Fleischfabrik Tönnies

Nach Corona-Ausbruch: Tönnies darf am Hauptstandort wieder schlachten

Rund vier Wochen nach dem Corona-Ausbruch bei Deutschlands größtem Fleischbetrieb Tönnies in Rheda-Wiederbrück darf das Unternehmen an seinem Hauptstandort wieder schlachten.

  • Corona*-Ausbruch unter Tönnies-Beschäftigten – tausende Menschen infiziert.
  • Bündnis besetzt größte Fleischfabrik von Unternehmer Clemens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück
  • Skandal bei Tönnies löst Debatte über Massentierhaltung und schlechte Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie aus

Update vom Donnerstag, 23.07.2020, 11.39 Uhr: Ein Video von der Organisation „Deutsches Tierschutzbüro“ hat jetzt enthüllt, wie Schweine bei einem Tönnies-Zulieferer in Rheda-Wiedenbrück gequält* werden. Die Bilder sind verstörend.

Nach Corona-Ausbruch: Tönnies darf am Hauptstandort wieder schlachten

Update vom Mittwoch, 15.07.2020, 16.15 Uhr: Rund vier Wochen nach dem Corona-Ausbruch bei Deutschlands größtem Fleischbetrieb Tönnies in Rheda-Wiederbrück darf das Unternehmen an seinem Hauptstandort wieder schlachten. Die Stadtverwaltung hat den angeordneten Produktionsstopp für die Schlachtung mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Damit kann das Unternehmen in Rheda-Wiederbrück wieder Tiere von Landwirten annehmen und die Produktion schrittweise hochfahren.

Die seit Mitte Juni gültige Schließungsverfügung durch die Stadt galt bis zum 17. Juli. Teilbereiche wie eine Lebensmittelproduktion, Technik und Verwaltung sind nach Zustimmung der Behörden bereits wieder hochgefahren worden. Für die Zerteilung der Tiere hat die Stadt Rheda-Wiedenbrück vorerst noch keine Genehmigung erteilt. Für diesen Produktionsschritt soll es am Donnerstag (16.07.) zunächst nochmals eine Begehungen der Behörden geben. Gutachter sollen sich beispielsweise Trennelemente aus Plexiglasscheiben anschauen. Am Freitag (17.07.) soll der Bereich nach Angaben der Stadt zunächst in einem Probebetrieb wieder aufgenommen werden.

Der Corona-Fleischskandal bei Tönnies hat gezeigt: Die Produktion von Billigfleisch schadet Mensch und Tier. Einem Münchner Metzger platzte nun bei einer Preis-Beschwerde der Kragen.

Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück würden normalerweise pro Tag je nach Marktlage zwischen 20.000 und 25.000 Schweine geschlachtet. 30.000 sind von den Behörden genehmigt. Durch den Produktionsstopp in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb hatte sich ein Stau bei den Schweinemästern gebildet. Sie wurden ihre Tiere nicht los und in den Ställen wurde der Platz eng. Die Vertrags-Lieferanten, rund 20 Prozent, konnten auf andere Tönnies-Standorte im Emsland (Sögel), Schleswig-Holstein (Kellinghusen) und Sachsen-Anhalt (Weißenfels) ausweichen. Die anderen Mäster mussten sich auf dem freien Markt neue Schlachthöfe suchen.

Tönnies darf in Rheda-Wiederbrück wieder schlachten.

Bündnis besetzt Tönnies-Schlachthof und fordert dauerhafte Schließung

Update vom Samstag, 04.07.2020, 8:45 Uhr: Aktivistinnen und Aktivisten des Bündnisses „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ haben den Hauptstandort des Fleischkonzerns Tönnies in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) besetzt. Insgesamt 30 Personen sollen nach Angaben des Bündnisses an der Aktion beteiligt gewesen sein.

Ein Teil der Mitglieder habe das Dach des Schlachthofs erklommen, teilte das Bündnis mit. Andere hätten die Hauptzufahrtsstraße blockiert. Die Polizei bestätigte die Vorkomnisse. Bislang verlaufe aber „alles friedlich“. Um 11:30 Uhr ist eine Kundgebung vor den Toren der Fleischfabrik geplant.

Das Bündnis fordert eine dauerhafte Schließung des Schlachtbetriebs, der wegen eines Corona-Ausbruchs und der schlechten Arbeitsbedingungen in die Schlagzeilen geraten war. Der Betrieb Tönnies wurde vorübergehend geschlossen und ein erneuter Lockdown für die umliegenden Kreise Gütersloh und Warendorf angeordnet.

Sigmar Gabriel soll bei Clemens Tönnies 10.000 Euro im Monat verdient haben

Update vom Mittwoch, 02.07.2020, 09:48 Uhr: Einst hatte Sigmar Gabriel die Ausbeutung in der deutschen Fleischindustrie noch als „Schande für Deutschland“ bezeichnet. Das war einmal. Wie jetzt bekannt wurde, war Gabriel nämlich bei Deutschlands größtem Fleischproduzenten Tönnies als Berater angestellt. Das belegen Recherchen des ARD-Magazins Panorama. Demnach arbeitete der ehemalige Politiker mindestens von März 2020 bis Ende Mai 2020 bei Tönnies. Die Beratungstätigkeit war eigentlich auf zwei Jahre befristet. „Diese Tätigkeit musste ich aufgrund einer schwierigen Erkrankung und einer dadurch für mich notwendig gewordenen komplizierten Operation zum 31. Mai 2020 beenden. 

Für mich war zum damaligen Zeitpunkt nicht klar, ob und gegebenenfalls wann ich meine beruflichen Tätigkeiten wieder aufnehmen kann“. sagte Sigmar Gabriel. Zu seinem Verdienst wollte der ehemalige Politiker hingegen keine Stellung nehmen. Seine privatwirtschaftliche Tätigkeit unterliege keiner Veröffentlichungspflicht. Er selbst arbeite nicht mehr für Tönnies. Laut Panorma bekam Gabriel für seine Tätigkeit ein Pauschalhonorar von 10.000 Euro im Monat und ein vierstelliges Honorar pro Reisetag. 

Update vom Freitag, 26.06.2020, 13.55 Uhr: Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies beendet Bundesliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld die Zusammenarbeit mit dem Schlachtbetrieb. Das geht aus einem Bericht der „Neuen Westfälischen“-Zeitung hervor.

Corona-Krise bei Tönnies: Bielefeld zitiert „aktuelle Ereignisse“

Auf Anfrage teilte der Verein mit: „Der Werbevertrag mit dem Unternehmen Tönnies wird zum Ende dieser Spielzeit auslaufen. Aufgrund der aktuellen Ereignisse wird der DSC Arminia Bielefeld die werbliche Partnerschaft mit dem Unternehmen Tönnies nicht fortsetzen.“

Gütersloh: Das Verhältnis zwischen Kreis und Firma Tönnies ist nach dem Corona-Ausbruch zerrüttet.

Update vom Freitag, 26.06.2020: Nach dem großen Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies lässt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) die Haftbarkeit des Unternehmens prüfen. Zur Frage, ob das Unternehmen haftbar zu machen sei, sagte Laschet: „Es wird derzeit sehr genau geprüft, ob und gegen welche Regeln das Unternehmen verstoßen hat und wo es in Haftung genommen werden kann.“ Laschet betonte, er sehe Tönnies in der Verantwortung.

Der Ministerpräsident verteidigte seine Regierung gegen die Kritik, zu spät gegen die Arbeitsweise der Fleischfirma* vorgegangen zu sein. „Die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen waren bekannt“, sagte Laschet. „Rot-Grün hat die Werkverträge eingeführt, die zum Problem geworden sind. Unser Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat sich hier als einziger mit wirklichem Nachdruck für eine Änderung eingesetzt.“ Für eine gesetzliche Änderung habe es jedoch keine Mehrheit gegeben, sagte Laschet. „Das muss man nüchtern einräumen.“

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Möglicherweise nicht alle Mitarbeiter getestet

+++ 11.50 Uhr: Von 2000 aktuell durchgeführten Corona-Tests im Kreis Gütersloh ist nur einer positiv ausgefallen. Das sagte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Donnerstag in einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses.

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums bestätigte auf Nachfrage, dass es sich bei den 2000 Getesteten um Menschen aus der Allgemeinbevölkerung handele. 

Laumann hatte im Ausschuss mit Blick auf die zurzeit laufenden freiwilligen Massentestungen gesagt, dass man danach wohl beurteilen könne, ob die Corona-Infektionen bei Tönnies-Mitarbeitern auf andere Bereiche der Gesellschaft übergesprungen seien. Mit Ergebnissen rechne er am Sonntag.

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Möglicherweise nicht alle Mitarbeiter getestet

+++ 9.05 Uhr: Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kann nach eigenen Angaben nicht ausschließen, dass manche Tönnies-Mitarbeiter nicht auf Corona getestet worden sind. Es könne sein, dass „uns 20, 30 durch die Lappen gegangen sind“, sagte Laumann am Donnerstag in einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses. Er verteidigte aber das Vorgehen der Behörden: Es sei „sorgfältig durch die öffentliche Hand getestet“ worden. Laumanns Staatssekretär Edmund Heller verdeutlichte in der Sitzung, dass eine komplette Erfassung der Menschen auf dem Tönnies-Gelände rückwirkend zunächst kaum möglich gewesen sei.

Update vom Donnerstag, 25.06.2020, 09.00 Uhr: Die ersten Welle von Infizierten im Kreis Gütersloh hat es nach Angaben des Gesundheitsministeriums Ende Mai im Zusammenhang mit einer „kirchlichen Veranstaltung“ gegeben. Das sagte Staatssekretär Edmund Heller am Donnerstagmorgen (25.06.2020) in einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses im Landtag.

Nach Recherchen des Portals „t-online.de“ handelte es sich um einen Gottesdienst, der am 17. Mai stattfand. Bei diesem Gottesdienst seien auch Arbeiter eines Tönnies-Konkurrenten dabei gewesen.

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Experte hat Belüftungsanlagen im Verdacht

+++ 17.05 Uhr:  Auch Belüftungsanlagen könnten zu den massenhaften Corona-Infektionen in einer Fleischfabrik der Firma Tönnies beigetragen haben. Diese Auffassung hat der Hygienewissenschaftler Martin Exner bei einer Pressekonferenz in Gütersloh vertreten. Belüftungsanlagen sind unter anderem in der Lebensmittelindustrie weit verbreitet. Bislang sei nicht bekannt gewesen, dass solche Belüftungsanlagen Aerosole in Bewegung halten können. Damit seien sie „ein weiterer, bislang übersehener Risikofaktor“.

Exner, der Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit an der Universität Bonn ist, hatte im Auftrag des Kreisgesundheitsamts das betroffene Werk von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück besucht und gab anschließend eine vorläufige hygienemedizinische Risikoeinschätzung ab. Exner betonte, neben der Einhaltung bekannter Corona-Schutzvorkehrungen wie Abstand halten, Mundschutz und Mitarbeiterschulungen könnten womöglich künftig Belüftungssysteme mit Hochleistungsfiltration oder der Einsatz von UV-Licht die Corona-Infektionsgefahr mindern. In der nächsten Zeit werde es darum gehen, „das weiter zu verfolgen“.

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Unruhe bei Südtiroler Speckherstellern

+++ 10.40 Uhr: Der Corona-Ausbruch beim deutschen Fleischhersteller Tönnies sorgt auch bei Südtiroler Speckherstellern für Unruhe. Speck und Wurst aus der norditalienischen Provinz könnten unter Umständen knapp werden, sagte Matthias Messner, Direktor des Speckkonsortiums, dem Nachrichtenportal Stol.it (Mittwoch). „Die Situation ist aktuell angespannt und ein Engpass kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.“ 

Bis Ende Mai stammten knapp sechs Prozent der Fleischmenge für Südtiroler Betriebe von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen. Es handele sich um rund 175 790 Schweineschlegel aus Deutschland, sagte Messner. Derzeit gebe es aber keine Lieferungen mehr aus Rheda-Wiedenbrück. 

Corona-Ausbruch in Gütersloh: Laschet warnt vor Benachteiligung von Urlaubern 

Update vom Mittwoch, 24.06.2020, 05.10 Uhr: Vor Beginn der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen hat Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) davor gewarnt, Urlauber aus dem Kreis Gütersloh zu benachteiligen. „Die Botschaft an alle, die jetzt auf Gütersloh schauen: Es sind außerhalb der Beschäftigten in der Fleischindustrie so gut wie keine Fälle bisher bekannt“, sagte der CDU-Politiker am Dienstagabend in den ARD „tagesthemen“ mit Blick auf andere Bundesländer. „Ich warne nur davor, jetzt die Bewohner dieses Kreises zu stigmatisieren.“

Am Dienstag zeichnete sich ab, dass der Ausbruch in Nordrhein-Westfalen Auswirkungen auf die Urlaubsplanung vieler Menschen haben dürfte. Auf Usedom wurden am Montag 14 Menschen aus Corona-Hotspots aufgefordert, vorzeitig abzureisen. Auch in Bayern und Schleswig-Holstein gelten künftig Beschränkungen für Reisende aus Corona-Hotspots. Zumindest in Bayern ist eine Einreise mit einem negativen Testergebnis laut Laschet weiter möglich. „Wir tun alles, dass sie dieses Attest bekommen.“

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Mehrere Kreise betroffen

+++ 16:15 Uhr: Der Corona-Ausbruch bei der Tönnies-Fleischfabrik in Gütersloh wirkt sich nun auch auf weitere Kreise aus. Die Behörden haben mitgeteilt, dass die Einschränkungen zur Eindämmung der Infektion nun auch im benachbarten Kreis Warendorf gelten.

Corona in Tönnies-Fabrik in Gütersloh: Laschet spricht vom „Lockdown“

+++ 14:45 Uhr: Laut Armin Laschet handelt es sich bei dem Corona-Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies um „das größte einzelne Infektionsgeschehen in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland“. Es berge deshalb „ein enormes Pandemie-Risiko“.

Der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen hat deshalb auf einer Pressekonferenz weitere Corona-Maßnahmen für den Kreis Gütersloh angekündigt. 

Laschet verwendete dabei den Begriff „Lockdown“ für die Einschränkungen. Ein Lockdown beschreibt aber eigentlich eine vollständige Massen-Quarantäne, wie es sie während der Corona-Pandemie in Spanien und Teilen von Italien gegeben hatte - zu keinem Zeitpunkt aber in Nordrhein-Westfalen.

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Laschet schickt die Polizei

+++ 11.50 Uhr: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) will die Quarantäne Tausender Menschen mit Polizeiunterstützung durchsetzen. Die Polizei wird die mobilen Teams „auch in schwierigen Situationen begleiten“, sagte Laschet am Dienstag in Düsseldorf. Zur Not würden die Behörden die Quarantäne-Maßnahmen auch mit Zwang durchsetzen. Dolmetscher für Polnisch, Rumänisch und Bulgarisch seien auch dabei.

Coronavirus: Armin Laschet verkündet weitere Maßnahmen auf einer außerordentlichen Pressekonferenz.

+++ 10.50 Uhr: Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies verbieten die Behörden im Kreis Gütersloh unter anderem wieder Sport in geschlossenen Räumen und zahlreiche Kulturveranstaltungen. Fitnessstudios würden im Kreisgebiet ebenso geschlossen wie Kinos und Bars, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Dienstag in Düsseldorf.

Corona-Beschränkungen im Kreis Gütersloh wegen Ausbruch bei Tönnies

Update vom Dienstag, 23.06.2020, 9.40 Uhr: Nach dem massenhaften Corona-Ausbruch beim  Fleischkonzern Tönnies sollen am Dienstag weitere Einschränkungen für die Menschen im Kreis Gütersloh verkündet werden. Es werde zu „weiteren einschränkenden präventiven Maßnahmen“ kommen, sagte der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) am Dienstag im ARD-„Morgenmagazin“. „Das werden wir jetzt maßvoll und sinnvoll machen.“

+++ 20.02 Uhr: Ein Lockdown im Kreis Gütersloh wird nach dem massiven Corona-Ausbruch bei der Firma Tönnies in Rheda-Wiedenbrück immer wahrscheinlicher. Am Montagabend sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) im Sender „ntv“ auf die Frage, ob ein Lockdown kommt: „Es geht in die Richtung.“ Zunächst müsse aber ein Krisenstab darüber beraten. 

Corona: Zahl der infizierten Tönnies-Mitarbeiter steigt weiter

+++ 19.27 Uhr: Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies im Werk Rheda-Wiedenbrück ist die Zahl der nachweislich Infizierten weiter gestiegen. Es gebe 1553 positive Befunde von den Personen, die unmittelbar im Tönnies-Werk tätig sind. Das sagte der Leiter des Krisenstabes im Kreis Gütersloh, Thomas Kuhlbusch, am Montagabend (22.06.2020) bei einer Pressekonferenz in Gütersloh. Insgesamt seien 6650 Proben genommen worden. Zuvor hatten die Behörden von 1331 bestätigen Corona-Fällen (Stand Sonntag, 21.06.2020) in der Tönnies-Belegschaft berichtet.

Corona bei Tönnies: Lockdown in Region ist möglich

+++ 19.10 Uhr: Nach dem massenhaften Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh hält jetzt auch Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) einen Lockdown in der Region für vorstellbar. „Ich würde sagen ja“, sagte Adenauer am Montagabend (22.06.2020) auf die Frage, ob es nach einem Lockdown „rieche“. 

Die mobilen Teams, die in den Wohnungen und den Unterkünften unterwegs seien und auch Familienangehörige ansprächen, stießen jetzt in ein gewisses Dunkelfeld. „Insofern ist das für mich schon eine neue Situation“, sagte Adenauer. Die mobilen Teams hätten einige positive Corona-Fälle bei ihrem Einsatz gefunden. Eine Zahl wollte der Landrat des Kreises Gütersloh aber zunächst noch nicht nennen. Es solle zuerst ausgeschlossen werden, dass es doppelte Zählungen gebe.

Corona bei Tönnies: 7-Tages-Inzidenz steigt im Kreis Gütersloh drastisch

+++ 15.29 Uhr: Im Kreis Gütersloh in Nordrhein-Westfalen ist nach dem massiven Corona-Ausbruch beim Tönnies-Fleischwerk in Rheda-Wiedenbrück eine Kennziffer bei der Pandemie-Bekämpfung stark nach oben gegangen. Die sogenannte 7-Tages-Inzidenz zu den Corona-Neuinfektionen ist dort auf den Wert von 263,7 gestiegen. 

Der Wert zeigt an, wieviele Neuinfektionen in den vergangenen 7 Tagen pro 100.000 Einwohner gemeldet wurden. Auch im benachbarten Kreis Warendorf geht der Wert nach oben. Dort liegt er nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landeszentrum Gesundheit bei 41,8 (Stand 22.06.2020, 0 Uhr).

Bei der Marke von 50 sollten für eine betroffene Region wieder stärkere Corona-Einschränkungen in Betracht gezogen werden. Bund und Länder haben allerdings auch vereinbart, dass diese Zahl keine Rolle spielt, wenn es sich um einen lokal eingrenzbaren Infektionsherd handelt. So wird auch der Ausbruch bei Tönnies bisher von der Landesregierung eingestuft. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schließt jedoch einen Lockdown in der Region nicht aus. Nach 1331 bestätigen Corona-Fällen (Stand Sonntag) bei Tönnies wurden die Mitarbeiter unter Quarantäne gestellt. Im Kreis Gütersloh sind vorsichtshalber die Kitas und Schulen bis zu den Sommerferien geschlossen worden.

Corona bei Tönnies: Konzern soll für Schäden haften

+++ 07.15 Uhr: Der Fleischkonzern Tönnies wird nach Ansicht von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) für durch den Coronavirus-Ausbruch im nordrhein-westfälischen Kreis Güterslohn entstandene Schäden haften müssen. „Es muss eine zivilrechtliche Haftung des Unternehmens geben“, sagte Heil am Sonntagabend. Der Konzern habe mit Verstößen gegen die Corona-Regeln „eine ganze Region in Geiselhaft genommen“.

Konzernchef Clemens Tönnies hatte sich am Samstag öffentlich für den Ausbruch des Erregers unter Mitarbeitern des Schlachtereibetriebs im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück entschuldigt. Sein Konzern stehe in „voller Verantwortung“, sagte er.

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Laschet schließt Lockdown nicht aus

Update vom Montag, 22.06.2020, 05.10 Uhr: In dem vom massenhaften Corona-Ausbruch in Deutschlands größter Fleischfabrik besonders betroffenen Landkreis Gütersloh gehen die Tests am heutigen Montag weiter. Erneut sollen mobile Teams in den Städten und Gemeinden Abstriche bei Haushaltsangehörigen von Tönnies-Mitarbeitern machen und ihnen Unterstützung anbieten. Nachdem am Sonntag 32 solcher Teams im Einsatz waren, soll deren Zahl am Montag aufgestockt werden, sagte eine Sprecherin des Kreises.

Ministerpräsident Armin Laschet unterstrich im „Heute Journal“ des ZDF am Sonntagabend erneut, dass er einen regionalen Lockdown nicht ausschließen könne - darunter versteht man das massive Herunterfahren des öffentlichen Lebens. „Wir haben die Schulen und Kitas geschlossen, das ist der erste Teil eines Lockdowns. Und wir werden weitere Schritte in diesen Tagen prüfen.“ Er führte aus: „Ich könnte mir vorstellen, dass wir Kontaktbeschränkungen ebenfalls wieder erlassen, so wie sie im Lockdown gegolten haben.“ Bislang haben die Behörden auf einen Lockdown im Kreis Gütersloh verzichtet.

1.331 Infizierte in Tönnies-Fleischfabrik

+++ 17.19 Uhr: Mittlerweile ist die Zahl der Corona-Infizierten in der Tönnies-Fleischfabrik auf 1331 Fälle angestiegen. Das teilte der Kreis Gütersloh mit. In den vier Krankenhäusern im Landkreis werden derzeit 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt. Davon liegen sechs Personen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden. Fünf der sechs sind nach Angaben des Kreises Tönnies-Beschäftigte.

Laut dem Kreis Gütersloh sind die Tests auf dem Gelände der Firma abgeschlossen. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Mitarbeiter vor der am Freitag verhängten Quarantäne abgereist sein könnten. „Wir haben vermehrte Mobilität wahrgenommen“, sagte eine Kreissprecherin. 

Das sei dem Kreis von Bürgern zugetragen worden. „Eine Handhabe, das zu unterbinden, hatten wir zu der Zeit nicht.“ Der Kreis hatte die Quarantäne am Freitag angeordnet. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) forderte die Arbeiter derweil dazu auf, vorerst nicht in die Heimat zu reisen. Falls eine Infektion vorliegen sollte, bekämen sie in Deutschland die „bestmögliche medizinische Behandlung“. 

Corona-Ausbruch bei Schlachtbetrieb: Grünen-Fraktionschef fordert Tönnies-Boykott

Update vom Sonntag, 21.06.2020, 11.22 Uhr: Der Corona-Ausbruch im größten Schlachtbereieb von Fleischkonzern Tönnies im Kreis Gütersloh wird zunehmend zu einem Politikum. So hat der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter gefordert, dass große Supermarktketten Tönnies-Produkte boykottieren und aus dem Sortiment nehmen sollten. Das berichtete die Bild am Sonntag. Gegenüber der Zeitung wetterte Hofreiter außerdem: „Das Gebaren der Fleischbarone, die nur auf Profit setzen, und meinen, sich an keine Regeln halten zu müssen, ist ein Skandal.“

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet berät am heutigen Sonntag (21.06.2020) mit dem Krisenstab in Gütersloh zur Lage nach dem Corona-Ausbruch im größten Schlachtbetrieb des Unternehmers Tönnies. Auch Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ist vor Ort. Am Nachmittag ist geplant, dass sich Laschet und Laumann vor der Presse äußern. Vor einigen Tagen hatte Laschet einen Lockdown der Region zur Sprache gebracht. Sven-Georg Adenauer, der Landrat des Kreises Gütersloh, will einen Lockdown jedoch verhindern.

Corona-Ausbruch bei Schlachtbetrieb: Clemens Tönnies gibt Versprechen ab

+++ 20.45 Uhr: Miteigentümer Clemens Tönnies hat die Vorwürfe des Landkreises Gütersloh zurückgewiesen, bei der Beschaffung der Wohnadressen von Mitarbeitern unkooperativ gewesen zu sein.

„Wir haben datenschutzrechtliche Probleme“, sagte der Unternehmer am Samstag (20.06.2020) bei einer Pressekonferenz in Rheda-Wiedenbrück. Laut Werkvertragsrecht dürfe das Unternehmen die Adressen der betreffenden Arbeiter nicht speichern. Co-Konzernchef Andres Ruff fügte hinzu: „Wir haben alle Daten, die wir hatten, sofort an die Behörden weiter gegeben.“

Clemens Tönnies wolle nun alles tun, um den Ausbruch einzudämmen. „Ich stehe in der Verantwortung“, so der 64-Jährige weiter. „So werden wir nicht weitermachen. Wir werden diese Branche verändern.“ 

Massenhafter Corona-Ausbruch bei Tönnies: Vertrauen in das Unternehmen ist erschüttert

+++ 19.06 Uhr: Der Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück bleibt nach dem Coronavirus-Ausbruch für 14 Tage geschlossen. Das habe der Kreis verfügt, wie der Leiter des Krisenstabes, Thomas Kuhlbusch, am Samstag (20.06.2020) mitteilte.

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Verhältnis zerrütet

+++ 18.18 Uhr: Das Verhältnis zwischen dem Kreis Gütersloh und dem Fleischkonzern Tönnies ist nach dem Corona-Ausbruch offenkundig zerrüttet. „Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich Null. Das muss ich so deutlich sagen“, sagte der Leiter des Krisenstabes, Thomas Kuhlbusch, am Samstag (20.06.2020).

Der Fachbereichsleiter Gesundheit beim Kreis berichtete, dass Clemens Tönnies bis Freitag Listen der Beschäftigten geliefert habe, in denen bei 30 Prozent die Adressen gefehlt hätten. Bei Anfragen habe die Firma immer zögerlich reagiert. „Wir mussten schließlich selbst spätabends in der Firma einrücken und uns die Adressen holen“, sagte Kuhlbusch.

Corona-Ausbruch beim Schlachtkonzern: Clemens Tönnies in Quarantäne

+++ 15.39 Uhr: Nach dem massenhaften Corona-Ausbruch beim Schlachtkonzern Tönnies steigt die Zahl der Infizierten stetig an. Mittlerweile wurden 1029 Mitarbeiter positiv getestet. Dies teilte der Landrat des Kreises Gütersloh am Samstag (20.06.2020) mit. Insgesamt 3127 Befunde lägen vor. Clemens Tönnies befindet sich derweil, wie alle anderen Beschäftigten auch, in Quarantäne.

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Protestaktion gegen den Konzern

+++ 13.55 Uhr: Rund 200 Menschen haben sich am Samstagmittag vor dem Werk des Schlachtereibetriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbrück getroffen, um gegen den Konzern zu protestieren. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr den Menschen die Rechte klaut“, hieß es im Chor. Zahlreiche Menschen hielten Plakate hoch, auf denen etwa stand: „Stoppt das System Tönnies“ und „Tiere sind keine Ware“. Einige Protestierende hatten sich mit Kunstblut bemalt. 

Ein Sprecher der Polizei vor Ort sagte am frühen Nachmittag, die angemeldete Demonstration verlaufe bislang friedlich. Organisiert wurde der Protest von mehreren Umwelt- und Tierschutzorganisationen, unter anderem Fridays for Future. „Wir verstehen uns als Gerechtigkeitsbewegung“, so Stefan Schneidt von Fridays For Future Gütersloh. Tönnies verstoße klar gegen Arbeitsrecht und Tierwohl.

Karl Lauterbach: Tönnies-Fleischfabrik schließen

Unterdessen hat der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach gefordert, die Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück sofort zu schließen. Er halte es für „nicht vertretbar“, dass überhaupt noch in dem Werk gearbeitet werde, sagte Lauterbach im WDR-Fernsehen. 

Die Quelle der Infektionen sei noch nicht entdeckt. „Wir wissen nicht, ist das in der Kantine passiert, auf dem Weg dorthin, in der Verarbeitung selbst, ist es die Lüftung? Das heißt, da könnten sich jetzt auch weiterhin Leute infizieren. Ich würde unter diesen Umständen den Betrieb dicht machen.“ Er wisse, dass das Fleisch dann nicht mehr zu verarbeiten sei. „Dann ist das so.“

Corona-Ausbruch in Tönnies-Flesichfabrik: Politiker fordern Konsequenzen

Update vom Samstag, 20.06.2020, 08.35 Uhr: Nach dem massiven Corona-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies hat Anton Hofreiter die „skandalösen“ Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche kritisiert. Die Wohnsituation der Mitarbeiter sei „unverantwortlich“, das System „kann so nicht weitergehen“, sagte der Grünen-Politiker der „Passauer Neuen Presse“. 

„Neben den allgemeinen Arbeitsschutzstandards müssen sie die klimatischen Bedingungen in den Schlachthöfen verbessern“, sagte Hofreiter. Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssten optimiert, der Luftaustausch verbessert werden. „Nur wenn die Schlachthöfe diese Bedingungen nachweisen, sollten sie wieder in Betrieb genommen werden können.“ Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen müsse endlich aufräumen und dürfe die Verantwortung für den jüngsten Corona-Ausbruch nicht den Mitarbeitern geben.

Nach Corona-Ausbruch bei Tönnies: Hubertus Heil fordert schnelle Schritte zum Schutz der Arbeiter

Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) forderte schnellere Schritte zum Schutz der Fleischarbeiter. „Wir wollen die Kontrollen weiter verschärfen, noch bevor das neue Gesetz zur Arbeitssicherheit in der Fleischindustrie da ist“, sagte Heil dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er wolle mit dem „Verbot von Werkverträgen im Kernbereich der Fleischindustrie auf jeden Fall ernst“ machen. 

„Wir arbeiten mit mehreren Ministerien daran, das Verbot rechtssicher zu machen“, sagte der SPD-Politiker. Er sei auch in „sehr produktiven Gesprächen mit den Ländern“. Im Sommer solle der Gesetzentwurf vorliegen. Spätestens im kommenden Jahr sei „mit dem Missbrauch von Werkverträgen in der Fleischindustrie endgültig Schluss“, versprach der Minister.

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Zahl der Infizierten steigt stark an

+++ 20.51 Uhr: Nach dem Corona-Massenausbruch beim Schlachtkonzern Tönnies in Nordrhein-Westfalen müssen alle Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück in Quarantäne. Das betreffe auch die Verwaltung, das Management und die Konzernspitze, teilte der Kreis Gütersloh am Freitagabend (19.06.2020) mit. Auch sämtliche „Haushaltsangehörige“ der Beschäftigten seien unter Quarantäne.

Einige Mitarbeiter können demnach in sogenannte Arbeitsquarantäne. Das heißt, dass sie sich nur zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen. Das gilt auch für Clemens Tönnies, Gesellschafter von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies, wie ein Konzernsprecher der Deutschen-Presse Agentur sagte.

+++ 19.18 Uhr: Im Zuge des Corona-Ausbruchs beim Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen sind inzwischen 803 Infektionen mit dem Virus Sars-CoV-2 registriert. Das teilte der Kreis Gütersloh am Freitagabend (19.06.2020) mit. Am Vorabend hatte die Zahl bei 730 gelegen. Negativ fielen den Angaben zufolge bisher 463 Testergebnisse aus.

Corona-Massenausbruch beim Schlachter Tönnies: Staatsanwaltschaft ermittelt

+++ 14.46 Uhr: Nach dem massenhaften Corona-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies in Nordrhein-Westfalen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Dies berichtet die regionale Tageszeitung „Westfalen-Blatt“. Demnach habe die Behörde ein Verfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz eingeleitet – vorerst gegen Unbekannt.

Oberstaatsanwalt Martin Temmen sagte dem Blatt, dass fünf Anzeigen vorlägen, darunter eine Strafanzeige einer Grünen-Politikerin aus Bielefeld. Weitere Auskünfte gab Temmen der Zeitung nicht.

Corona-Skandal bei Tönnies: Video zeigt Zustände in der Kantine

+++ 11.50 Uhr: Nach Hunderten von Corona-Fällen im Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ist ein Video aus der Kantine mit mutmaßlichen Verstößen gegen Corona-Präventionsregeln aufgetaucht. „Das im Netz kursierende Video ist uns im Unternehmen seit dem 28. März 2020 bekannt“, sagte ein Tönnies-Sprecher am Freitag. Am Donnerstagabend hatte das Unternehmen dem SWR zunächst bestätigt, dass das Video aus dem April stamme.

Der Sprecher stellte am Freitagmorgen klar, dass es in der Krisenkommunikation eine Panne gegeben habe. Eine Bestätigung, dass das Video von April stamme, sei falsch gewesen. Das Video müsse im März gedreht worden sei, da es seit dem Monatsende bei Tönnies bekannt sei.

Laut Tönnies hatten sich die Arbeiter damals in der Kantine nur mit Kollegen aufgehalten, mit denen sie auch in einer Abteilung zusammen gearbeitet hatten. Dieses Verhalten, das sogenannte Clustern, sei mit dem Arbeitsschutz abgestimmt gewesen.

Fall Tönnies: „Nicht mehr alle Tassen im Schrank“

Update vom Freitag, 19.06.2020, 10.00 Uhr: Mit deutlichen Worten hat sich Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) hinter Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) gestellt: „Wer ausgerechnet Armin Laschet Ressentiments gegenüber Menschen aus anderen Ländern unterstellt, hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank“, twitterte Stamp am Freitagmorgen.

„Ein Problem der heutigen Zeit ist, dass wir uns in Politik und Medien geradezu zwanghaft missverstehen wollen“, schrieb Stamp. Er reagierte mit seinem Tweet auf die Debatte um eine Äußerung Laschets vom Mittwoch. Der Ministerpräsident hatte auf die Frage, was der Corona-Ausbruch beim Schlachtbetrieb Tönnies über die bisherigen Lockerungen aussage, geantwortet: „Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren.“

Laschet relativiert Tönnies-Aussage: Das „verbietet sich“

Update vom 18.06.2020, 18.55 Uhr: Verbände und Personen in Nordrhein-Westfalen haben den Düsseldorfer Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) zu einer Entschuldigung wegen einer Äußerung zum Corona-Ausbruch im Fleischkonzern Tönnies im Kreis Gütersloh aufgefordert. Der NRW-Ministerpräsident stellte derweil seine umstrittene Äußerung klar.

Laschet sagte der „Rheinischen Post“ vom Freitag zu seiner Äußerung, es gebe „eine Vielzahl von Risiken für die Verbreitung von Viren, dazu gehören auch die Bedingungen und die Form des Reiseverkehrs innerhalb Europas“. „Wir wollen ja aber gerade offene Grenzen und einen europäischen Arbeitsmarkt.“ Laschet betonte, er habe immer darauf hingewiesen, dass das Virus nicht an Grenzen halt mache.

„Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich“, sagte Laschet. Ihm sei wichtig klarzumachen, dass dies für ihn wie für die gesamte Landesregierung selbstverständlich sei. Lockerungen der Corona-Beschränkungen, die man in Nordrhein-Westfalen schrittweise beschlossen habe, seien nicht ursächlich für die örtlich aufgetretenen Neuinfektionen in dem Schlachtbetrieb.

Corona-Ausbruch in Tönnies-Flesichfabrik: Kreis Gütersloh macht dicht

Erstmeldung vom 18.06.2020, 9.58 Uhr: Nordrhein-Westfalen - Der Kreis Gütersloh macht dicht: Alle Schulen und Kitas bleiben wegen eines Corona-Ausbruches in der größten Fleischfabrik von Unternehmer Clemens Tönnies bis zu den Sommerferien geschlossen. Mehrere Hundert Neuinfektionen hatte der Kreis zu vermelden. Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender von FC Schalke 04, war erst kürzlich wegen rassistischer Äußerungen* aufgefallen. 

Der Ärger von Eltern und Lehrern ist groß. „Wir können uns für die Situation nur entschuldigen“, sagte ein Tönnies-Unternehmenssprecher auf einer Pressekonferenz am Mittwochnachmittag. Man werde alles dafür tun, um das Virus aus dem Betrieb herauszubekommen. Doch wie konnte es überhaupt zu dem Ausbruch kommen?

Unternehmer Clemens Tönnies: Schlechte Arbeitsbedingungen für Angestellte aus Osteuropa

Die Erklärung dafür ist simpel. Deutschlands größter Fleischproduzent hat viele Angestellte aus Osteuropa, die laut Recherchen mehrere Medien zu miserablen Bedingungen arbeiten müssen. Bereits im März prangerte ein Mitarbeiter in einem „MDR“-Bericht an, was im Fleisch-Imperium falsch läuft. „Sergej“, dessen Name von der MDR-Redaktion geändert wurde, hatte mehrere Monate bei den „Anhalter Fleischwaren“ in Zerbst gearbeitet. 

Der Mann kam aus der Republik Moldau nach Deutschland, um bei dem Unternehmen, das ebenfalls zu Clemens Tönnies Unternehmensgruppe zählt, zu arbeiten. „Du bist kein Mensch für sie. Für sie ist das wichtigste, dass du arbeitest und ihnen Geld bringst“, sagte Sergej damals.

Kalte Arbeitsräume in Fleischbetrieben könnten Verbreitung von Corona begünstigen

Sehr schwer seien die Kisten mit Wurst gewesen, die Arbeitsräume sehr kalt. Ein Umstand, der auch bei der Verbreitung von Corona eine Rolle spielen könnte. So sprach der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast darüber, weshalb die Kälte darauf einen Einfluss hat. „Ich stelle mir immer mehr die Frage, ob diese hohen Übertragungsaktivitäten in Schlachthöfen nicht etwas zeigen, das wir sonst im Winter weitläufig erleben - nämlich einen Temperatureffekt“. Worauf will Drosten damit hinaus? 

Fakt ist, dass zerlegte Rinder, Schweine und Geflügel nach der Schlachtung auf höchstens sieben beziehungsweise vier Grad heruntergekühlt werden müssen, damit sich keine Keime verbreiten. Im Unterschied zu Bakterien können Coronaviren allerdings bei niedrigen Temperaturen, ähnlich wie Grippeviren, außerhalb des Körpers länger überleben. „Unsere Betriebe sind nicht für die Pandemie gebaut“, sagte Gereon Schulze-Althoff, Leiter des Tönnies-Pandemie-Krisenstabs

Clemens Tönnies: Angestellte in Mehrbettzimmern untergebracht 

Jessica Reisner vom Verein „Aktion Arbeitsunrecht“ hat Clemens Tönnies bereits kritisiert. Weniger als 500 von 4000 Beschäftigten seien am Hauptstandort in Rheda-Wiedenbrück fest angestellt. „Tönnies übernimmt keine Verantwortung für seine Werkvertragsarbeiter“, sagte Reisner im Gespräch mit „Neues Deutschland“. Diese kämen unter anderem aus Südosteuropa und seien oft in maroden Häusern in Mehrbettzimmern untergebracht. Bei dem Ausbruch von Corona in einem solchen Zimmer ist die Isolierung von Erkrankten nahezu unmöglich. 

Clemens Tönnies: Corona-Maßnahmen laufen ins Leere

Quarantäne-Maßnahmen laufen dann ins Leere. Neben den Wohnbedingungen rügte Reisner außerdem, dass die Mitarbeiter zwar nach Mindestlohn bezahlt würden, wie das „Neue Deutschland“ berichtete, aber geleistete Überstunden nicht entlohnt würden. Mit ihrer Kritik ist sie nicht allein. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisiert unbezahlte Überstunden und fehlende Zuschläge für Sonntags- und Nachtarbeit in Clemens Tönnies Unternehmen.  Langfristig habe sich nichts daran verbessert. „Dann hat sich immer mal wieder was kurzfristig geändert, für ein paar Wochen“, erzählt sie. „Und dann ging es wieder von vorne los.“

Von Moritz Serif

Der Fleisch-Unternehmer war in diesem Jahr bereits aufgefallen. Anfang des Jahres geriet Clemens Tönnies wegen Rassismus-Vorwürfen* in die Kritik. 

Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen in unserem Deutschland-Ticker. Die Zahl der positiv auf das Coronavirus getesteten Mitarbeiter der Fleischfabrik Tönnies steigt weiter an.

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Rubriklistenbild: © David Inderlied

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