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Omikron: Lauterbach warnt vor „Killer-Variante“ – und erntet Experten-Kritik

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Von: Jason Blaschke

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Die düstere Prognose von Gesundheitsminister Karl Lauterbach zu möglichen neuen „Omikron“-Varianten stößt auf Kritik – die Studienlage dazu ist mager.

Das Coronavirus ist in Deutschland weiter omnipräsent. Zwar gehen die Corona-Fallzahlen aktuell zurück, in der Politik ist man aber schon in Sorge wegen möglicher neuer Varianten von „Omikron“, die ansteckend und tödlich sein könnten. Im Zentrum der Düster-Prognosen steht ein Interview, das die Bild am Sonntag mit Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geführt hatte. Im Gespräch war der 59-Jährige sehr direkt und konkret – wofür er scharf attackiert wird.

NameKarl Lauterbach
Geboren21. Februar 1963, Düren
EhepartnerinAngela Spelsberg (von 1996–2010)
ParteiSPD
AmtBundesminister für Gesundheit

Lauterbach spricht von „absoluter Killer-Variante“ – doch eine Angabe fehlt

Anlass für das Interview sind neue Untervarianten von „Omikron“, die in Großbritannien, aber auch in Südafrika aufgetaucht waren. Über die Symptome und die Schwere von Omikron „XE“ hatte HEIDELBERG24* erst vor wenigen Wochen informiert, nachdem in Großbritannien mehrere Fälle registriert wurden. Für Lauterbach ein Anlass zu großer Sorge, denn „Die Abstände, in denen neue Varianten die alten ablösen, werden immer kürzer.“

Das bedeute, dass wir uns immer schlechter auf die Mutationen vorbereiten können, führt der 59-Jährige aus. Möglich sei, dass wir eine stark ansteckende Variante von „Omikron“ bekommen, „die so tödlich wie Delta ist“. Lauterbach ist sich sicher: „Das wäre eine absolute Killer-Variante.“ Die Frage – auf welche Studie er sich mit einer Schreckens-Prognose zum Coronavirus beruft – wurde im Interview nicht beantwortet.

Hongkong-Studie stützt Lauterbachs Prognose – es gibt aber einen Haken

Nach Informationen der Bild stützt aktuell bloß eine recht neue Studie aus Hongkong die düstere Prognose von Lauterbach – und selbst die hat einen Haken. In der Pre-Print-Studie (vorab veröffentlicht) hatten Forscher ermittelt, dass in Hongkong die Corona-Variante BA2.2 von „Omikron“ bei Ungeimpften tatsächlich vergleichbar schwer verläuft wie Delta. Das Problem aus Sicht mehrerer Experten ist, dass sich die Daten nicht so einfach auf Deutschland übertragen lassen.

Ein Grund ist, dass die Studie auf eine Stadt begrenzt ist, in der eine rigide Null-Covid-Strategie gefahren wird und es in Folge quasi keine registrierten Corona-Fälle gibt. Zudem muss bedacht werden, dass die Impfquote in Hongkong mit etwa 65 Prozent noch viel geringerer ist, als in Deutschland. Auch sind die in China eingesetzten Corona-Impfstoffe in ihrer Wirksamkeit nicht vergleichbar mit Biontech oder Moderna.

Experten üben Kritik an „Killer-Variante“ – „Impf-Quote und viele Genesene“

Renommierte Experten sagen Berichten der Bild zufolge, dass die Situation in Deutschland eine ganz andere sei und sich die Studie aus Hongkong deshalb nicht einfach übertragen lasse. „Deutschland weist eine hohe Impf-Quote und etliche Genesene auf, was ein guter Basis-Schutz ist“, meint der Virologe Hendrik Streeck. Mit Blick auf Lauterbachs Vorhersage zu einer Killer-Variante ergänzt er auf Bild-Anfrage, dass neue Varianten zwar nicht auszuschließen seien, aber:

„Das sind noch lange keine ‚Killer-Varianten‘“. Ähnlicher Ansicht ist auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit aus Hamburg. Genau wie Streeck kalkuliert auch Schmidt-Chanasit mit einer guten Immun-Quote in Deutschland, die auch bei neuen Corona-Varianten im Herbst einen guten Schutz bietet. Mit Blick auf „Omikron“ habe man gesehen, dass die Corona-Impfung einen guten Schutz vor schweren Verläufen mit Todesfolge biete.

Das sind noch lange keine Killer-Varianten.

Hendrik Streeck, Virologe an der Universität Bonn

Impfung oder Genesung schützt auch vor neuen Varianten – Experte nennt Grund

Schmidt-Chanasit geht davon aus, dass sich die Erkenntnis auch auf mögliche neue Corona-Varianten übertragen lässt, denn: „Die Immunität nach einer Impfung oder Genesung basiert nicht bloß auf Antikörpern, sondern auch auf einer zellulären Immunität.“ In der Umgangssprache ist auf von Gedächtniszellen die Rede, welche sich an das Coronavirus erinnern und eine rasche Immunantwort ermöglichen, sollte das Virus wieder eindringen.

Viel mehr Sorgen macht Experten aktuell die Tatsache, dass auch nach milden Krankheitsverläufen Corona-Spätfolgen möglich sind. Eine viel debattierte Folgeerkrankung ist das Corona-Syndrom „PIMS“ im Kindesalter, das Herzerkrankungen, Fieber, Magen-Darm-Krankheiten oder Hautausschläge auslösen kann. Die typischen „Omikron“-Symptome bei Kindern und Jugendlichen sollten Eltern deshalb ernst nehmen.

In Großbritannien gibt es eine Häufung von unerklärten Hepatitis-Fällen bei Kindern, auch in weitere Ländern gibt es erste Fälle. Die WHO mahnt zur Aufmerksamkeit. (Symbolfoto)
Auch Kinder können von Corona-Spätfolgen (Symbolbild) betroffen sein. © Annette Riedl/dpa

Kritik an Lauterbach auch aus der Politik – „vage Prognose wenig hilfreich“

Ernst nehmen heißt aber nicht, in Panik zu verfallen. „Ich halte vage Prognosen zu der Möglichkeit der Entstehung einer ‚absoluten Killer-Variante‘ für wirklich wenig hilfreich“, twitterte der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz als Reaktion auf die Prognose von Lauterbach im Interview mit der Bild am Sonntag. Der Ansicht ist auch Christine Aschenberg-Dugnus (FDP). Schon heute über gefährliche Virusvarianten zu diskutieren, sei nicht zielführend.

„Ob es sich dabei um gefährliche Variante handelt, kann heute niemand prognostizieren.“ Ebenfalls viel diskutiert wird die Tatsache, dass sich bestimmte Personen wohl nicht mit Corona infizieren können, wie hna.de* mit Blick auf eine neue Studie berichtet. Vieles ist zum Thema Coronavirus bekannt, einiges aber auch nicht. Auch deshalb richtet sich die Kritik an Lauterbach auch eher auf seine Wortwahl „Killer-Variante“. *hna.de ist wie HEIDELBERG24 ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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