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Diskussion um Delta-Variante: Panikmache oder reale Gefahr?

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Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, kritisiert Alarmismus bei der Delta-Variante (Archivbild).
Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, kritisiert Alarmismus bei der Delta-Variante (Archivbild). © dpa/Britta Pedersen

Die Delta-Variante ist nun auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Bei der Bewertung der Lage gehen die Experten-Meinungen auseinander, sogar von „unverantwortlichen Endzeitszenarien“ ist die Rede.

Eine verhältnismäßige Vor-Corona-Normalität hält allmählich wieder Einzug in den Alltag der Menschen: Ob Public Viewing bei der Fußball-EM, Sommer-Urlaub oder Kinobesuch – rapide sinkende Inzidenzzahlen haben einiges wieder möglich gemacht. Dennoch kann von unbeschwerter Stimmung keine Rede sein. Schuld daran ist die unheilvolle Delta-Variante*. Nach Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) dürfte in der laufenden Woche (bis 4. Juli) jede zweite Ansteckung mit dem Coronavirus auf die infektiösere Delta-Variante zurückgehen. Es sei damit zu rechnen, dass die in Indien entdeckte Mutante derzeit „mindestens die Hälfte aller Neuinfektionen ausmacht“, schreibt das RKI in einem Bericht vom Mittwochabend (30. Juni).

Delta-Variante: Expertin warnt vor steigenden Corona-Inzidenzzahlen

Obgleich die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland weiter rückläufig ist, fürchten Fachleute jedoch eine Trendumkehr mit zunehmender Delta-Verbreitung. In ihrem Podcast „Coronavirus-Update“ (NDR-Info) schlägt die Virologin Sandra Ciesek bereits am Dienstag (29. Juni) Alarm: Die Expertin nimmt an, dass die Delta-Variante unter den Mutanten bereits in bestimmten Gebieten, vielleicht sogar deutschlandweit vorherrschend sei. Bei weiterer Ausbreitung könne die 7-Tage-Inzidenz wieder steigen, erwartet Ciesek.

Ein rasches Eindämmen ist für die Virologin das Gebot der Stunde: „Delta verzeiht das noch weniger als die anderen Varianten, wenn man nicht schnell genug handelt.“ Daher soll auf vereinzelte Ausbrüche schnell mit Nachtestungen und Quarantäne-Maßnahmen reagiert werden.

Coronavirus
Insbesondere die Delta-Variante des Coronavirus Sars-CoV-2 breitet sich imemr mehr aus. Das Foto zeigt eine elektromikroskopische Aufnahme des Virus. (Symbolfoto) © National Institute of Infectious Diseases/CDC/Eibner Pressefoto/Imago Images

Zu beachten gilt auch, dass sich die Symptome der Delta-Variante* von denen anderer Corona-Typen unterscheiden.

Delta-Variante: Experte kritisiert Corona-Regeln für geimpfte Reiserückkehrer

Wie ein RKI-Bericht zeigt, geht von den im Juni bislang übermittelten Delta-Fällen knapp jeder zehnte Fall auf eine mögliche Ansteckung im Ausland zurück. Die meistgenannten Länder seien Afghanistan (44 Fälle), die Russische Föderation (26) und Italien (22) gewesen. Wegen der starken Verbreitung der Delta-Variante sind Portugal und Russland mittlerweile als Virusvariantengebiete eingestuft worden, was ein weitreichendes Beförderungsverbot und strikte Quarantäneregeln für Einreisende zur Folge hat.

Ich halte die Debatte derzeit für in Teilen fast schon hysterisch

Andreas Gassen, Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Diese Maßnahme wird wiederum vom Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, scharf kritisiert:

Portugal mit seinen harten Lockdowns wird lange als Musterland der Corona-Bekämpfung dargestellt, für das Reisen wird mit großem Brimborium der digitale Impfpass eingeführt. Doch dann wird über Nacht der Urlaub in Portugal quasi unmöglich gemacht, weil alle Rückreisenden - ob geimpft oder nicht – in 14-tägige Quarantäne geschickt werden“, sagt Andreas Gassen gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Donnerstag (1. Juli).

Daher fordert Gassen die Quarantäne für vollständig geimpfte Reiserückkehrer aus sogenannten Virusvariantengebieten gänzlich zu streichen und verweist dabei auf den „hervorragenden“ Schutz der Impfung gegen die Delta-Variante.

Delta-Variante: Keine Panik vor der neuen Mutante?

Und Gassen geht sogar noch weiter und warnt angesichts der Delta-Variante des Coronavirus vor Panikmache: „Ich halte die Debatte derzeit für in Teilen fast schon hysterisch“, sagt er dem RND und fügt hinzu: „Es ist unverantwortlich, immer wieder mit Endzeitszenarien zu operieren.“

Die Delta-Variante dürfte bereits Ende Juli hierzulande die dominierende Mutante werden, sagt Gassen. „Aber deshalb müssen wir nicht in Panik verfallen. Delta ist ansteckender, aber nach heutigen Erkenntnissen wohl nicht wesentlich gefährlicher als die bisherigen Varianten.“

Auch Gassen schließt nicht aus, dass die Infektionszahlen wieder steigen, „aber es gibt bisher keine fundierten Hinweise darauf, dass dadurch auch der Anteil der schweren Erkrankungen wieder steigt, zumal Geimpfte zuverlässig geschützt sind.“ Alarmismus sei völlig fehl am Platz.

Delta-Variante: Lauterbach bringt Auffrischungsimpfungen ins Spiel

Demgegenüber hält SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Falle einer weiteren Verbreitung der Delta-Variante Auffrischungsimpfungen für unumgänglich: „Sobald Fälle beobachtet werden, bei denen es trotz zweifacher Impfung zu einer Ansteckung zum Beispiel mit der gefährlichen Delta-Variante und auch zu schweren Krankheitsverläufen kommt, wird man zur Booster-Impfung (Wiederholungsimpfung) aufrufen; dann könnte eine Alarmstimmung herrschen.“

Doch wie gut schützen die Impfstoffe gegen Delta?* Derzeit sei allerdings noch nicht sicher, ob sich die Variante „gegen die Impfungen durchsetzen“ werde, fügt Lauterbach hinzu. „Deswegen kann man derzeit noch nicht zu den Auffrischungsimpfungen aufrufen. Dafür fehlt noch das Wissen.“ (esk mit dpa)  *HEIDELBERG24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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