TV-Kritik

Tatort führt in die Tiefen der DDR-Justiz und hinauf in die Berliner Mietshochhauswelten

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Achten Sie auf Details! Zartes, auch kriminalistisch wichtiges Bild mit Rubin und Karow im Berliner Tatort.

Blick zurück im Trübsinn: „Das Leben nach dem Tod“ ist ein facettenreicher Berlin-Tatort zum Mauerfallwochenende, aber auch zum Leben in der Stadt heute. 

Zum Wochenende des Mauerfalljubiläums trägt der rbb nun eine finstere, aber irgendwo auch muntere Tatort-Folge bei. Hinab geht es in die Tiefe der DDR-Justiz und der 1987 abgeschafften Todesstrafe. Nur scheinbar hinauf geht es in Berliner Mietshochhauswelten, bei denen es sich in Wirklichkeit offenbar um unbehagliche Höhlen handelt.

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Nicht nur die Wohnung von Kommissar Karow, Mark Waschke, erstaunt noch dazu durch ausgesucht düstere Tapeten. In der nicht minder unbehaglichen Nachbarwohnung lag offenbar so lange eine Leiche, dass man gar nicht mehr weiß, wo man hingucken soll vor lauter Insekten. Damit es noch schauriger wird, muss sich einer übergeben, verständlich. Die beinharte Vermieterin, Karin Neuhäuser, hingegen will bloß rasch saubermachen und renovieren lassen. Das Berliner Mietwohnungsdrama läuft auf diese Weise elegant mit (auch eine neue Staatsanwältin ist noch auf der Suche).

Tatort aus Berlin: Blutige Alpträume, Bilder aus der Vergangenheit

Der krabbelnde Graus ist aber nicht die größte Gemeinheit, die sich die Autorin Sarah Schnier und der Regisseur Florian Baxmeyer vorgenommen haben. Die größte Gemeinheit ist ein alter Trick, der aber sogleich wieder funktioniert und darauf beruht, dass eine der Grundannahmen, auf denen das Publikum das Verständnis für die Geschichte aufbauen wird, sich beiläufig als falsch erweist. Frechheit.

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Das fällt umso mehr auf, als hier durchaus nach Effekten gehascht wird. Blutige Alpträume, die sich vom Leben nicht mehr unterscheiden, dazu Bilder aus der Vergangenheit, in der alles noch anders aussah (wie bei uns früher, es ist echt lange her) und eine schicksalhafte Verwicklung. Nicht nur der Titel von „Das Leben nach dem Tod“ verweist in die schwiemelige Atmosphäre englischer Krimis, in denen die Auflösung auch selten mithalten kann mit der vorher dargelegten aufwendigen Verstrickung.

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Die Handlung des Berlin-Tatort überzeugt nicht so ganz

Als zentrale leidtragende Figur wird Christian Kuchenbuch vorgestellt, stumm und stumpf vor Unglück, und wir sollen lange nicht wissen, weshalb. Eine Art Gegenentwurf ist Otto Mellies als vorerst noch rätselhaftere Figur, die ebenfalls stumm und stumpf ist, aber vor Selbstgerechtigkeit. Mellies beim Einkaufen und beim Gang durch eine bescheidene Berliner Gegend zu beobachten, kann einen in Depressionen stürzen, und das nicht erst, als auch noch etwas richtig Übles passiert.

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Man muss von der kriminalistischen Handlung am Ende nicht ganz überzeugt sein, um „Das Leben nach dem Tod“ mit einiger Anspannung zu verfolgen (dazu das ständige Wegducken wegen der Insekten). Klar ist auf jeden Fall, dass die Geschichte einige Wucht mitbringt, historische Wucht, dazu die Wucht des Verlustes im Großen und des Verlierens im Detail, die Wucht der Schuld, bei der es um Schuld auf Leben und Tod geht.

„Tatort: Das Leben nach dem Tod“ - Nicht restlos überzeugend

Dass damit einigermaßen zurechtzukommen ist, liegt vor allem an der Nüchternheit, mit der Karow und Rubin, Meret Becker, ihre Arbeit machen. Es erscheint relativ ungewöhnlich, dass Autorin Schnier auf das ständige Reinkommentieren verzichtet. Die Polizei ist tatsächlich in erster Linie damit beschäftigt, den Mord an Karows Nachbarn aufzuklären.

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In zweiter Linie ist sie mit sich selbst beschäftigt. Das kann einen langweilen, ist diesmal aber voller Reize. Rubin will die Stelle wechseln, aber – auch das ein vielfach gespiegeltes Thema – ein Hinderungsgrund ist das permanente Festgelegtwerden von außen. Nicht restlos überzeugend übrigens, wie wichtig ihr Jüdischsein dabei zu sein scheint (da Rubin doch Konvertitin ist, plötzlich aber eine längere jüdische Vergangenheit zu haben scheint, oder?). Karow, gegen seine Gewohnheit verunsichert durch die Leiche nebenan, erweist sich unterdessen als bibelfest und empfindsam bis ins Verletzliche. Vielleicht ist es die Einsamkeit, die aus dem Film heraus zu uns ins Leben springt und uns – wie Karow – beunruhigt zurücklässt.

„Tatort: Das Leben nach dem Tod“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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