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Medikamenten-Engpass auch in BW: Apotheker spricht von „prekärer Lage“

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Von: Jason Blaschke

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Apotheken in Baden-Württemberg kämpfen mit Lieferengpässen. Zwar können Präparate wie Fiebersäfte für Kinder selbst produziert werden, doch das kostet.

Die Folgen der Coronavirus-Pandemie, aber auch der Krieg in der Ukraine sind entscheidende Faktoren, die sich weiter massiv auf alle Verbraucher in Deutschland auswirken. Zum einen werden viele Alltags-Lebensmittel immer teurer. Und manchmal sind Produkte auch gar nicht mehr verfügbar. Vor ein paar Wochen etwa wurde bekannt, dass Fiebersäfte für Kinder in Apotheken knapp wurden, Berichten von Merkur.de zufolge muss es in einigen Region extrem gewesen sein.

In BW kämpfen Apotheken mit Engpässen – über 200 Medikamente betroffen

Auch in Baden-Württemberg ist der Medikamenten-Mangel ein großes Thema. Derzeit gebe es bei etwa 250 Präparaten ernsthafte Lieferprobleme, meldet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Mehr noch – wichtige Medikamente wie Ibuprofen- und Paracetamol-Säfte für Kinder sind in einigen Fällen sogar gar nicht mehr lieferbar, heißt es in einem Bericht, den der Mannheimer Morgen kürzlich veröffentlicht hatte – ebenfalls betroffen sind:

„Wir bekommen keine Ibuprofen- und Paracetamol-Säfte für Kinder mehr. Die Alternative, Zäpfchen mit 75 und 125 Milligramm der Wirkstoffe, sind aktuell auch nicht mehr lieferbar“, sagte Ralf Busch, Inhaber der Mannheimer Collini-Apotheke. Die derzeitige Lage beschreibt er als „sehr prekär“. Probleme, die auch Mianusch Nercissian von der Apotheke am Kaulbachplatz in Nürnberg bloß allzu gut kennt. Ihr fehle derzeit jedes vierte Arzneimittel, sagte sie zu BR24.

Arzneimittel-Engpässe reduzieren: Experte fordert Produktion in Europa

In Nercissians Apotheke wird deshalb schon überlegt, Medikamente wie Schmerzmittel oder Antibiotika für die kommende Winter-Saison vorzubestellen, weil sich die Lage wohl nicht verbessern werde. Dass es im Moment überhaupt solche Lieferengpässen gibt, ist aus Sicht von Thomas Metz vom bayerischen Apothekerverband in München nicht ungewöhnlich. Probleme mit Medikamenten-Engpässen gebe es schon seit zehn bis zwölf Jahren.

Ein Hauptproblem sei, dass die meisten Medikamente außerhalb Europas produziert werden, zum Beispiel in Indien oder China, und man deshalb keine direkte Kontrolle mehr bei der Herstellung habe, erklärte Metz gegenüber BR24. Seine Empfehlung deshalb: Die Produktion wieder verstärkt nach Deutschland und Europa zu verlegen, um weniger von anderen Ländern abhängig zu sein. Das sei eine Kostenfrage, über die man aber sprechen müsse.

Apotheken in BW produzieren Arzneimittel selbst – doch das hat seinen Preis

Genauso sieht es auch Apotheker Ralf Busch. „Ich würde mir wünschen, dass die Produktion nach Europa zurückkommt“, sagte er im Mannheimer Morgen. Ein Grundproblem seien in Deutschland die Rabattverträge mit den Krankenassen, eine Sparpolitik, die sich in der aktuellen Situation rächt. Denn das Drücken der Arzneimittelpreise hat erst dazu geführt, dass Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagert hätten, berichtet der Mannheimer Apotheker.

Glücklicherweise können die meisten Apotheken Medikamente wie Fiebersäfte auch selbst produzieren, was in der aktuellen Not-Situation auch viele machen. Der Haken an der Sache ist, dass die Produktion vor Ort deutlich teurer ist, als die Bestellung über den Großhandel. Auch Apotheker Busch in Mannheim hat die Möglichkeit, Fiebersäfte und Zäpfchen selbst herzustellen. Statt zwei Euro würde die Eigenkreation aber rund 20 Euro kosten.

Krankenkassen bezahlen unter bestimmten Voraussetzungen teurere Fiebersäfte

In einer Pressemitteilung vom BfArM heißt es, dass die Krankenkassen die Kosten für die selbst produzierten Fiebersäfte in einigen Fällen übernehmen, etwa, wenn der Kinderarzt das Medikament verordnet. Voraussetzung ist zudem, dass kein Fertigarzneimittel verfügbar ist und ein akuter Krankheitszustand besteht. Im Ernstfall müssen sich Eltern also keine Sorgen machen. Komplizierter ist es, wenn es um spezielle Medikamente geht.

Denn Arzneien wie Asthmasprays oder Blutdrucksenker, die derzeit ebenfalls Mangelware sind, lassen sich nicht ganz so einfach in jeder Apotheke herstellen. Hier ist es wie mit dem knappen und teuren Speiseöl zu Beginn der Ukraine-Kämpfe – man ist auf solche ausländischen Importe angewiesen und kann nur hoffen, dass sich die Situation möglichst bald bessert. Zumindest mit Blick auf die Fiebersäfte zeichnet sich allmählich eine Entspannung ab.

Gute Nachrichten vom BfArM: Lieferengpässe bei Fiebersäften wohl bald vorbei

Der SWR berichtete, dass das BfArM mit den Lieferanten für Paracetamol-Fiebersäfte im Gespräch ist. Es sei absehbar, dass diese in den kommenden Wochen und Monaten die Lieferungen so weit steigern könnten, dass sie bis zum Herbst den Ausfall eines ersten ausgestiegenen Produzenten kompensieren können. Aus Kostengründen hatte dieser die Produktion eingestellt. Ab Herbst soll die Marktlücke dann aber geschlossen sein. (jsn)

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