"The Invisible Woman": Viktorianisches Lotterleben

München - Ralph Fiennes drehte einen Film über Dickens und seine Geliebte: Er zeigt viktorianisches Lotterleben in Reinkultur.

Charles Dickens steht wie eine deutsche Eiche in der englischen Literaturlandschaft. Groß, wuchtig, unwiderruflich. Selbst bei uns ist seine „Weihnachtsgeschichte“ so bekannt, dass sie manche fast mit der Bibel-Variante verwechseln. Der englische Schauspieler und Regisseur Ralph Fiennes hat dem Giganten des viktorianischen Zeitalters nun einen ungewöhnlichen Film gewidmet: „The Invisible Woman“ ist keine Filmbiografie, sondern berichtet von Dickens’ zwölfjähriger Affäre mit der deutlich jüngeren Schauspielerin Nelly Ternan.

Selbstverständlich übernimmt Fiennes im Drama die Hauptrolle. Doch ist der Anblick des mit Rauschebart entstellten Schauspielers mindestens so gewöhnungsbedürftig wie dessen Auftritt als gesichtsloser Lord Voldemort in den Harry-Potter-Filmen. Hinreißend verstört dagegen wirkt Felicity Jones als feinsinniges Mädchen, das dem Schriftsteller ebenso verfallen ist wie er ihr. In den edel gewählten, teils raffiniert arrangierten Bildern glaubt man die Patina des historischen Stoffs zu sehen – der kommt durch und durch britisch daher, doch weniger wie eine Dickens-, als vielmehr wie eine ins Schwarze gekehrte Jane-Austen-Verfilmung: ein literarischer Grande, der zehn Kinder in die Welt setzt, seiner Frau jedoch keine sexuelle Attraktion abringen kann und sich stattdessen anderweitig amüsiert, während die Frau diese Möglichkeit freilich nicht hat.

Ganz so altbacken aber ist dieser Stoff nicht, denn den Typus narzisstischer Künstler gibt es heute genauso wie damals. Das gleiche gilt für dessen Gegenteil: Dies begegnet uns im Drama kurz in der Figur des freigeistigen, liebenswert verrückten Wilkie Collins (Tom Hollander). Dessen wunderbare Romane sind in den vergangenen 100 Jahren leider fast in Vergessenheit geraten. Vermutlich weil er nicht die ganze Zeit den großen Macker markiert hat. (In München: Mathäser, Abc, Cinema OV.)

Katrin Hildebrand

Rubriklistenbild: © Sony Pictures

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