Abschied - „Bin überhaupt nicht wehmütig“

Martin Fraisl hat den SV Sandhausen verlassen müssen.
+
Martin Fraisl hat den SV Sandhausen verlassen müssen.

Sandhausen - Im exklusiven HEIDELBERG24-Interview spricht Torhüter Martin Fraisl über seinen abrupten Abschied vom SV Sandhausen und sein neues Leben in Den Haag:

Martin Fraisl und der SV Sandhausen - das hat zunächst perfekt gepasst. Der ehrgeizige Österreicher ist im Sommer 2019 vom rumänischen Klub FC Botosani an den Hardtwald gewechselt und zählt unter Uwe Koschinat zum unumstrittenen Stammtorhüter. Nachdem Koschinat allerdings Ende November 2020 gehen muss, verliert Fraisl seinen Status als Nummer eins. Der neue Trainer Michael Schiele setzt den 27-Jährigen nach einigen Spielen auf die Bank. Nach einem Vorfall vor dem Heimspiel gegen Holstein Kiel gibt der SVS die sofortige Trennung von Fraisl bekannt - ohne dabei Details über die Geschehnisse publik zu machen. Ein unschönes Ende nach einer eigentlich erfolgreichen Zusammenarbeit.

NameMartin Fraisl
Geburtsdatum10. Mai 1995 (Alter 27 Jahre)
Aktueller VereinADO Den Haag
Vertrag bis30. Juni 2021

SV Sandhausen: Ex-Torhüter Martin Fraisl im exklusiven Interview

Nach seinem abrupten Abschied schließt sich Martin Fraisl im Januar 2021 dem niederländischen Erstligisten ADO Den Haag an. Während Schiele beim SVS mittlerweile durch das Duo Stefan Kulovits und Gerhard Kleppinger ersetzt worden ist, hat sich Fraisl beim Tabellenletzten der Eredivisie auf Anhieb einen Stammplatz erkämpft. Im Interview mit HEIDELBERG24 spricht der Österreicher über seine Zeit beim SV Sandhausen, den Abschied im Dezember und seine ehrgeizigen Ziele.

HEIDELBERG24: Herr Fraisl, wie geht es Ihnen aktuell in den Niederlanden?

Martin Fraisl: „Mir geht es sehr gut! Ich bin gesund, spiele jede Woche und mache mir hier einen Namen. Auch meine Familie fühlt sich wohl. Wir wohnen direkt am Meer. Es könnte schlimmer sein.“ (lacht)

HD24: Sie sind erst im Januar zu ADO Den Haag gewechselt: Wie haben Sie sich eingelebt?

Fraisl: „Es musste alles sehr schnell gehen. Die Anlaufzeit war sehr kurz, was aber auch kein Problem war. Sprachlich und kulturell war auch keine lange Anpassung notwendig.“

HD24: Wie groß sind die Unterschiede zur 2. Bundesliga?

Fraisl: „Die 2. Liga ist eine Kampfliga, in der Fußball gearbeitet wird. Hier wird Fußball gelebt und gespielt. Ich war unfassbar beeindruckt, wie gut die Qualität der Rasenplätze ist. So ein Spiel könnte man in der 2. Liga teilweise gar nicht aufziehen. Hier wird zudem weniger zweikampfintensiv gespielt. Für Fußball-Ästheten ist das wirklich wunderschön. In Deutschland nimmt oft die Pragmatik überhand, was jetzt aber keine Wertung sein soll. Ich spiele als Torwart gerne mit. Dahingehend konnte ich mich hier wieder verbessern. Als Torwart ist man hier viel mehr ins Spiel eingebunden und muss permanent als Anspielstation fungieren.“ 

HD24: ADO Den Haag ist in der Eredivisie Tabellenletzter. Wie bewerten Sie die aktuelle sportliche Situation?

Fraisl: „Innerhalb meiner ersten Wochen hier haben sich die Vorzeichen geändert. Ich bin mit dem Auftrag verpflichtet worden, dabei zu helfen, dass die Mannschaft in der Liga bleibt. Ein paar Wochen später ist der Verein an einen Investor aus Amerika verkauft worden, der einen Neuaufbau plant und das Projekt langfristig sieht. Der Fokus liegt also nicht mehr primär darauf, die Klasse zu halten, sondern fundamental etwas Neues aufzubauen. Die Situation ist nicht so dramatisch wie sie scheint. Ich kann die Plattform nutzen und meinen Namen bekannter machen.

SV Sandhausen: Martin Fraisl spricht im Interview über seinen Abschied

HD24: Sie mussten den SV Sandhausen im Dezember sehr plötzlich verlassen. Wie blicken Sie darauf zurück?

Fraisl: „Grundsätzlich gut, da mir der Schritt in eine Topliga ermöglicht wurde. Nach dem Abgang von Uwe Koschinat hatte ich ehrlich gesagt nicht mehr die ganz große Freude am Fußball in Sandhausen verspürt. Ich habe gemerkt, dass ich dort persönlich stagniere. Es sind im Umfeld viele Dinge passiert. Man hat ja auch gemerkt, dass generell der Wurm drin war. Jetzt durch die Übernahme von Gerhard Kleppinger und Stefan Kulovits hat sich das definitiv wieder geändert. Letztlich bin ich happy und überhaupt nicht wehmütig. Ich habe noch viel Kontakt nach Sandhausen, schaue mir die Spiele an und drücke die Daumen. Am Ende des Tages war es für mich persönlich gut.

Ich habe auch nach meinem Abschied wahnsinnig viel Zuspruch bekommen.

Martin Fraisl

HD24: Das vorzeitige Ende beim SV Sandhausen kam von außen betrachtet sehr überraschend. Wie haben Sie das empfunden?

Fraisl: „Das kam auch für mich überraschend. Ich bin aber mit einem guten Gefühl gegangen, da ich mir treu geblieben bin und nichts verbrochen habe. Ich habe mich über die eineinhalb Jahre ordentlich verhalten. Ich habe auch nach meinem Abschied wahnsinnig viel Zuspruch bekommen.

Martin Fraisl mit seinen ehemaligen Mitspielern.

HD24: Wo liegen aus ihrer Sicht die Gründe, warum es beim SV Sandhausen in dieser Saison nicht läuft?

Fraisl: „Ich habe den SV Sandhausen schon vorher verfolgt - auch wegen Stefan Kulovits. In Österreich hat man den Verein sehr positiv mit dem Image des gallischen Dorfs wahrgenommen. Jetzt sind innerhalb des Vereins die Ansprüche nach oben korrigiert worden und es wurde mehr Geld ausgegeben. Dabei wurde allerdings vergessen, dass das Umfeld nach wie vor das gallische Dorf ohne professionelle Bedingungen ist. Wenn Attribute wie kämpfen missachtet werden, kann das auch schnell in die andere Richtung gehen. Das ist leider Gottes passiert. Die Erwartungen wurden von heute auf morgen viel zu schnell nach oben korrigiert - anstatt sukzessive etwas aufzubauen. Der wichtigste Punkt war für mich, dass Uwe Koschinat entlassen wurde. Er hat den Verein wahnsinnig zusammengehalten und hat das Kämpferimage gelebt und mitgetragen. Als er gehen musste, hat sich vieles verflüchtigt und das war glaub ich der Knackpunkt. Zu Qualität gehören halt auch Kampf und Einstellung. Uwe Koschinat hätte die Mannschaft in die Top 12 und zum Klassenerhalt geführt.

HD24: Glauben Sie, dass der SV Sandhausen trotzdem die Klasse hält?

Fraisl: „Ich glaube, dass es Stefan Kulovits und Gerhard Kleppinger schaffen, weil sie ähnlich wie Uwe Koschinat ticken. Mit dem Duo hat man wieder auf die alten Tugenden gesetzt. Sie waren die richtige Wahl.

Martin Fraisl im Interview: Großes Lob für SVS-Trainer Stefan Kulovits

HD24: Wie bewerten Sie heute ihre Entscheidung, dass Sie 2019 zum SVS gewechselt sind?

Fraisl: „Ich würde es jetzt in meiner Karrierephase, in der ich mich befinde, nicht wieder machen. Aber in der Phase damals war der Sprung von Rumänien nach Deutschland einfach gut, um mich auf dem nächsthöheren Level zu beweisen. Ich habe für den SVS viele gute Spiele gemacht und ich habe die angenehme Zusammenarbeit mit Uwe Koschinat sehr genossen. Er ist ein super Trainer und Mensch. Auch mit dem weiteren Trainerteam war es sensationell zu arbeiten. Daniel Ischdonat ist einer der besten Torwart-Trainer der Liga. Von daher war es für mich ein super Zwischenschritt. Ich möchte die Zeit nicht missen.

Martin Fraisl (li.) jubelt mit Uwe Koschinat (r.)

HD24: Trauen Sie Stefan Kulovits zu, auch dauerhaft als Cheftrainer zu arbeiten?

Fraisl: „Definitiv! Ich höre auch aus Spielerkreisen, dass er überragend mit der Mannschaft trainiert und auch im zwischenmenschlichen Bereich super Arbeit leistet. Er hat ein Wahnsinnspotenzial, ein richtig guter Trainer zu werden. Meiner Meinung nach wird ihm das gelingen und er wird ganz weit kommen.“

HD24: Sie gelten in der österreichischen Nationalmannschaft zum Kreis möglicher EM-Kandidaten. Ist die EM-Teilnahme im Sommer ein konkretes Ziel von Ihnen?

Fraisl: „Das ist jetzt kein konkretes Ziel von mir. Aber langfristig habe ich das Ziel, spätestens mit 30 Jahren regelmäßig ein Teil der Nationalmannschaft zu sein. Wenn es in diesem Jahr schon passiert, ist es schön. Wenn nicht, ist es kein Beinbruch.

Ich mache alles mit 120 Prozent

Martin Fraisl

HD24: Woher kommt ihr großer Ehrgeiz?

Fraisl: „Ich mache alles mit 120 Prozent. Wenn ich etwas erreichen möchte, wird dem alles untergeordnet und alles dafür getan. Ich bin sehr zielorientiert. Das liegt aber auch in meiner Natur und ist meine grundsätzliche Lebenseinstellung.

HD24: Stimmt es, dass die Ski-Legende Hermann Maier zu ihren Vorbildern zählt?

Fraisl: „Das ist richtig. Er ist für mich immer wieder ein Vorbild in Sachen Einstellung. Er hat das vorgelebt, was mir jetzt sehr wichtig ist.

HD24: Hatten Sie schon persönlichen Kontakt zu ihm?

Fraisl: „Ich hatte die Chance, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Wir werden uns in der Zeit nach Corona persönlich treffen.“

HD24: Sie haben bereits in mehreren Ländern gespielt. Sehnen Sie sich nach einer gewissen Kontinuität?

Fraisl: „Ich strebe schon an, auch mal kontinuierlich bei einem Verein zu spielen. Ich habe aber kein Land als klassisches Ziel und lasse mir das grundsätzlich offen. Ich habe das Ziel, dass ich ab meinem 30. Lebensjahr bei einem gefestigten Verein spiele, bei dem man langfristige Ziele verfolgt. Ich möchte irgendwann mal einen Verein finden, bei dem ich zehn Jahre lang spielen möchte. Mein großes Ziel ist es ja zudem auch, dass ich bis 42 auf höchstem Niveau spielen möchte.“

HD24: Haben Sie trotzdem einen Traumverein oder eine Liga, in der Sie unbedingt spielen möchten?

Fraisl: „Mein Traum ist einmal in einer der vier Top-Ligen Europas zu spieln. Das muss ja auch erst in zwei Jahren sein. Bis dahin bin ich sehr flexibel. Wenn es sein muss, bin ich auch noch bereit für ein Abenteuer. Ich möchte mich auf dem Niveau, auf dem ich jetzt bin, weiterentwickeln. Ich kann mir auch vorstellen, in der Eredivisie zu bleiben.“

HD24: Ihr Vertrag bei ADO Den Haag läuft nach der Saison aus. Gibt es schon eine Tendenz, wo Sie ab der kommenden Saison spielen. Ist auch ein Verbleib in Den Haag denkbar?

Fraisl: „Es gibt noch keine klare Richtung. Der ein oder andere Verein hat sich schon umgehört, wie meine Vertragssituation ist. Ich habe von Den Haag ein gutes Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt, weil ich mich jetzt erstmal auf die Endphase konzentrieren möchte. Ich habe mich noch nicht festgelegt.

HD24: Wie gehen Sie und ihre Familie mit der aktuellen Corona-Situation um?

Fraisl: „Auf den Fußball bezogen ist der Unterschied nicht so groß. Für meine Familie tut es mir aber generell leid. Meine Tochter ist jetzt zehn Monate alt und hat ihre Großeltern zuletzt im Oktober sehen können. Natürlich wünscht man sich das anders. Wir freuen uns schon auf den Urlaub nach der Saison, den wir in Österreich verbringen werden. Wir hoffen ja alle, dass Corona durch die Impfungen im Sommer oder Herbst ein stückweit eingedämmt werden kann.“ (nwo)

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare