TV-Kritik 

„Menschen 2019“ mit Markus Lanz –  Menschen, Tiere, Frustrationen

ZDF-Aufzeichnung Jahresrückblick "Menschen 2019"
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Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und der CDU-Politiker Philipp Amthor (r) werden bei der ZDF-Aufzeichnung des großen Jahresrückblicks "Menschen 2019" auf der Bühne von Moderator Markus Lanz interviewt.

Es ist wieder soweit: Markus Lanz bügelt wieder ein ganzes Jahr mit deutschen Boulevardmeldungen flach.

  • Markus Lanz moderiert die zähe ZDF-Sendung „Menschen 2019“ 
  • Zu Gast sind auch Philipp Amthor und Luisa Neubauer 
  • Plumpe Mischung aus Boulevard, Schmuddel und Politik

Menschen 2019. 135 endlose Minuten zieht sich dieses Jahr der zähe Quark mit Markus Lanz hin, dem Schwiegersohn der Nation. Inzwischen ist es schon nicht mal mehr ironisch unterhaltsam. Ja, man könnte jetzt große Theorien anheben. Man könnte konstatieren, dass die schamlose Vermengung aus den (wenigen) politischen Themen und dem Amatuervideo-Boulevard beide Teile ad absurdum führt. Dass man den antisemitischen Anschlag in Halle nicht einfach so einpacken darf zwischen einen müden Comeback-Auftritt der Toten Hosen und der Geschichte eines Alpendorfs, das aus Versehen für 70.000 Euro Klopapier bestellt hat. Dass man nach einem drolligen Einspieler über den schockierenden Hitzerekordsommer, der Hunderte Todesfälle verursacht, Millionen an Ernteverlusten und unabsehbaren Schaden in allen möglichen strukturellen Bereichen verursacht hat, nicht direkt weitermachen kann mit dem „Aufreger des Jahres“: dem Aufkommen der E-Scooter in den Innenstädten.

Markus Lanz bügelt deutsche Boulevardmeldungen flach 

Stattdessen sucht der gelangweilte Mediatheken-Schauer lieber parallel anderswo im Internet nach interessanteren Jahresrückblicken. Hier zum Beispiel ist eine tolle Meldung: Die weltgrößte Porno-Plattform „PornHub“ hat ihren Jahresbericht herausgegeben. Darin steht, dass in Südamerika viel mehr Frauen Pornos gucken als anderswo, dass man in der Ukraine „Hentai“ mag und dass eines der drei meistgesuchten Stichwörter weltweit „Aliens“ ist. Der Trend geht zum Außerirdischen-Porno? Das wäre doch was für Markus Lanz. Aber der ignoriert das leider und redet stattdessen von Panda-Babys, von einer 100-jährigen Lokalpolitikerin und von einem Amerikaner, der sein Kleinflugzeug auf dem Highway notgelandet hat. Wow, wer noch nie die hinteren Seiten einer „Bild“-Zeitung oder die Trend-Empfehlungen bei YouTube gesehen hat, dem wird das alles total neu und originell vorkommen.

„Menschen 2019“ mit Markus Lanz: die Leiden des jungen Amthor 

Zwischendrin darf Philipp Amthor sich zum gefühlt zwölften Mal für den amateurhaften Umgang seiner Partei mit dem Rezo-Video entschuldigen und sich zum gefühlt dreizehnten Mal in einer deutschen Talkshow als mentalen Greis in einem Knabenkörper beschimpfen lassen („Sie reden, als säßen Sie seit 60 Jahren im Parlament“). Zu anderen Kindern ist Lanz freundlicher: Ein Zehnjähriger, der seine kleine Schwester aus einem brennenden Auto gerettet hat, kriegt die Schulter geklopft und ein 14-jähriger Stand-Up-Komiker im Rollstuhl kriegt Respekt ausgedrückt.

Zwischendurch treten bei Markus Lanz dann musikalische Gäste auf, die eher vor 20 oder 30 Jahren aktuell waren: Sarah Connor und die Toten Hosen feiern offenbar ihr drittes oder fünftes Comeback, am Schluss darf sogar die Kelly-Family nochmal aus ihrer Jute-Gruft, um die Verwirrung endgültig perfekt zu machen, ob dies nicht vielleicht eine vertauschte Sendung aus den 90ern war. PornHub schlüsselt inzwischen auf, dass Nutzer in Asien viel häufiger ihr Handy für schmutzige Filmchen benutzen und dass nur die Deutschen standhaft an ihren Desktops festhalten. Ist vielleicht der schleppende Mobilnetzausbau hierzulande schuld?

Markus Lanz bei „Menschen 2019“: Menschen, Tiere, Frustrationen

Zwischendrin zeigt Lanz Menschen, denen etwas passiert ist und fragt: Wie hat sich das angefühlt? „Schlimm“, sagen die Rentner, die eine Busunfall überlebt haben. „Toll“, sagen die Goldmedaillengewinner der Leichtatlethik-WM. „Dunkel“, sagt der Taucher, der fast von einem Wal verschluckt wurde. „Toll“, sagen die Goldmedaillengewinner des Iron Man-Wettbe... Moment, hatten wir die nicht schon? Ach so, das waren andere. Okay.

Dann nimmt sich das ZDF einfach so mal schnell zehn Minuten für eine aufwendig produzierte Programmvorschau, um die neue „Traumschiff“-Staffel anzukündigen. Anscheinend ist die Rekrutierung Florian Silbereisens als neuer Kapitän einer Jahresmeldung. Ein Schwiegersohn interviewt den anderen. Das ist aber überraschenderweise gar nicht das „Entsetzen des Jahres“, diese Ehre fällt dem Notre-Dame-Brand zu. Nicht zu verwechseln mit dem „Schockmoment des Jahres“: Das ist ein Nashorn in einem Naturpark, das ein Auto herumschiebt. „Ja, sie klatschen zurecht“, nickt Lanz zufrieden.

Der durchschnittliche Zuschauer blieb im Jahr 2019 nur zweieinhalb Minuten am Stück auf PornHub. „Unsere User verlieren keine Zeit“, vermeldet der Dienst verschmitzt. Der durchschnittliche Jahresrückblick mit Markus Lanz dauert stattdessen zweieinhalb Stunden, hat keinerlei Aliens und ist generell wesentlich weniger befriedigend. Die Entscheidung, was man im nächsten Jahr lieber schaut, ist einfach.

In der TV-Talkshow von Markus Lanz (ZDF) war der umstrittene ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen zu Gast. 

Und der benahm sich, wie von ihm erwartet.

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