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Corona-Lockdown: Hat die Maßnahme etwas gebracht? Brisante Studie überrascht

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Deutschland hat bereits einige Corona-Lockdowns hinter sich. Doch wie haben sich die Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen ausgewirkt? Eine Studie aus München gibt darüber Aufschluss:

Die Rückkehr in einen Teillockdown sei „unausweichlich“ gewesen, so Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende November 2020. Die Maßnahmen hätten dazu geführt, dass Kontakte in der Bevölkerung um 40 Prozent zurückgegangen seien, so Merkel weiter. Das damalige Ziel der Bundeskanzlerin: Der sogenannte Inzidenzwert soll wieder auf das Niveau von maximal 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche sinken. Dann wären Gesundheitsämter wieder in der Lage Kontakte besser nachzuverfolgen und die Ausbreitung des Coronavirus* besser eingrenzen. Ein halbes Jahr später liegt die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei 35,2, in Baden-Württemberg bei 42,8, in Bayern bei 35,6 (Stand 1. Juni). Ist dies dem Lockdown Light im November 2020 und der Bundesnotbremse im April 2021 zu verdanken?

Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) legt jetzt nahe, dass dies nicht unbedingt zusammenhängt. Das berichtet HEIDELBERG24*. Dr. Ursula Berger vom Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie und die Statistik-Professoren Helmut Küchenhoff und Göran Kauermann veröffentlichen seit einigen Monaten Daten zur Entwicklung der Corona-Pandemie unter dem Titel COVID-19 Data Analysis Group (CODAG) Die neusten Statistiken sind am 28. Mai veröffentlicht worden.

Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie: Schulschließungen „unbedeutend“

Die erste Überraschung: Schulschließungen seien laut den Daten der Statistiker als Notbremsen-Maßnahme „unbedeutend“ gewesen. „Wir haben keinen einzigen statistischen Hinweis, dass Schule ein Ausbruchsherd für Covid-19 ist. Eher im Gegenteil“, sagt Göran Kauermann, Professor am Institut für Statistik der Universität gegenüber dem ZDF. Infektionen am Arbeitsplatz hätten eine viel größere Rolle gespielt.

Ansteckungen mit dem Coronavirus am Arbeitsplatz hat einen viel größeren Einfluss auf das Infektionsgeschehen als in Schulen.

Ansteckungen mit dem Coronavirus am Arbeitsplatz hat einen viel größeren Einfluss auf das Infektionsgeschehen als in Schulen. © CODAG LMU München

Wie dem Schaubild zu entnehmen ist, sieht man bei den Arbeitsplätzen und Schulen einen Effekt der Reihentestungen: Die Testpflicht bzw. das verpflichtende Testangebot führt zunächst zu einem sprunghaften Anstieg der Covid-19 Fällen. Langfristig sinken die Inzidenzzahlen aus Ausbrüchen wieder. Dieses Muster kann dadurch erklärt werden, dass Infektionsketten erkannt und unterbrochen werden können, was langfristig zu einer Reduktion der Inzidenzen führt.

Forscher halten R-Wert für aussagekräftiger als den Inzidenzwert

Die Orientierung an den Inzidenzwerten und den damit verbundenen Lockerungen hat bereits in den vergangenen Monaten für Debatten gesorgt. Unter anderem hatten das der Virologe Klaus Stöhr und Infektiologe Matthias Schrappe kritisiert. Die Forscher der Uni München geben ihnen recht: „Eine Bewertung des Infektionsgeschehens des Erregers SARS-CoV-2 in der deutschen Allgemeinbevölkerung anhand der Anzahlen berichteter Fälle oder darauf basierender Raten, wie beispielsweise der 7-Tage-Inzidenz, ist aufgrund des variierenden Testverhaltens nur sehr eingeschränkt möglich.“

Für viel aussagekräftiger halten die Forscher den sogenannten R-Wert. Er gibt an wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Vom Testverhalten und den gemeldeten Positiv-Ergebnissen ist der R-Wert größtenteils unabhängig.

Wie sinnvoll waren die Lockdowns? Experten mit schockierendem Ergebnis

Während der Shutdown im Frühjahr 2020 durchaus eine Auswirkung auf das Infektionsgeschehen hatte, ist dies bei den folgenden Lockdowns nicht mehr der Fall gewesen: „Bei den R-Werten, wie sie vom Robert-Koch-Institut täglich bestimmt werden, ergibt sich seit September kein unmittelbarer Zusammenhang mit den getroffenen Maßnahmen - weder mit dem Lockdown-Light am 2. November und der Verschärfung am 16. Dezember 2020, noch mit der ‚Bundesnotbremse‘, die Ende April 2021 beschlossen wurde“, heißt es in der Studie.

Der R-Wert sank den Statistikern zufolge bereits vor dem Lockdown-Light am 2. November, vor der Verschärfung der Corona-Regeln am 16. Dezember und vor dem Inkrafttreten der Bundesnotbremse am 24. April. „Die ergriffenen Maßnahmen hätten den Verlauf des Infektionsgeschehens durchaus positiv beeinflusst haben können, sie seinen jedoch nicht allein für den Rückgang verantwortlich“, heißt es in der Studie. „Alles drumherum hat einen Einfluss, die Nachrichtenlage und saisonale Effekte. Aber es waren nicht die Maßnahmen der Regierung selbst“, so Statistiker Ralph Brinks gegenüber der Bild-Zeitung.

Trotz der Ergebnisse der LMU München bleibt die Frage offen, ob die Menschen ihre Kontakte freiwillig reduziert und sich vorsichtiger verhalten hätten, wären in Deutschland keine Lockdowns verhängt worden. (kp) *HEIDELBERG24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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