„Schwierigste Zeit meines Lebens“

SVS-Verteidiger Knipping drohte Beinamputation – so kämpft er sich jetzt zurück!

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Tim Knipping kämpft sich aktuell nach seiner langen Verletzung zurück.

Sandhausen – Im exklusiven HEIDELBERG24-Interview spricht SVS-Verteidiger Tim Knipping über seine lange Leidenszeit und seinen Weg zurück auf den Fußball-Platz.

Als sich HEIDELBERG24 mit Tim Knipping zum Interview am Hardtwald trifft, ist der Verteidiger von Zweitligist SV Sandhausen gut gelaunt, wirkt entspannt. Wenn man bedenkt, welch einen Horror der 25-Jährige in den letzten Monaten durchlebt hat, ist das alles andere als selbstverständlich.

Es ist der 6. Mai 2018: Der SV Sandhausen liegt gegen den 1. FC Nürnberg, der kurz vor der Bundesliga-Rückkehr steht, mit 0:2 hinten. Trotz der Niederlage stehen die Schwarz-Weißen kurz vor dem Klassenerhalt. Die letzten Minuten plätschern dahin, die Nürnberger Fans machen sich bereit für die Aufstiegsfeier, als Knipping plötzlich ohne Fremdeinwirkung auf dem Boden liegen bleibt. Das Drama nimmt seinen Lauf...

Mit dem Helikopter wird Knipping in die BG-Klinik nach Ludwigshafen gebracht. Die Diagnose: Schienbeinbruch

Als der gebürtige Kasseler nach der ersten Operation extreme Schmerzen bekommt und sich im Bein Druck aufbaut, muss er sich einer Not-Operation unterziehen - gar eine Beinamputation steht im Raum. Insgesamt wird Knipping in Ludwigshafen sechs Mal in vier Wochen operiert. Kaum zu glauben, aber bereits Anfang Juni startet er die Reha.

Nun - knapp über sechs Monate nach der verhängnisvollen Verletzung - ist Knipping auf einem guten Weg, die Rückkehr in den Kader rückt näher. Im HEIDELBERG24-Interview spricht er über die schwierigste Zeit seines Lebens.

HEIDELBERG24: Herr Knipping, die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es Ihnen aktuell?

Tim Knipping: „Mir geht es persönlich sehr gut. Ich hatte letzte Woche Mittwoch noch eine Operation, bei der mir zwei Schrauben aus dem Knie entfernt worden sind. Das ist gut verheilt. Ich bin momentan schmerzfrei und kann mich nicht beschweren.

HD24: Gibt es schon einen Zeitplan, wann Sie wieder im Kader stehen können?

Knipping: „Ich möchte da keine Prognose abgeben, sondern muss erstmal wieder richtig gesund werden. Wenn ich wieder komplett mit der Mannschaft trainieren kann, muss man erstmal sehen, wie mein Körper reagiert. Ich mache mir keinen Druck, ob ich jetzt im Dezember oder im Januar wieder dabei bin. Ich bin froh, jetzt erstmal schmerzfrei zu sein.

HD24: Müssen Sie sich sich manchmal auch selbst stoppen?

Knipping: „Es ist definitiv hart, die Jungs auf dem Platz zu sehen und nur daneben zu stehen oder das Reha-Programm zu machen. Jetzt aber langsam wieder dabei zu sein, ist dafür umso schöner.

HD24: Es sind im Sommer viele neue Spieler gekommen, mit denen Sie bislang noch nicht zusammengespielt haben. Fühlen Sie sich trotzdem als Teil der Mannschaft?

Knipping: „Definitiv! Ich habe die Reha zwar in Kempten gemacht, habe aber immer wieder bei den Jungs vorbeigeschaut. Vom ersten Tag der neuen Saison hatte ich nie das Gefühl, nicht integriert zu sein.

HD24: Beim Heimspiel am 6. Mai 2018 gegen Nürnberg haben Sie sich ohne Fremdeinwirkung schwer verletzt. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?

Knipping: „Ich habe sofort gemerkt, dass es etwas Schlimmeres ist und mein Bein gebrochen ist. Mir sind sehr viele Gedanken durch den Kopf geschossen - das war natürlich ein sehr negativer Moment.

HD24: Sie sind mit dem Hubschrauber in die BG-Klinik nach Ludwigshafen geflogen worden. Haben Sie noch konkrete Erinnerungen an den Ablauf?

Knipping: „Ich wurde erst in die Katakomben gebracht und habe dort Schmerzmittel bekommen. Ich bin dann recht zügig mit dem Helikopter nach Ludwigshafen gebracht worden. Wenn mann jetzt drüber nachdenkt, ist es sehr wichtig gewesen, dass es so schnell ging, da an diesem Spieltag das Stadion voll war und wir sonst gar nicht die Möglichkeit gehabt hätten, so schnell nach Ludwigshafen zu kommen. Ich bin sehr dankbar, dass das alles so schnell abgelaufen ist, weil man weiß nicht, wie es sonst ausgegangen wäre.

HD24: Wie verlief der Tag danach? Es war die Rede davon, dass Ihnen eine Beinamputation gedroht hat?

Knipping: „Das Schienbein war gebrochen. In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai ist mir ein Nagel durchs Schienbein eingesetzt worden. Da gab es noch keine Komplikationen. Als die Schmerzmittel dann nachgelassen haben, habe ich im Bein immer größere Schmerzen bekommen. Im Vergleich zu diesen Schmerzen war der Schienbeinbruch ein Kindergarten. Solche Schmerzen wünsche ich nicht mal meinem größten Feind. Die Ärzte haben dann eine Not-OP verordnet. Als ich aufgewacht bin, war mein Unterschenkel aufgespaltet.

HD24: Hat also die erste OP die Komplikationen letztlich ausgelöst?

Knipping: „Ob es jetzt wegen dem Bruch oder wegen der ersten OP passiert ist, kann man nicht sagen. Die Wahrscheinlichkeit, so einen Druck im Bein zu haben, liegt bei ca. 30 Prozent. Deshalb musste man das Bein aufspalten, damit es nicht amputiert werden muss. Das war natürlich ein großer Schock. Die Ärztin hat gesagt, dass ich von Glück reden kann, dass ich mein Bein noch habe. Durch den Druck im Bein haben nicht viele Minuten gefehlt.

HD24: Wie schwierig war die Situation für Sie persönlich?

Knipping: „Das waren die schwierigsten Tage meines Lebens. Das war nicht nur eine kleinere Verletzung, sondern es stand viel mehr auf dem Spiel. Es ging nicht ‚nur‘ um meine Karriere, sondern um meine Gesundheit und mein Bein. Das war schon eine sehr üble Zeit, die ich nicht nochmal erleben möchte.

HD24: Wie haben Sie sich aus dem Tief herausgekämpft?

Knipping: „Sowohl meine Familie, meine Freunde als auch der Verein haben mich sehr unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin. Unser ehemaliger Trainer Kenan Kocak und Otmar Schork haben mich im Krankenhaus besucht und Jürgen Machmeier hat sich telefonisch bei mir gemeldet. Es kamen Freunde aus ganz Deutschland - teilweise mit dem Flugzeug angereist, um mich zu unterstützen. Die Situation war auch nicht einfach, weil meine Familie in Kassel wohnt.

HD24: Wie lange mussten Sie in Ludwigshafen bleiben?

Knipping: „Insgesamt vier Wochen und sechs Operationen. Nachdem ich entlassen worden bin, habe ich auch sofort die Reha in Kempten angefangen, weil ich schnellstmöglich wieder fit werden wollte.

HD24: Hat sich ihr Blick auf den Fußball und das Leben dadurch verändert?

Knipping: „Ich bin schon immer ein Typ gewesen, der den Job sehr zu schätzen weiß. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und habe den schönsten Job, den ich mir vorstellen kann. Aber natürlich hat die Geschichte noch einmal einen anderen Blick auf das Ganze gegeben, da man kleine Dinge mehr schätzt.

HD24: Sie sind von unseren Lesern in der vergangenen Saison zum Spieler des Jahres gewählt worden. Wie blicken Sie losgelöst von der Verletzung auf die vergangene Saison?

Knipping: „Ich habe, wie die ganze Mannschaft auch, eine ordentliche Saison gespielt. Das ging aber nur mit der Unterstützung meiner Mitspieler. Ich habe auch schon in meinem ersten Jahr einige Spiele gemacht, das hat mir dann im zweiten Jahr sehr geholfen.

HD24: Welche Rolle hat bei ihrer Entwicklung Kenan Kocak gespielt?

Knipping: „Er hat für meine Karriere eine große Rolle gespielt. Ich habe ihm viel zu verdanken. Er hat mir das Vertrauen geschenkt und ich konnte unter ihm taktisch viel lernen.“

HD24: Haben Sie sich auch schon mit dem neuen Trainer Uwe Koschinat ausgetauscht?

Knipping: „Ja, schon an seinem ersten Tag hat er mit mir ein Gespräch in seinem Büro geführt. Wir reden fast täglich miteinander und mein Eindruck ist sehr positiv. Ich habe mich direkt integriert gefühlt.

HD24: Konnten Sie etwas Positives aus dieser schwierigen Zeit mitnehmen?

Knipping: „Auf jeden Fall! Es geht immer weiter. Wahrscheinlich muss es im Leben schlechte Tage geben, um das Gute schätzen zu können. Ich habe gesehen, was für gute Freunde ich habe, und kann dankbar sein, so eine tolle Familie zu haben, die immer hinter mir steht. Auch dass der Verein mir den Rücken so gestärkt hat, ist nicht selbstverständlich.

HD24: Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Haben Sie schon Gespräche mit dem Verein geführt oder steht das aufgrund ihrer Situation erstmal im Hintergrund?

Knipping: „Ich stehe im ständigen Austausch mit dem Verein. Der SVS ist mein erster Ansprechpartner. Grundsätzlich geht es für mich jetzt aber erstmal darum, wieder fit zu werden. Ich habe jetzt noch nicht so viel über den nächsten Sommer nachgedacht. Manchmal geht es im Leben schnell, da sollte man nicht weit im Voraus planen.

HD24: Sie haben sich in der Zwischenzeit an der Eröffnung eines italienischen Restaurants beteiligt. Wie kam es dazu?

Knipping: „Ich wohne in Wiesloch und war dort ziemlich oft in einem italienischen Restaurant. Der Chefkellner ist inzwischen ein richtig guter Freund geworden und ich bin auch der Patenonkel von seinem Sohn. Jetzt haben wir gemeinsam ein Restaurant in St. Leon-Rot aufgebaut. Das hatten wir schon vor meiner Verletzung geplant.

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Transparenzhinweis: HEIDELBERG24 ist Medienpartner des SV Sandhausen 1916 e.V.

nwo

Quelle: Mannheim24

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