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Corona in BW: Dritte Impfung gestartet ‒ Das muss man wissen

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Von: Florian Römer

Baden-Württemberg - Die Pandemie nimmt auch im Ländle wieder Fahrt auf. Ältere und Risikogruppen können jetzt die dritte Impfung bekommen. Was man zum „Booster-Shot“ wissen muss:

Wegen der hochansteckenden Delta-Variante steigen die Corona-Infektionszahlen seit einigen Wochen wieder drastisch. In Baden-Württemberg* macht die zuerst in Indien festgestellte Virus-Mutation mittlerweile 99 Prozent aller gensequenzierten positiven PCR-Tests aus. Auch gegen die Delta-Variante bieten die zugelassen Impfstoffe einen hohen Schutz. Jüngste Zahlen des Landesgesundheitsamts zeigen, dass die Inzidenz unter Ungeimpften im Südwesten fast zwölf Mal höher ist als unter Geimpften*, berichtet HEIDELBERG24*.

Mit der Zeit nimmt der Impfschutz allerdings ab. Vor Kurzem kam eine Studie der Charité zum Schluss, dass der Immunschutz gerade bei Älteren nach einem halben Jahr deutlich nachlässt: 40 Prozent der älteren Studienteilnehmer (Durchschnittsalter: 82 Jahre) hatten demnach keine Antikörper gegen die Delta-Variante mehr. Bei den jüngeren Studienteilnehmern (Durchschnittsalter: 35 Jahre) hatten noch 97 Prozent neutralisierende Antikörper. Beide Gruppen waren zur gleichen Zeit mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft worden. Zwar ist ein Großteil der geimpften Bevölkerung gegen Tod oder schwere Erkrankung durch Covid-19 geschützt, für Risikogruppen wie Ältere, Pflegebedürftige, Menschen mit Behinderung oder Immungeschwächte gilt das aber nur bedingt.

Corona in BW: Start der dritten Impfung

Bereits im Juli startete Israel mit Auffrischungsimpfungen. Grund ist, dass die Infektionszahlen im Land seit Juni wieder drastisch steigen. Jetzt hat das israelische Gesundheitsministerium neue Zahlen vorgelegt. Der Immunschutz bei Über-60-Jährigen sei nach der dritten Impfung vier Mal so hoch wie nach der zweiten, heißt es. Vor Hospitalisierungen oder schweren Verläufen sei die Altersgruppe nach der „Booster-Impfung“ sogar fünf- bis sechsmal besser geschützt.

In Deutschland beschlossen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern Anfang August, dass sich besonders gefährdete Gruppen ab September ein dritte Impfung geben lassen können. Seit Mittwoch (1. September) sind auch in Baden-Württemberg Auffrischungsimpfungen für hochbetagte Menschen oder andere Risikogruppen möglich. Die Zahl der Betroffenen ist groß und gleichzeitig will das Land Ende September einen Großteil seiner Impfzentren schließen. Wird sich der Aufwand alleine durch mobile Impfteams und Hausärzte decken lassen? Ein Überblick.

BundeslandBaden-Württemberg
Einwohnerzahl11,07 Millionen (2019, Eurostat)
Fläche35.751 km²
LandeshauptstadtStuttgart
MinisterpräsidentWinfried Kretschmann (Grüne)

Was sind eigentlich Auffrischungsimpfungen?

Bei einer Auffrischung erhalten Patienten eine weitere Dosis eines zugelassenen Impfstoffs. Diese dritte Spritze soll die Antwort sein auf einen nachlassenden Immunschutz vor allem bei sogenannten vulnerablen Gruppen. Denn Studien haben laut Gesundheitsministerium gezeigt, dass sich durch einen solchen Booster deutlich mehr Antikörper bilden können. Für Auffrischungsimpfungen hatte sich Anfang August die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) ausgesprochen.

Wer kommt in Baden-Württemberg für eine Auffrischungsimpfung in Frage?

Gedacht sind sie für Menschen, die bei der Erst- und Zweitimpfung zur ersten Prioritätengruppe gehört haben und bei denen die vollständige Impfung mindestens sechs Monate zurückliegt. Für alle anderen vollgeimpften Personen reicht der Schutz nach Ansicht der Wissenschaft noch einige Zeit aus. Maßgeblich ist das Datum der jüngsten Corona-Impfung.

Die Auffrischungen werden vor allem für sogenannte vulnerable Gruppen empfohlen. Hier liegt der Fokus auf Menschen mit Immunschwäche, auf Pflegebedürftigen und über 80-Jährigen. Neben 18 mobilen Impf-Teams dürfen auch niedergelassene Ärzte die Booster-Spritzen setzen. Menschen, die nicht in einem Heim betreut werden, können zum Hausarzt gehen.

Wie viele Menschen in Baden-Württemberg könnten die dritte Impfung bekommen?

Nach groben Schätzungen des Landes kommen Auffrischungsimpfungen in den kommenden sechs Monaten für bis zu 1,7 Millionen Menschen in Baden-Württemberg in Frage. Allerdings gibt es etliche Überlappungen. Bei den besonders vulnerablen Gruppen geht das Ministerium von 150.000 Menschen in Einrichtungen aus. Im kommenden Monat könnten knapp 90.000 Menschen eine dritte Spritze erhalten ‒ das sind jene Geimpften, die in der Zeit zwischen Januar und März von mobilen Impfteams gespritzt wurden. Von Oktober bis Dezember kommen pro Monat weitere 20.000 hinzu.

Ein Senior wird von einer medizinischen Fachkraft mit dem Pfizer-BioNTech-COVID-19-Impfstoff geimpft. Am Mittag hatte das Kreisimpfzentrum in der Messe Friedrichshafen aufgemacht. | Aktuell
Ein Senior bekommt eine Corona-Impfung gesetzt. © Felix Kästle/picture alliance/dpa - Bildfunk

Zudem leiden rund 425.000 Menschen unter einer Immunschwäche. Laut Pflegestatistik werden außerdem 375.000 Pflegebedürftige zuhause betreut, rund 750.000 Menschen sind älter als 80 Jahre. Unklar ist aber, wie viele davon geimpft sind und wie viele auch in die anderen Kategorien fallen.

Die Impfzentren schließen Ende September, es gibt nur 18 mobile Impfteams. Wie soll das funktionieren?

Das Land ist überzeugt, dass das Angebot ausreicht. Pflegeheime und anderen Einrichtungen würden durch die Heim- und Hausärzte versorgt. „Damit werden schon viele der Einrichtungen abgedeckt“, so ein Sprecher. Neben den festen mobilen Impfteams könnten alle Impfzentren weitere Gruppen aus den eigenen Kapazitäten besetzen. „Die Zahl 18 ist daher nicht in Stein gemeißelt“, heißt es. „Insgesamt gehen wir davon aus derzeit, dass ausreichend mobile Impfteams zur Verfügung
stehen.

Uwe Lahl, Amtschef im Gesundheitsministerium, betont: „Wir machen es, weil es sinnvoll ist und weil wir die Möglichkeiten haben.“ Auch die Ärzte sind vorbereitet: „Die Hausärzte in Kombination mit Betriebsärzten und mobilen Impfteams werden das schaffen“, erklärt Manfred King vom Hausärzteverband Baden-Württemberg.

Gibt es denn Zweifel daran?

Natürlich. SPD-Fraktionschef Andreas Stoch ist zum Beispiel weniger überzeugt. „Es ist illusorisch, diese Aufgabe allein den
Hausarztpraxen zu überlassen“, sagt er und fordert eine Fortsetzung für die Impfzentren. „Wenn die Impfzentren oft kaum zur Hälfte ausgelastet sind, müssen sie nicht die größten Stadthallen belegen“, schlägt er vor. „Aber in kleinerem Rahmen sind sie nötig.“ Er fordert eine Fortsetzung für die Impfzentren, die Ende September schließen sollen.

Gibt es denn überhaupt genug Impfstoff für die dritte Impfung?

Ja, für die Auffrischungsimpfungen ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums und des Landesgesundheitsamtes genügend
Impfstoff vorhanden.

Was halten die Wissenschaftler davon?

Kommt ganz drauf an, von welcher Gruppe die Rede ist. Für die meisten Geimpften ist eine Auffrischung im Herbst nach Überzeugung des Virologen Christian Drosten nicht nötig. „Die Schutzwirkung der Corona-Vakzinen ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Impfstoffen“, sagte er Mitte August. Bei alten Menschen sowie bestimmten Risikopatienten hält Drosten eine Auffrischungsimpfung in diesem Herbst jedoch durchaus für sinnvoll. „Nach einem halben Jahr geht das über die Impfung erworbene Antikörper-Level vor allem bei sehr alten Menschen deutlich runter.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, beklagt hingegen das Fehlen unabhängiger Analysen. „Wir diskutieren noch viel zu viel auf der Wahrscheinlichkeiten-Ebene und wissen gar nicht, was das Virus mit uns macht“, sagt er. Auch die Drittimpfung werde angeboten, ohne dass ausreichend Wissen darüber vorhanden sei, wie der Körper auf die ersten beiden Spritzen oder auf eine Infektion reagiert habe. Brysch fordert, dass bei allen Impfkandidaten zunächst der tatsächliche Immunstatus erhoben wird. (rmx/dpa) *HEIDELBERG24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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