Ein Kommentar

Causa Waldhof: Dem DFB geht es schon lange nicht mehr um Gerechtigkeit!

+
Dem SV Waldhof Mannheim werden nach dem Urteil des Frankfurter Landgerichts keine drei Punkte abgezogen.

Die Dauer-Hängepartie im Streit zwischen DFB und SV Waldhof Mannheim hat vorerst ein Ende. Das Landgericht Frankfurt hat am Mittwoch zugunsten des SVW entschieden. Ein Kommentar:

Im Vorfeld der Urteilsverkündung hat man sich auf Seiten des Vereins optimistisch gezeigt. Das maßgebliche Argument der Kläger-Seite stützt sich auf die Tatsache, dass vor allem die Spieler die Leidtragenden eines Punktabzugs wären und nicht das für den Spielabbruch verantwortliche Übel in Form von unverbesserlichen Chaoten, die nicht zum ersten Mal negativ aufgefallen sind

Urteil am Frankfurter Landgericht: SV Waldhof bekommt die Punkte zurück

So sieht es vor dem Stichtag auch Vorsitzender Richter Richard Kästner und unterstützt inhaltlich die Argumentation der Waldhöfer, wonach bei einem Punktabzug die falschen Akteure bestraft werden. 

Die Zuversicht hat sich nun bestätigt - das Gericht entscheidet am Mittwoch (20. März) zugunsten der Kurpfälzer. Wie Waldhof-Anwalt Johannes Zindel angekündigt hat, erleidet der DFB „eine krachende Niederlage“ und der Drei-Punkte-Abzug ist nun formaljuristisch vorerst vom Tisch. 

Dem DFB gelingt es nicht, einen Präzedenzfall zu schaffen, der Fußball-Deutschland nachhaltig verändern sollte. Hätte das Gericht gegen die Klage des SVW entschieden, wären weitere Eingriffe in den Wettbewerb als Sanktion gegen Fanverhalten zu erwarten gewesen. Denn es ist nicht davon auszugehen, dass Pyrotechnik und Rauchtöpfe von heute auf morgen aus deutschen Stadien verschwinden werden.

Pyro-Irrsinn bei SVW-Aufstiegsspiel gegen Uerdingen

Aus der Argumentation des DFB – „Terror im Stadion“ – kann man die eigentliche Zielsetzung des größten Sportverbands der Welt ableiten. Im Vordergrund der Vorgehensweise steht die Absicht, ein Exempel zu statuieren. Und mit dem viertklassigen SV Waldhof samt seiner umstrittenen Ultra- und Hooliganszene ist dem Verband genau der ‚richtige‘ Verein in die Arme gefallen, um in dieser Hinsicht Nägel mit Köpfen zu machen.

DFB wollte auf Kollektivstrafen verzichten

Zum Abschluss der Saison 2016/17 veröffentlicht der DFB einen Strafenkatalog, in dem genau geregelt ist, was das Zünden von Pyrotechnik und das Hochhalten von beleidigenden Bannern zukünftig kosten soll. Von Eingriffen in den Wettbewerb durch Punktabzüge ist nicht die Rede. 

Nach dem gescheiterten Dialog zwischen Vertretern der Fanszenen und den Verbänden DFB und DFL im Sommer 2018, ändert sich auch die Strategie des Fußball-Verbands. Zuvor ist auf Seiten des DFB ein Entgegenkommen zu spüren, nachdem man sich bereit erklärt, zunächst auf Kollektivstrafen wie Geisterspiele, Zuschauerteilausschlüsse oder Blocksperren zu verzichten. 

Vor diesem Hintergrund ist der Punktabzug als Sanktionsmittel die nächste Stufe im Kampf um die Deutungshoheit darüber, welche Form des Fan-Supports in Zukunft für den deutschen Fußball steht. Man kann es nicht anders ausdrücken: Der SVW ist ein Bauernopfer eines Machtkampfes zwischen Fans und Verband

Früh lernt man in einer guten Elternstube, nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen – dennoch kommt man um einen Verweis auf vergleichbare unsägliche Ereignisse in der Vergangenheit nicht herum. Denn letztlich muss bei jeder Form der Strafe auch die Verhältnismäßigkeit berücksichtigt werden

Keine Punktabzüge bei anderen Ausschreitungen

In der Causa DFB gegen SVW ist man von dieser Verhältnismäßigkeit meilenweit entfernt. In der Vergangenheit haben sich wiederholt Vorfälle ereignet, deren Ausmaß an Gewalt vergleichbar oder gar schwerwiegender waren. Zwei Beispiele sollen an dieser Stelle genannt werden und man kann schon einmal vorwegnehmen, dass ein Punktabzug zu keinem Zeitpunkt im Raum steht:  

  • Beim Aufstiegsspiel der Regionalligisten 1. FC Magdeburg gegen Kickers Offenbach im Jahre 2015 stürmen OFC-Chaoten in der 84. Minute das Spielfeld und liefern sich Jagdszenen mit der Polizei. Zudem fliegen gezielt Feuerwerkskörper in den Gästeblock. Strafe für die Offenbacher: Für das erste Heimspiel der kommenden Saison dürfen lediglich 3.500 Heimfans in das Stadion am Bieberer Berg. 
  • Das Bundesligaspiel Borussia Dortmund gegen RB Leipzig in der Saison 2016/17 wird von gewaltsamen Übergriffen gegen Gästezuschauer aus Leipzig überschattet. Familien, Frauen und sogar kleine Kinder werden am Rande des Gastspiels attackiert. Insgesamt werden 28 Strafanzeigen wegen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz, Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Beleidigung, Widerstand sowie räuberischen Diebstahls gestellt. Strafe für den BVB: Das weltberühmte Aushängeschild des Vereins – die Südtribüne – wird für ein Bundesligaspiel gesperrt. 

SV Waldhof wartet weiter auf Öffnung der OST-Tribüne

Bei der Vermarktung der Fußball-Bundesliga sind für die DFL volle Stadien ein gewinnbringender Vorteil. Nicht zuletzt die Südtribüne als weltgrößter Stehplatzrang ist eine Institution und steht für deutsche Stadionkultur. Eine langfristige Sperrung würde das Produkt Bundesliga zwangsläufig abwerten. 

Wenn die Fans des SV Waldhof weiterhin auf die Öffnung der Otto-Siffling-Tribüne warten müssen, kann das nur eines bedeuten: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen! Obwohl die Stadt Mannheim und die Polizei das neue Sicherheitskonzept des SVW bereits abgesegnet haben, wartet der Verein weiter auf die grundsätzliche Freigabe der OST. 

DFB will in Berufung gehen

Nun hat der Sprecher des DFB, Michael Morsch, unmittelbar nach der Urteilsverkündung klargestellt, man werde aller Voraussicht nach in Berufung gehen. „Das Urteil gibt nicht unsere Rechtsauffassung wieder.“ In einem Rechtsstaat hat die unterlegene Partei die Möglichkeit ein Urteil anzufechten – und das ist auch gut so! 

Die Tatsache, dass kein juristischer Vertreter des DFB im Gericht anwesend ist und der DFB-Sprecher trotz der ausführlichen und nachvollziehbaren Urteilsbegründung prompt die Berufung ankündigt, lässt aber erahnen: In dieser Sache geht es dem DFB schon lange nicht mehr um Gerechtigkeit!

Mehr zum Thema: Punktabzug wegen Hopp-Beleidigungen? Bayern-Ultras solidarisieren sich mit BVB-Fans

esk

Quelle: Mannheim24

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare