1. Heidelberg24
  2. Verbraucher

Sarah aus Dortmund liebt ein Flugzeug und erlebt Hass – „Viele haben Angst vorm Outing“

Erstellt:

Von: Kathrin Ostroga

Kommentare

Sarah führt eine Beziehung mit einem Flugzeug. Das Liebesleben der Dortmunderin hat ganz schön für Gesprächsstoff gesorgt und das nicht immer im Guten.

Dortmund – Vor etwa einem halben Jahr hat RUHR24 mit Sarah aus Dortmund gesprochen. Sie ist Mitte zwanzig und ist in eine Flugzeugbaureihe verliebt. Diese Sexualität wird auch Objektophilie genannt. Menschen wie Sarah verlieben sich in nicht lebendige Dinge wie Flugzeuge, Züge oder auch den Eiffelturm. Obwohl Sarah sich im Ruhrgebiet nicht mehr wohlfühlt, wohnt sie noch immer hier.

SexualitätObjektophilie
ThemaHass und Hetze
StadtDortmund

Sarah liebt Flugzeuge erstmal weiter von Dortmund aus

„Das liegt vor allem daran, dass für mich in Hamburg gerade noch kein Platz ist“, erklärt sie. Schon bei unserem letzten Gespräch hatte Sarah den Plan, so schnell wie möglich zu ihrer besten Freundin zu ziehen. „Allerdings verzögert es sich, weil ihre jetzige Mitbewohnerin noch nicht ausziehen kann“.

Ihre beste Freundin ist für Sarah total wichtig. „Wir können uns alles erzählen“, meint sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Das liege auch daran, dass Joana ähnliche Erfahrungen mit dem Anderssein und dem Hass einiger Bevölkerungsgruppen gemacht habe. „Sie ist trans und ihre Umwandlung noch nicht komplettiert. Die Leute laufen vorbei und beschimpfen sie – einfach so“, schildert Sarah.

Zusammen fühlen sich die beiden Frauen stark. Besuchen Flugzeugbörsen und planen auch einen USA-Trip – natürlich mit dem Flugzeug. „Da möchte ich dann unbedingt mal bei Boeing vorbeischauen“, schwärmt Sarah. Der lange Flug macht ihr nichts aus. So nah kann sie den Großen schließlich sonst nicht sein.

„Neben Dickie gibt es jetzt auch Charlie“ – Sarah aus Dortmund hat sich in eine Flugzeug-Baureihe verguckt

Zu Hause warten auf sie zumindest mittlerweile zwei große Flugzeugmodelle. „Neben Dickie gibt es jetzt auch Charlie“, erklärt Sarah. Hier wird nochmal deutlich, dass Sarah nicht ein Flugzeug liebt, sondern sich genaugenommen in eine Baureihe verguckt hat. Schon im letzten Gespräch erklärte sie, dass dies einiges leichter mache. Weil sie so nicht nur nach einem Flugzeug Ausschau halten müsse.

Bei Sarah geht es um die Boeing 737 Max oder auch die 800. „Ich mag sein Gesicht und auch die Tragfläche. Ist ein bisschen so wie als, wenn man die Haare oder die Augen von jemandem total toll findet“. Die Großen kann sie natürlich alltäglich nicht um sich haben. Deshalb hat Sarah unterwegs gern ein kleines Modell dabei oder auch eine Kette mit Anhänger.

„Wie geht das denn in der Weihnachtszeit?“ Schließlich laufen Händchen haltende Paare auf dem Weihnachtsmarkt in Dortmund an nahezu jede Ecke herum. „Naja ich habe da so eine coole Weihnachtsmütze, die kann ich Dickie oder Charlie gut aufsetzen. Ansonsten scheue ich mich auch nicht davor, ein kleines Modell mit ins Restaurant zu nehmen. Da hat auch noch nie jemand was gesagt“.

Flugzeuge Sarah Liebe
„Charlie“ und „Dickie“ sind Sarahs große Modelle für den Alltag. © Sarah

„Ich bin auf Wolke 7“ – trotzdem begegnet Objektophilen Menschen oft Hass

Trotz der Energiekrise leistet sich Sarah noch regelmäßig Flüge mit den großen Maschinen. Mitte November geht es zum Beispiel von Dortmund aus nach Kattowitz. Dabei hofft sie auf ein ganz bestimmtes Manöver, was andere vielleicht eher verschreckt: „Ich liebe es, wenn sich das Flugzeug so in die Kurve neigt. Wenn dann noch die Sonne auf oder untergeht, bin ich auf Wolke 7“.

Doch leider sind die Wolken nicht immer rosa-rot. Auch Sarah erlebt auf Social Media regelmäßig Hass und Hetze. „Ich bin ein humorvoller Mensch, aber die Hobbypsychologen da draußen stören mich. Sie müssen mich ja nicht verstehen, aber ein bisschen Respekt wäre gut. Ich schade ja niemandem. Ich liebe halt anders. Das ist aber kein Grund, mich zu beleidigen.“

Objektophilie
Sarah genießt die Zeit mit den Maschinen - egal was die anderen sagen. © Sarah

Dass Sarah mal zum Psychologen gehen soll, haben auch bei RUHR24 viele User unter den Facebook-Post geschrieben. Sie hat dazu eine deutliche Meinung: „Ich habe ein geregeltes Leben und komme gut klar. Worüber sich die Leute viel mehr Gedanken machen sollten ist, dass viele Menschen da draußen zum Psychologen gehen müssen, weil sie Opfer von Hate werden und sich gar nicht erst trauen sich zu outen – in allen Sexualitäten“.

Erst vor wenigen Monaten wurden Mädchen in Dortmund Opfer von Hass und Hetze, weil sie eine Regenbogenfahne mit in die Schule brachten. Sarah will andere Menschen motivieren, zu sich zu stehen.

„Immerhin keine Tiere“ – Hass und Hetze wegen anderer Sexualität gegen Sarah aus Dortmund

Doch es gibt noch andere Kommentare unter dem Posting. Einige finden es mutig, dass Sarah mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit geht. Andere meinen: „Immerhin keine Kinder oder Tiere. Die Gegenstände sind ja nicht lebendig“. Ich fühle mich bei den Kommentaren zwiegespalten. Sarah ist wohlwollend (mehr News aus Dortmund bei RUHR24).

„Sie haben ja recht. Ich tue niemandem etwas. Ich frage mich zwar, woher da überhaupt der Vergleich zu Tieren oder Kindern kommt, aber es stimmt: Ich tue niemandem weh und das ist das wichtigste“. Im realen Leben begegnet Sarah oft das genaue Gegenteil von Hass. Menschen wollen Fotos machen, bestärken sie. „Dabei würde ich den anderen so gern mal meine Meinung ins Gesicht sagen. Wir könnten alle friedlich zusammen leben“.

Objektophilie
Sarah aus Dortmund liebt eine Flugzeugbaureihe. Sie ist objektophil. © Sarah

Einen Traum hat Sarah auch weiter – die 737 heiraten. „Leider geht das natürlich noch immer nicht in Deutschland“. Bis dahin träumt sie davon, mal allein im Hangar zu sein. „Das wäre schon wirklich toll, auch mit einer Führung. Aber das wird sicher nicht gehen – aus Sicherheitsgründen“. Sarah findet aber auch andere Wege ihre Liebe zum Ausdruck zu bringen, mit Tattoos oder auch Keksen. Ich habe natürlich auch Flugzeug–Ausstecher“, erklärt Sarah und wirkt dabei sehr glücklich.

Auch interessant

Kommentare