TV-Kritik

Maybrit Illner: Noch so ein Lügner - das Prinzip Trump gilt auch für Putin

Maybrit Illner und ihre Gäste sprechen über das Thema: „Geliebter Feind – braucht Europa Putin?“
+
Maybrit Illner und ihre Gäste sprechen über das Thema: „Geliebter Feind – braucht Europa Putin?“

Maybrit Illner ließ angesichts der jüngsten diplomatischen Verwicklungen über das Verhältnis zu Putin diskutieren.

Er ist ehemaliger Geheimdienstchef, und er ist seinem Metier treu geblieben. Er schickt seine Leute quer durch Europa – und lässt morden. Vom Abschuss eines Passagierflugzeugs über der Ost-Ukraine bis hin zu Mordanschlägen in Moskau, in England und kürzlich in Berlin zieht sich eine blutige Spur. Und obwohl die Täterschaft in vielen Fällen recht eindeutig ist: Er ist es nie gewesen. Im Gegenteil. Als der Mord an einem Georgier vor Monaten in Berlin jetzt beim Zusammentreffen mit Angela Merkel zur Sprache kam, behauptete Wladimir Putin dreist, das Opfer sei ein Mörder und Verbrecher gewesen, und es sei nur bedauerlich, dass die Bundesregierung diesen Mann nicht ausgeliefert habe.

Einen entsprechenden Antrag Russlands aber gab es nicht, versicherte jetzt Außenminister Heiko Maas bei Maybrit Illner. Was Wladislaw Below, Direktor des Zentrums für Deutschlandforschung in Moskau, nicht daran hinderte, Putins Märchen erneut zu erzählen. Laut Below könnte der Mann noch leben, wenn Deutschland ihn vor ein Gericht gestellt hätte. Mord sei kein Mittel der russischen Politik. Glatt gelogen. Aber warum macht die Bundesregierung mit solch einem Gangster weiterhin Geschäfte? Diese Frage stellte Maybrit Illner anders (und arg boulevardesk) formuliert: „Geliebter Feind – braucht Europa Putin?“

Stoiber malt bei Maybritt Illner ein Schreckensbild: „Wollen wir Russland in die chinesische Partnerschaft treiben?“  

Nun „liebt“ gewiss nicht einmal die Linke in Deutschland oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron trotz seiner Avancen den Zaren im Kreml. Und Wladislaw Below hatte sicherlich recht mit seinem Hinweis, dass Europa größer sei als die EU und bis hinter den Ural reiche. Aber wie soll man mit einem Lügner umgehen, fragte Illner. Was Chefdiplomat Maas mit dem Hinweis beantwortete, dass auch andere lügen und er wenig zu tun hätte, wäre die Lüge ein Ausschlusskriterium für Verhandlungen. Um Frieden zu erreichen, sei es „wichtiger, dahin zu gehen, wo es schwierig ist“. 

Wenig überraschend also, dass es als unausweichlich gilt, sich um den Friedens willen an einen Tisch zu setzen, wie etwa mit den Krieg führenden Parteien im Dombass, bestätigte Annalena Baerbock, die Parteichefin der Grünen. Und Edmund Stoiber, der Ehrenvorsitzende der CSU, malte die Alternative als Schreckensbild: „Wollen wir Russland in die chinesische Partnerschaft treiben?“ 

Maybrit Illner: Stoiber lobt Macron

Stoiber erinnerte nicht nur an ermordete Putin-Kritiker wie Anna Politkowskaja und Boris Nemzow, sondern schlug verständnisheischend auch einen größeren historischen Bogen: Russland habe im Zweiten Weltkrieg die größten Opfer gebracht und sei letztlich Verlierer des Kalten Krieges, zudem habe Obama einen Fehler gemacht, als er das Land als „regionale Macht“ abqualifizierte. 

Da war sich der CSU-Altvordere mit dem französischen Regierungschef einig, wie Claire Demesmay, erklärte, die Leiterin des Frankreich-Programms der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Denn Macron habe die Nato-Osterweiterung als Fehler gesehen. Der Franzose, so lobte Stoiber, bringe neuen Schwung in die Debatte mit seinem Versuch der Annäherung an Russland. Es komme nun darauf an, dass Europa eine geschlossene Haltung entwickle – nicht gerade ein leichtes Unterfangen, bedenkt man die Furcht der baltischen Staaten vor dem mächtigen Nachbarn. 

Maybrit Illner: Macron ist nicht auf Kuschelkurs

Maybrit Illner, ZDF, von Donnerstag, 12. Dezember, 22.15 Uhr. Mediathek

Claire Demesmay wies darauf hin, dass französische Soldaten trotz Macrons Bemühen um ein besseres Verhältnis zu Putin (und seinem Diktum, dass die Nato „hirntot“ sei) in eben jenem Baltikum an Nato-Manövern teilnähmen. Macron sei nicht auf „Kuschelkurs“, sein Ziel sei eine selbständige EU in Abgrenzung zu den USA und China. Auch Annalena Baerbock wies auf die Bedeutung des ja als „transatlantisch“ definierten Militärbündnisses hin, wenngleich dessen Zustand „katastrophal“ sei. Und Edmund Stoiber hatte gar die Vision einer europäischen Armee, denn wenn Europa nicht stark sei, werde es verschwinden. Maas hingegen wollte Europas Sicherheit nicht von der Nato entkoppeln. 

Und unabhängig von militärisch definierten Sicherheitsaspekten gibt es in Deutschland, zumal im Osten Stimmen, die grundsätzlich ein besseres Verhältnis zu Russland anstreben und sich gegen die bestehenden (und von Maas befürworteten) Sanktionen aussprechen, wie etwa die Länderchefs von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Maas wies auf diverse Kanäle hin, über die man mit Russland in Gesprächen* sei, was Below bestätigte, der „Vertrauen“ wichtig fand. 

Annalena Baerbock bei Illner: „Politik wird ersetzt durch Erpressung“

Das scheint zumindest wirtschaftlich nicht problematisch zu sein, betrachtet man das Geschäft mit der Gas-Pipeline „Nordstream 2“. Maas nannte es „nicht akzeptabel“, dass die USA das Geschäft und den Bau jetzt noch zu behindern suchten, indem sie die ausführenden Firmen mit Sanktionen bedrohten. Stoiber wies zu Recht darauf hin, dass die Amerikaner ihr durch umweltschädliches Fracking gewonnenes Gas verkaufen wollten – während in deutschen Medien (wie dem Sender hr info) zuerst berichtet wurde, dass die USA deutsche Abhängigkeit von Russland befürchteten. Annalena Baerbock konstatierte: „Politik wird ersetzt durch Erpressung“. Eben das Prinzip Donald Trump, noch so ein Lügner, mit dem sich die bundesdeutsche Politik auseinandersetzen muss ...

Von Daland Segler

Maybrit Illner ließ am 16.1.2020 noch einmal über die Iran-Krise diskutieren: „Iran und die Bombe – war Europa zu naiv?“

Maybrit Illners Talkshow „Grüne Wirtschaft, rote Zahlen – Klima gerettet, Jobs weg?“ macht deutlich: Die Politik ist zu zögerlich und hilflos einer Jugend gegenüber, die rhetorisch und fachlich auf der Höhe ist.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare