„Ich dachte, ich sitze auf einem Pulverfass“

2 Jahre nach BASF-Katastrophe: So erlebten 3 Opfer das Inferno

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Eine Luftaufnahme zeigt das Ausmaß der Katastrophe am 16. Oktober 2016 (Archivfoto).

Zweieinhalb Jahre nach dem BASF-Unglück sitzen sich beim Prozess Opfer und Verantwortliche gegenüber. Zwei Feuerwehrmänner und eine BASF-Mitarbeiter erzählen, wie sie die Katastrophe erlebten: 

Ludwigshafen/Frankenthal - Mit dem Mammut-Prozess um das Unglück im Landeshafen Nord der BASF beginnt am Landgericht Frankenthal die Aufarbeitung einer Katastrophe, wie sie das größte Chemieunternehmen der Welt selten erlebt hat. Welche Auswirkungen der 17. Oktober 2016 heute noch hat, zeigt sich in den Gerichtsaussagen dreier Männer, deren Leben das Unglück für immer verändert hat.

So schildern zwei Werksfeuerwehrmänner und ein Hafenmitarbeiter ihre Erlebnisse am Tag des BASF-Unglücks vor Gericht:

16. Oktober 2016: Kurz vor der Mittagspause geht bei der Nordwache der BASF-Werksfeuerwehr ein Notruf ein: „Brand im Hafen“. Minuten vorher hat Andrija K., Schweißer einer Fremdfirma, bei Arbeiten in dem riesigen Rohrgraben einen fatalen Fehler gemacht – statt an einer leeren Rohrleitung setzt er seinen Trennschleifer am danebenliegenden Rohr an – gefüllt mit einem brennbaren Gemisch. 

Viel wissen die Feuerwehrmänner nicht über die Brandstelle, die sie gleich erwartet. Reiner W., seit 1988 bei der Werksfeuerwehr der BASF, sitzt am Steuer des ersten Löschfahrzeugs. Obwohl er die hohe Feuersäule schon von Weitem sieht, glaubt der erfahrene Feuerwehrmann hier noch an einen ganz normalen Einsatz. Im Einsatzfahrzeug von W. sitzt auch Andreas S., 36 Jahre alt und seit 2010 bei der Werksfeuerwehr. Gemeinsam mit ihren vier Kollegen gehören die beiden Feuerwehrmänner zu den ersten Einsatzkräften, die vor Ort eintreffen.

Wenige Minuten nachdem der Notruf bei der BASF-Feuerwehr eingegangen ist, betritt Jürgen L., stellvertretender Schichtführer im Hafen, die Zentrale. Von seinem Kollegen im Leitstand bekommt er ein Fernglas in die Hand gedrückt, sieht von Weitem eine kleine Flamme im Rohrgraben flackern. Sofort macht er sich mit dem Auto auf den Weg. Während der kurzen Fahrt entwickelt sich aus dem kleinen Brand eine meterhohe Flamme, die senkrecht aus dem Rohrgraben schießt. 

5. Februar 2019: Am Landgericht Frankenthal beginnt der Prozess um das BASF-Unglück, das fünf Tote und 44 Verletzte forderte. Die Staatsanwaltschaft will 42 Zeugen vernehmen, hat 10 Sachverständige benannt, die die Aufarbeitung der Katastrophe mit Gutachten unterstützen werden. Auf der Anklagebank sitzt Andrija K. – der 63-Jährige ist seit der Katastrophe arbeitsunfähig. Ein kleiner Mann mit Halbglatze und Brille, der mit gesenktem Blick den Gerichtssaal betritt. Dem ehemaligen Schweißer wird fahrlässige Tötung, Körperverletzung und das fahrlässige Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion vorgeworfen. Er selbst hat bei dem Unglück Verbrennungen 2. und 3. Grades erlitten.

Der Angeklagte Andrija K. (l) vor Prozessbeginn neben seinem Rechtsanwalt Carsten Tews.

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„Alles war auf einmal ganz anders“

16. Oktober 2016: Der Chemiefacharbeiter Jürgen L., seit 30 Jahren Mitarbeiter der BASF, trifft etwa zeitgleich mit Reiner W., Andreas S. und ihrem Einsatztrupp am Rohrgraben ein. Er läuft einem Feuerwehrmann entgegen, ruft „Gasleitung brennt, keine Verletzten zu sehen!“ Womöglich die ersten Informationen, die die Feuerwehrleute vor Ort erhalten. Für die Einsatzkräfte beginnen die Vorbereitungen auf einen Einsatz, der „eigentlich Routine“ hätte sein können. So wird es Reiner W. später bei seiner Vernehmung von der Polizei aussagen. Rohr dichtmachen, kühlen, Flamme kontrolliert ausbrennen lassen – so das Protokoll. 

Sein Kollege Andreas S., an diesem Tag im Angriffstrupp eingeteilt, will gerade einen Verteiler an einen Wasserwerfer anschließen, den sein Truppführer auf das brennende Rohr gerichtet hat. Plötzlich ruft sein Vorgesetzter eine Warnung – man müsse sofort weg. In seiner Aussage vor Gericht erzählt der Werksfeuerwehrmann, dass sein Truppführer wohl gesehen hätte, dass die Rohrleitung zu wackeln beginne. Die Warnung kommt zu spät. S. hat wenige Schritte gemacht, als er ein lautes Knallen im Rücken hört. Eine Feuerwalze fegt über ihn hinweg, die massive Druckwelle schleudert ihn und seinen Truppführer ins Hafenbecken.

Als die erste Explosion den Hafen erschüttert, steht Jürgen L. direkt neben dem Feuerwehrwagen. Den Knall hört er nicht, merkt nur, dass er plötzlich hinter dem großen Fahrzeug liegt. Er blickt auf seine Hände, die Blasen schlagen. 

Bei den Explosionen am Nordhafen der BASF sterben fünf Menschen (Archivfoto).

6. Februar 2019: Auch mehr als zwei Jahre später sieht man den beiden Feuerwehrmännern die Spuren des Unglücks noch an. Brandnarben an Gesicht und Hinterkopf zeugen vom Schrecken, den Reiner W. und Sascha S. hinter sich haben. Beide treten im Prozess als Nebenkläger auf, gemeinsam mit weiteren betroffenen Kollegen und Angehörigen eines getöteten Feuerwehrmannes. Als Zeugen werden sie vor Gericht noch einmal bis ins kleinste Detail von ihren traumatischen Erfahrungen berichten. 

Ausgebrannte Autos auf einem Mitarbeiterparkplatz der BASF (Archivfoto)

Das war der Tag: Chronologie der BASF-Explosion

„“

16. Oktober 2016: Sascha S. findet sich nach der ersten Explosion im Wasser wieder, hinter dem Schiff „Endeavour“. Er kämpft sich zu einer Leiter an der Kaimauer vor, während er an Land weitere Explosionen hört. Schmerzen hat er in diesem Moment nicht, erzählt er später im Saal des Landgerichts. Doch er sieht die aufgeplatzte Haut an seinen Händen. Trotzdem gelingt es ihm, seine Atemluftflasche abzuziehen, die ihn gefährlich nach unten zieht. Er sieht seinen Truppführer, der ebenfalls ins Wasser geschleudert wurde. Die schwer verletzten Männer hangeln sich an der Kaimauer entlang. Bis das Rettungsboot beide rausholt, merkt S., wie seine Augen immer weiter zuschwellen. 

Ganz in der Nähe befindet sich Jürgen L.. Er wurde von der ersten Druckwelle zu Boden geschleudert. Bei der zweiten Explosion wird er bewusstlos, wacht nahe des Hafenbeckens an einer Betonbrüstung wieder auf. Er rettet sich auf die „Endeavour“, die im Hafenbecken liegt. Als er sieht, dass es auch auf dem Schiff brennt, rennt er wieder an Land. „Ich dachte, ich sitze auf einem Pulverfass“, erzählt er vor Gericht. Er trifft auf einen Feuerwehrmann, der ihn zur Sammelstelle bringt.

Erste Fotos direkt von der Unglücksstelle

„Ich bin mit den Nerven noch im Streit“

Jürgen L. wird vom Rücken abwärts größtenteils verbrannt, braucht mehrere Hauttransplantationen. Doch schon im Juli 2017 beginnt er wieder, zu arbeiten. „Es muss weitergehen“, sagt er heute, wenn er mit fester Stimme von den Geschehnissen vor zweieinhalb Jahren berichtet. Nur als die Brandverletzungen an seinen Füßen ihm zu schaffen machen, fällt er wegen weiterer Operationen noch einmal aus. Im Januar 2018 kehrt er zur BASF zurück. „Seitdem hatte ich keinen Krankheitstag mehr.“

Reiner W. erleidet Brandverletzungen an Händen, Hinterkopf, Rücken und Waden. Auch er braucht mehrere Hauttransplantationen. Sechs Operationen hat er seit dem Unglück hinter sich, weitere stehen ihm bevor. Der 55-Jährige hat Schlafstörungen und zuckt bei lauten Geräuschen zusammen. Wöchentlich besucht er eine Psychologin. „Ich bin mit den Nerven noch im Streit“, erzählt der Feuerwehrmann. Ob er jemals wieder einen Brand bekämpfen wird, kann er nicht sagen. 

Sascha S. erwacht eine Woche nach dem Unglück aus dem künstlichen Koma. Es folgen viele Operationen – die letzte war im Januar 2019. In psychologischer Behandlung ist er nicht mehr. „Ich habe mit Freunden und Familie offen über alles gesprochen“, erzählt er. Das habe geholfen. Einmal geht er Schwimmen, um die traumatische Erfahrung im Hafenbecken zu verarbeiten. Wenn er vollständig genesen ist, will er zur BASF-Feuerwehr zurückkehren. Eine Stelle in der Gefahrenabwehrplanung wartet schon auf ihn – ausrücken muss er nie mehr.

Hintergrund: BASF-Unglück

Andrji K., arbeitete am 17. Oktober 2016 für eine Spezialfirma im Auftrag der BASF an einer Flüssiggas-Leitung. Er sollte ein Element in dem rund 20 Meter breiten Rohrgraben mit 38 Leitungen austauschen. Gegen 11:30 Uhr soll der Schweißer die falsche Leistung angeschnitten haben. Darin floss ein brennbares Buten-Gemisch. Den Ermittlungen zufolge sollen Funken aus dem Trennschleifer das Gemisch entzündet haben. Es kam zur Explosion. 

Zwei Feuerwehrleute und der Matrose eines Tankschiffes starben noch am Unglücksort. Ein dritter Feuerwehrmann starb rund zwei Wochen, ein vierter fast elf Monate später. Für den Prozess um das Unglück, der am 5. Februar am Landgericht Frankenthal startete, sind bis Ende März 13 Verhandlungstermine angesetzt. 

Chemie-Katastrophen der Vergangenheit

FOTOS

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kab

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