TV-Kritik

Hass - menschliches Gefühl oder Entmenschlichung?

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Liebe und Hass - wir Menschen sind zu beidem fähig. Doch wann gewinnt das zerstörerische Gefühl die Oberhand?

Das ZDF zeigt eine Dokumentation rund um die Frage, warum wir hassen.

Ja klar: schwere Kindheit, Außenseiter und Opfer gewesen und dann irgendwie irgendwo dazugehören wollen. So beginnen Biografien von Extremisten, und manchmal ist die Fortsetzung schrecklich. Die Dokumentation „Warum wir hassen“ erzählt eigentlich wohlbekannte Geschichten, diesmal aus den Vereinigten Staaten. 

Auch bei Maybrit Illner wird über die Meinungsfreiheit diskutiert und wie die Rechte die Debatte darüber für sich nutzt.

Da ist einmal Frank Meeing, aufgewachsen in einem sozialen Brennpunkt in Philadelphia, der zum Neonazi wird und irgendwann aussteigt und einsichtig wird und nun anrührend von seiner langen Reise weg vom Hass erzählt. Und Jesse Morton, der nach einer schwierigen Kindheit zum Islam konvertiert, Al-Kaida-Propagandist wird und irgendwann auch die Kurve kriegt.

Aber die große Frage, warum wir hassen und ob Hass ein legitimes menschliches Gefühl oder vielleicht doch eher auf Entmenschlichung aus ist, wird nicht wirklich beantwortet, sondern nur so nebenher mitgeschleift.

„Warum wir hassen“: Der Film handelt sich durch abgehangene Weisheiten

Immerhin hat der Film eine erzählerische Qualität, auch wenn er sich durch abgehangene Weisheiten hangelt. Das gute alte Stanford Prison Experiment aus den 1970er Jahren wird ausgiebige nacherzählt, ohne allerdings dessen intellektuellen Ertrag wirklich zu würdigen. Dass Reden für die Verständigung besser ist als sich mit Flaschen zu bewerfen und mit Schlagstöcken zu traktieren, ist auch so neu nicht. Dass Autoritäts- und Wahrheitssuche einen engen Zusammenhang bilden können, erscheint immerhin als mögliche Aussage am Rande des Blickfeldes, das dieser Film ins Auge fasst.

Die, sagen wir: Friedens- und Konfliktforscherin Sasha Havicek berichtet Interessantes von ihrer Motivation, die mit der plötzlichen Verwandlung einer friedlichen osteuropäischen Region in eine Bürgerkriegslandschaft zusammenhängt.

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Präsidentschaft von Donald Trump verschafft Rassisten und Rechtsextremisten starken Auftrieb

Eine bedenkenswerte zeitgeschichtliche Aussage immerhin trifft der Film: Es war in den USA die Präsidentschaft Barack Obamas, die Rassisten und Rechtsextremisten dazu brachte, sich in einer ohnmächtigen Situation zu wähnen und sich zu organisieren; und es war die Präsidentschaft Donald Trumps, die ihnen starken Auftrieb verschafft hat, denn jetzt war ja einer von ihnen der Inhaber des mächtigsten Amtes im Staate. Was in Charlottsville geschah und wie Trump das kommentierte und befeuerte, gehört zu den dramaturgischen Höhepunkten des Films, aber es gibt noch einen versöhnlichen Nachspann, der zeigt: Auch Rechte sind Menschen. Man kann mit ihnen reden.

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Beim nächsten Film aber bitte auch Fragen berücksichtigen wie: Woher kommt die naturwissenschaftlich völlig indiskutable Idee, dass homo sapiens verschiedene Rassen ausgebildet habe, die anhand ihrer Hautfarbe unterscheidbar sind? Und: Findet sich rassistisch fundiertes Überlegenheitsgefühl auch bei Menschen anderer als weißer Hautfarben?

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Von Hans-Jürgen Linke

„Warum wir hassen“ ZDF: Zur Sendung

„Warum wir hassen.“ ZDF, 12. November. Die Dokumentation ist Teil einer sechsteiligen Doku-Reihe, die in ZDF info zu sehen ist. Sendetermine: 10. November, 20.15 Uhr Teil 1 „Ursprung“, 21.00 Uhr Teil 2, „Fremde“. 11. November, 20.15 Uhr, Teil 3, „Propaganda“. 12. November, 22.30 Uhr Teil 4 „Extremismus“. 13. November, 20.15 Uhr, Teil 5 „Völkermord“ (Videos verfügbar bis 19.12.2019), 18. November, 20.15 Uhr, Teil 6: „Hoffnung“ (Video verfügbar ab 18.11.2019, 10.00 Uhr).

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