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Corona-Impfstoff: Mit Impfpflicht zurück zum normalen Leben?

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Von: Ann-Kathrin Metzger

Corona-Impfung: Eine Umfrage hat ergeben, dass sich 53 Prozent der Bevölkerung gegen Corona impfen lassen würden. Doch das ist nicht genug, um die Pandemie zu besiegen. Ist eine Impfpflicht der einzige Weg?

Seit einem Dreivierteljahr bestimmt das Coronavirus unser Leben und das von Milliarden Menschen rund um den Erdball. Die Folgen sind zum Teil massive Einschränkungen unseres täglichen Lebens und ein noch gar nicht absehbarer Schaden für die Wirtschaft. Größter Hoffnungsträger für ein Ende dieses ungewissen Lebens in dieser Zeit: ein Corona-Impfstoff. Und nun, da gleich mehrere Unternehmen erfolgsversprechende Impfstoffe angekündigt haben und die Zulassung in Deutschland absehbar ist, stellt sich die Frage nach der Impfbereitschaft in der Bevölkerung. Darüber berichtet HEIDELBERG24*. Nehmen wir mal an, diese wäre nicht hoch genug für eine Eindämmung der Pandemie? Wäre eine Corona-Impfpflicht in Deutschland vorstellbar?

KrankheitCoronavirus
ÜbertragungTröpfcheninfektion
SymptomeHäufig: Fieber, trockener Husten, Geruchs- und Geschmacksstörungen

Corona-Impfpflicht: Wer würde sich impfen lassen?

Je näher die Zulassung eines Impfstoffs rückt, desto ernsthafter müssen sich Bürger*innen mit der Frage auseinandersetzen: Würde ich mich und meine Kinder impfen lassen? Eine Umfrage im Auftrag der Barmer kommt nun zu dem Ergebnis, dass sich 53 Prozent der über 16-Jährigen gegen das Coronavirus impfen lassen würden. Weitere 15 Prozent beantworten die Frage, ob sie sich impfen lassen würden mit „Vielleicht“. Die Bereitschaft, die eigenen Kinder impfen zu lassen, liegt bei 42 Prozent. Das geht aus einer im November durchgeführten repräsentativen Umfrage der Barmer unter rund 2.000 Befragten ab 16 Jahren hervor.

Corona-Impfpflicht: Wie viele Leute müssen sich impfen lassen?

Laut Robert-Koch-Institut zeigen mathematische Modelle, dass erst bei einer Immunität von ca. 70 Prozent in der Bevölkerung die Übertragungen des Coronavirus soweit eingeschränkt sind, dass die Pandemie vorüber ist (Gemeinschaftsschutz). Allerdings kann derzeit noch gar nicht vorhergesagt werden, inwieweit eine Immunität die Virus-Übertragung stoppt. Es könnte durchaus sein, dass das Coronavirus trotz Impfung weiter übertragen wird.

Deshalb steht momentan der Individualschutz im Vordergrund, also der Schutz der geimpften Person vor einer Erkrankung oder einem schweren Verlauf der Erkrankung. Zudem fehlen noch detaillierte Daten dazu, wie wirksam die einzelnen Coronavirus-Impfstoffe sind und wie lange der Impfschutz anhält. Erst wenn diese Fragen geklärt sind, kann man einschätzen, wie viel Prozent der Bevölkerung sich impfen lassen müssten, um eine Immunität entstehen zu lassen, die die Pandemie eindämmen kann.

Corona-Impfpflicht: Der Weg zur Normalität?

Mal angenommen, es ließen sich also 53 Prozent der Bevölkerung impfen, kann unter Umständen trotzdem niemand zum normalen Leben zurückkehren. Auch nicht die Personen, die sich impfen lassen. Vieles könnte verboten bleiben, allen voran größere Feiern und Großveranstaltungen. Diese Tatsache wirft unweigerlich die Frage nach einer Impfpflicht auf.

„Ich gebe Ihnen mein Wort, es wird in dieser Pandemie keine Impfpflicht geben“, versichert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Bundestag. Ähnliche Aussagen gibt es von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU). Sie sagen, eine Corona-Impfpflicht sei „nicht vorgesehen“.

Doch die Aussage der australischen Fluggesellschaft Quantas befeuert eine neue Debatte. Die Airline kündigt an, dass Fluggäste künftig eine Corona-Impfung vorweisen müssten. Ist dieses Szenario auch für andere Airlines und Bereiche vorstellbar und kommt damit die „Impfpflicht durch die Hintertür“? Also dürfen geimpfte Personen bald mehr als nicht geimpfte? Rechtlich möglich wäre ein solcher Schritt für eine private Gesellschaft, sagen Rechtsexperten. Jedoch äußern sich andere Airlines bisher nur zurückhaltend zu diesem Thema.

Corona-Impfpflicht: Bundesregierung könnte zur Schutzimpfung verpflichten

Auch die Bundesregierung könnte rein rechtlich zu einer Corona-Impfung verpflichten. Tatsächlich wird das Bundesgesundheitsministerium durch das Infektionsschutzgesetz dazu ermächtigt, besonders bedrohte Teile der Bevölkerung unter bestimmten Voraussetzungen zu einer Impfung zu verpflichten. Experten gehen allerdings nicht davon aus, dass es dazu kommt.

Mitglieder der Ständigen Impfkommission, des Deutschen Ethikrats und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina lehnen die Impfpflicht ab. Diese sei nur bei Menschen sinnvoll, die etwa beruflich in ständigem Kontakt mit Hochrisikopatienten stünden.

Corona-Impfpflicht: Pro und Contra

Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, erklärt indes: „An der Impfung führt kein Weg vorbei, um die Corona-Pandemie zu überwinden. Deshalb ist es ein wichtiges Signal, dass sich die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger impfen lassen möchte. Je höher die Bereitschaft, desto besser. Mit der Impfung schützt man nicht nur sich selbst, sondern auch diejenigen, die sich nicht immunisieren lassen können.“ Um diese Bereitschaft zu erzielen, möchte Straub aber auch auf Aufklärung und nicht auf eine Impfpflicht setzen. Wichtig sei allem voran, über die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe zu informieren und so Menschen ihre Sorgen zu nehmen.

Bei Impfkritikern und Impfgegnern wird hingegen die Meinung laut, ein so rasant entwickelter Corona-Impfstoff müsste womöglich noch länger und intensiver erforscht werden. Potentielle Folgen oder Nebenwirkungen scheinen noch nicht ausreichend einschätzbar. Der Mainzer Medizin-Professor Fred Zepp erklärt im SWR-Interview: „Etwa 25 Prozent der Bevölkerung sind impfskeptische Menschen. Die sind nicht grundsätzlich gegen Impfungen, sie wollen einfach mehr wissen und solide Informationen haben. Diese Menschen gewinnen wir nicht mit einer Impfpflicht. Hier müssen wir unsere Anstrengungen verstärken, die Leute ansprechen und aufklären.“ Die Gruppe von etwa 5 Prozent harten Impfgegnern könne man seiner Einschätzung nach nicht überzeugen.

Grafik zum Ablauf der Impfstoffzulassung in der EU.
Für die Impfstoffzulassung in der EU gibt es genaue Vorgaben. © picture alliance/dpa/dpa Grafik | dpa-infografik GmbH

Corona-Impfpflicht: Aufklärung statt Zwang

Es scheint also, als müsse noch viel Aufklärungsarbeit in Sachen Corona-Impfstoff geleistet werden. Viele Experten aus Medizin und Wissenschaft sowie viele Politiker sind sich einig: Die Menschen müssen davon überzeugt sein, dass eine Impfung wirksam und sicher ist, um eine große Impfbereitschaft zu erzielen.

Angesichts der ersten Zulassung für einen Corona-Impfstoff in Großbritannien erwartet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zügige Entscheidungen bei den europäischen Zulassungsbehörden. Er unterstreicht jedoch, dass die Sicherheit bei der Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen oberste Priorität haben müsse. Daher sollten vorgesehene Studien mit Zehntausenden Freiwilligen auch zu Ende geführt werden. Er betont zudem, dass es sich in Großbritannien und den USA um Notfallzulassungen handele. Die EU setze dagegen auf das bewährte Verfahren einer regulären Zulassung.

Auch für Bundesforschungsministerin Anja Karliczek ist es das oberste Gebot, dass ein Impfstoff sicher und wirksam sein müsse. Das müsse für die EU und damit eben auch für Deutschland im traditionellen und üblichen Verfahren festgestellt werden.

In der EU sind bisher Zulassungen für zwei Impfstoffe beantragt worden: für einen des Mainzer Unternehmens BioNTech und seines US-Partners Pfizer sowie für ein Vakzin des US-Konzerns Moderna. (akm) *HEIDELBERG24 ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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