Kredite mit Negativzinsen

Was Minuszinsen für die Verbraucher bedeuten

Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank führt so langsam zu einem Absurdum: Verbraucher zahlen, wenn sie Geld sparen und verdienen, wenn sie Geld leihen. Die Idee dahinter: Die Null-Prozent-Zins-Politik soll den Konsum ankurbeln. Die Verbraucher sollen jetzt gerade nicht sparen.
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Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank führt so langsam zu einem Absurdum: Verbraucher zahlen, wenn sie Geld sparen und verdienen, wenn sie Geld leihen. Die Idee dahinter: Die Null-Prozent-Zins-Politik soll den Konsum ankurbeln. Die Verbraucher sollen jetzt gerade nicht sparen.

Seit einiger Zeit gibt es Werbung für Kredite mit Negativzinsen. Wie seriös ist das? Kann das funktionieren? Haben die Banken wirklich Geld zu verschenken?

Ein Kredit mit Minuszinsen klingt paradox. Es bedeutet, dass der Kreditnehmer am Ende weniger Geld an die Bank zurückzahlen muss, als er sich geliehen hat. In der Regel ist es so, dass Kunden Gebühren und Zinsen zahlen müssen, wenn sie Geld leihen wollen. Je nach Höhe der Zinsen ändert sich die Summe, die über die Laufzeit hinweg zurückzuzahlen ist. Der Kreditnehmer zahlte bisher immer die Kreditsumme zurück plus die Zinsen, die je nach Höhe der Zinsen und der Laufzeit auf diese Kreditsumme anfallen. Zusammengefasst bedeutet das: Positive Zinsen sind der geliehen Geldbetrag plus Zinszahlungen. Negative Zinsen sind der geliehene Geldbetrag minus Zinserstattungen. Das klingt noch nicht weniger paradox.

Alles nur ein Marketing-Gag?

Bei den Kreditvermittlern gibt es viel Werbung für die Kredite mit Minuszinsen. Bei diesen Kreditvermittlern handelt es sich allerdings nicht um Banken, sondern um Portale, um Finanzdienstleister, die Kredite vermitteln möchten. Die bemerkenswerten Angebote mit bis zu zehn Prozent Minuszinsen kommen zustande, weil der Finanzdienstleister den Kredit quasi subventioniert. Die Bank verlangt wie bisher auch Zinsen für ihre Dienstleistung. Gleichzeitig zahlt sie Vermittlungsprovisionen an die Finanzdienstleister. Da diese ein großes Interesse daran haben, möglichst viele Kredite zu vermitteln, machen sie attraktive Werbung. Derzeit sind die Zinsen ohnehin sehr niedrig auf dem europäischen Kreditmarkt. Ein Kreditvergleich auf einem seriösen Finanzportal, beispielsweise ein Vergleich von verschiedenen Krediten mit Verivox, bringt die Angebote mit wirklich sehr günstigen Zinsen zutage.

Was steckt wirklich hinter den Minus-Zins-Angeboten?

Die Stiftung Warentest hat sich die Angebote für Kredite mit Minuszinsen näher angeschaut. Der Kunde bekommt einen Kredit über 1.000 Euro und muss dafür weniger als 900 Euro zurückzahlen. Der Kunde „verdient“ also circa 100 Euro, wenn er sich Geld leiht. Die hohen Negativzinsen sind durch eine Rabattschlacht zwischen den verschiedenen Portalen entstanden. Dabei gibt es allerdings einen Haken. Die Angebote stellen kein großzügiges Angebot dar. Sie sind an ganz strenge Bedingungen geknüpft. 

Sehr strenge Bedingungen – Finanz-Striptease für 1.000 Euro 

So gibt es einen Kredit mit maximal 1.000 Euro Kreditsumme – mehr Geld können die Kunden mit Negativzinsen nicht aufnehmen. Den Kredit gibt es nur einmal für jeden Kunden. Der Kunde muss deutscher Staatsbürger sein und ein regelmäßiges Einkommen beziehen. Die Angebote schließen Selbstständige und Rentner von vornherein aus. Der Kunde muss seine gesamte finanzielle Situation offenlegen und dabei darstellen, dass sein Einkommen ausreicht, um alle finanziellen Verpflichtungen zu bezahlen. Hierzu gehören auch Informationen zu anderen Krediten, Sparverträgen, Versicherungen und Unterhaltsverpflichtungen. Er muss damit einverstanden sein, dass der Anbieter Einblick in die Kontobewegungen auf dem Girokonto bekommt. Darüber hinaus fragt der Anbieter die Kreditwürdigkeit bei der Schufa an. Ist diese nicht erstklassig, gibt es kein Geld. 

Bedingungen für viele nicht erfüllbar 

Der Kredit ist in monatlichen Raten über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren zurückzuzahlen. Dabei lässt sich feststellen, dass diese Bedingungen schwer zu erfüllen sind für normale Verbrauche. Wer ein entsprechendes Einkommen hat, braucht in der Regel keinen Kleinkredit. Alle anderen, die das Geld wirklich brauchen würden, erfüllen meist nicht alle Kriterien. Es ist tatsächlich so, dass diese Angebote als Marketing-Gag der Finanzdienstleister angesehen werden können. Sie locken damit an Krediten interessierte Verbraucher auf ihre Internetseiten und können aufgrund der abgefragten Daten weitere Kreditangebote erstellen und dem Kunden schicken. 

Künftig kann es tatsächlich Kredite mit Minuszinsen geben

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau mit Sitz in Frankfurt hat angekündigt, Förderkredite mit Minuszinsen anzubieten. Schon jetzt gibt es für Klimaschutzmaßnahmen sehr gute Konditionen.

Nicht in jedem Fall sind die Minuszinsen ein Marketing-Gag und dienen nicht der reinen Werbung. Die Banken sind teilweise sogar damit beschäftigt, Strategien zu entwickeln, wie sie Kredite mit Negativzinsen vermeiden können. Die staatliche Förderbank, die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erwägt derzeit, einen Förderkredit mit negativen Zinsen anzubieten. Sie hat im November 2019 auf der Bankentagung angekündigt, die Negativzinsen auch an die Verbraucher weiterzugeben. Dabei stellt sich den Banken derzeit noch eine technische Hürde: Die Computersysteme können negative Zinsen noch gar nicht verarbeiten. 

Die KfW ist eine staatliche Förderbank, die Gelder zur Verfügung stellt für staatlich geförderte Projekte. Schon heute gibt es beispielsweise für Klimaschutzmaßnahmen Kredite mit sehr guten Konditionen und mit sehr günstigen Zinsen, beispielsweise für energieeffizientes Bauen oder Sanieren einer Immobilie oder für die Installation einer Solaranlage. Diese Förderkredite beantragen Bauherren nicht direkt bei der KfW. Hier ist die Hausbank dazwischengeschaltet. 

Ausblick – die Kreditwelt steht derzeit Kopf 

Wenn das Gesparte auf dem Sparbuch schrumpft, weil die Bank dafür Verwahrgebühren verlangt, dann scheint etwas nicht zu stimmen.

Für Verbraucher, die heute einen Immobilienkredit aufnehmen möchten, sieht es gut aus. Die Zinsen sinken immer weiter und bewegen sich Richtung null. Die Banken geraten mehr und mehr unter Druck, die negativen Zinsen an die Verbraucher weiterzugehen. Möglicherweise kommen tatsächlich Minuszinsen. Derzeit ist der Finanzmarkt ein Paradoxon, viele nennen ihn auch absurd oder einfach total verrückt. Die Kreditwelt verändert sich. Auf Gespartes gibt es keine Zinsen mehr, wenn das Geld als Sichteinlage auf dem Sparbuch oder einem Tagesgeldkonto liegt. Teilweise zahlen die Sparer sogar Strafzinsen, wenn sie größeres Vermögen deponiert haben. Warum also sollte nicht auch das andere Ende des Bank- und Finanzgeschäfts – das Geldverleihen – umgekehrt sein?

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