„Born in Evin“

„Born in Evin“ im Kino: Das fehlende Bild

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Kann die Erinnerung eines anderen als Platzhalter dienen?

Maryam Zarees Essayfilm „Born in Evin“ über die tragischen Umstände ihrer Geburt in einem iranischen Foltergefängnis.

Nach einer Überlieferung im Talmud schwebt über jedem Kind, das geboren wird, eine Kerze, die das Wissen der Welt in sich trägt. Im Augenblick der Geburt aber wird sie ausgeblasen.

Die in Frankfurt aufgewachsene Schauspielerin und Autorin Maryam Zaree stellt dieses Bild an den Anfang ihres autobiografischen Regiedebüts „Born in Evin“. Das besondere Geheimnis, das über ihrem Leben stand, erfuhr sie durch die Indiskretion einer Tante: Sie wurde im berüchtigten Teheraner Foltergefängnis Evin geboren, das sie erst mit zwei Jahren zusammen mit ihrer Mutter verlassen konnte. Auch ihr leiblicher Vater überlebte, kam jedoch erst Jahre später frei. Mit dem Wissen darum wurde das Schweigen ihrer Mutter zum eigentlichen Thema. Als Zaree ihrer Mutter, der Frankfurter Psychologin und Grünen-Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg, eine erste filmische Skizze zu ihrer Spurensuche zeigt, rührt sie diese zu Tränen. Sprechen aber kann sie über das Trauma noch immer nicht. Noch oft in dem Film von Maryam Zaree findet das Unsagbare ähnlich schmerzlich Ausdruck in der Sprachlosigkeit der Überlebenden.

Filter der Kunst

Schon einmal fand die Tochter eines Folteropfers über das Schweigen der Mutter ihren Weg als Regisseurin. Das war Chantal Akerman, die 1975 „Jeanne Dielman“ drehte, einen Klassiker des modernen Films. Auch wenn Zaree einen ganz anderen Weg geht, dem Schweigen nicht mit der Metaphorik eines Spielfilms, sondern mit dokumentarischen Fragen zu Leibe rückt, zeugt er von einem ähnlichen persönlichen Aufbruch. Welche Überwindung, welcher Mut muss ihm vorausgegangen sein. Bewundernswert ist aber auch die Bereitschaft ihrer Eltern, etwas sehr Privates durch den Filter der Kunst öffentlich zu machen.

Auch von Seiten ihres Stiefvaters Kurt Grünberg ist Zaree der theoretische Kontext des Schweigens, das ihre frühe Kindheit und das Leiden ihrer Eltern umgibt, gut vertraut: Als Nachkomme von Shoah-Überlebenden forscht er über psychosoziale Spätfolgen der Judenvernichtung. Auch er kommt im Film zu Wort, doch Zaree hat keinen theoretischen Film gedreht. Auf der Suche nach weiteren Gefängniskindern und Evin-Überlebenden sammelt sie Bausteine zu einem Gebäude des Vergessens.

Sehr spannend ist auch die Kritik von "Joker": Der Film sorgt für kontroverse Diskussionen, wie kreiszeitung.de* berichtet.

Irreal-tröstliches Szenario

Auf Kongressen von Exil-Iranern kann sie wenige, blitzlichthafte Eindrücke sammeln, Folter- und Todesbilder. Dann ist da aber auch das irreal-tröstliche Szenario von 60 Frauen in einer Gefängniszelle, die das neugeborene Baby mit Liebe überschütten. Kann die Erinnerung eines anderen als Platzhalter für die unantastbare Erinnerung der Mutter dienen? Oder die unzugänglichen Sphären des frühkindlichen Gedächtnisses repräsentieren?

Einmal ist Maryam Zaree selbst einem kleinen, eigenen Erinnerungsfragment begegnet, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste. Bei einer Busfahrt in Marokko, erzählt sie in diesem Film, erlebt sie ein akustisches Déjà-vu in Gestalt eines religiösen Musikstückes. Solche Musik, erfährt sie später von ihrem Vater, sei Teil der Folter gewesen.

Es hat in den letzten Jahren eine Reihe wegweisender Dokumentarfilme über Folter und Traumata gegeben, „Das fehlende Bild“ etwa, Rithy Panhs Nachstellung seiner Haft in Kambodscha mit den Mitteln des Puppenfilms. Die Rekonstruktion fehlender Bilder mit den Mitteln der Kunst ist ein naheliegendes Mittel für Filmemacher. Zaree verzichtet dagegen weitgehend auf Illustration – und bricht gerade dadurch das gesellschaftliche Schweigen über das, worüber die Opfer nicht sprechen können.

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Einmal zeigt sie ihre eigenen Tränen, was im Dokumentarfilm selbst einen kleinen Tabubruch bedeutet. Auch das aber ist ein mitteilsames Bild. Als sie nach der Berlinale-Premiere von einer jungen Zuschauerin danach gefragt wurde, sprach sie in einer spontanen Wortschöpfung von politischen Tränen.

Zugleich aber weckt sie Respekt für das Schweigen und appelliert auch an eine gesellschaftliche Verantwortung: Wann immer über das Schicksal von Geflüchteten gesprochen wird, muss man sich in Erinnerung rufen, dass vielen Opfern dafür selbst die Stimme fehlt. Maryam Zaree, die in einer Atmosphäre größter Offenheit aufwuchs und zugleich auf ein solches Tabu stieß, zeigt Wege dazu auf. Eine große Filmemacherin kündigt sich an.

Born in Evin. Dokumentarfilm. Regie: Maryam Zaree. D 2019. 98 Min.

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