Prüfung auf Drängen der EU

„Geheimes“ Astrazeneca-Lager mit 29 Millionen Dosen in Italien entdeckt - Impfstoff-Hersteller reagiert

Astrazeneca steht immer wieder in der Kritik, zu wenig Impfstoff an die EU zu liefern. Nun haben Behörden ein geheimes Lager entdeckt. Das Unternehmen reagiert.

Update vom 25. März, 9.40 Uhr: Was läuft da tatsächlich bei Astrazeneca? Ist das alles nur ein Kommunikationsproblem? Nach dem 29-Millionen-Impfdosen-Fund in Italien steht der Pharmariese weiter in der Kritik. Das schwedisch-britische Unternehmen versuchte das gigantische Impfstoff-Lager zu erklären.

 „Der Impfstoff wurde außerhalb der EU hergestellt und in das Agnani-Werk gebracht, um in Fläschchen abgefüllt zu werden“, erklärte Astrazeneca am Mittwoch. Von den 29 Millionen Dosen Corona-Impfstoff sollen 13 Millionen Dosen an die Initiative Covax gehen, die Impfstoff in ärmere Länder bringt. 16 Millionen Dosen - solle in den nächsten Wochen an die EU geliefert werden.

Vorwürfe, wie Astrazeneca würde Impfstoff in Pandemie-Zeiten bunkern, wies das Unternehmen strikt zurück: „Es ist nicht korrekt, dies als einen Vorrat zu bezeichnen. Der Prozess der Herstellung von Impfstoffen ist sehr komplex und zeitaufwendig. Insbesondere müssen die Impfstoffdosen auf die Freigabe durch die Qualitätskontrolle warten, nachdem die Abfüllung der Fläschchen abgeschlossen ist.“

Was steckt hinter den Lieferproblemen bei Astrazeneca

Seit Monaten gibt es Spannungen zwischen Brüssel und dem Impfstoff-Hersteller. Aber auch mit London. Der Lieferrückstand und ständige Ausflüchte vergiften die Beziehung. Astrazeneca wird nachgesagt nach Großbritannien zu liefern.

Dabei geht es aber auch immer wieder um die Fabrik Halix im niederländischen Leiden. Diese produziert nach Angaben der EU-Kommission seit geraumer Zeit. Sie hat aber bisher keine EU-Zulassung - nach Darstellung aus EU-Kreisen, weil das Unternehmen den Antrag nicht vorantrieb.

Die für die Zulassung der Anlage zuständige EU-Arzneimittelbehörde EMA wollte sich diese Woche auf dpa-Anfrage über Details des Verfahrens nicht äußern. In jedem Fall wird schon länger gerätselt, wie viel und für wen Halix produziert. Großbritannien hofft dem Vernehmen nach, den Großteil des dort hergestellten Impfstoffs zu bekommen. Die britische Regierung stellte jedoch klar, dass man keine Exporte aus dem Kontingent in Anagni erwarte. Astrazeneca betonte: „Es sind derzeit keine Exporte außer in Covax-Länder geplant.“

Fest steht im August 2020 haben Astrazeneca und die EU einen Vertrag über bis zu 400 Millionen Impfdosen geschlossen haben. Im ersten Quartal wollte Astrazeneca nach Brüsseler Angaben ursprünglich 120 Millionen Impfdosen an die EU liefern - und kürzte dies dann einseitig auf 30 Millionen.

„Aber sie sind Stand heute noch nicht einmal in der Nähe dieser Zahl“, sagte EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis am Mittwoch, wie die dpa berichtet. Im zweiten Quartal stellt Astrazeneca nun offiziell 70 Millionen Dosen in Aussicht - statt der vereinbarten 180 Millionen. 

In Seneffe (Belgien) und Leiden (Niederlande) wird Impfstoff von Astrazeneca produziert. Anagni in Italien und das deutsche Dessau sind die Standorte, an denen die Dosen abgefüllt und für den Verkauf fertig gemacht werden. Die Fabrik Halix produziert zwar Corona-Impfstoff. Bis heute wurde keine einzige Dosis an die EU geliefert.

Astrazeneca-Impfstoff in Italien gebunkert - Pharmariese reagiert

Update vom 24. März, 17.29 Uhr: Nach Berichten über das Auffinden von rund 29 Millionen Dosen Astrazeneca-Impfstoff in Italien hat das Pharmaunternehmen reagiert. Eine Sprecherin des Unternehmens widersprach dem Vorwurf, man lagere die Dosen auf Vorrat. Vielmehr handele es sich um mehrere Kontingente des Corona-Impfstoffs, die noch durch die Qualitätskontrolle gehen müssen.

Bei einer entsprechenden Freigabe sollen demnach 13 Millionen der Impfdosen im Rahmen des Covax-Programms an ärmere Länder gehen. Die übrigen 16 Millionen Dosen wären für die Auslieferung an Europa gedacht, die überwiegende Mehrheit davon schon im März. Darüber hinaus wären aktuell keine Lieferungen an andere Länder in Planung.

Astrazeneca-Impfstoff: Behörde finden 29 Millionen Dosen Impfstoff - Hersteller hielt sie geheim

Erstmeldung vom 24. März, 15.03 Uhr: Anagni - Astrazeneca* sorgte in den letzten Wochen immer wieder für Wirbel. Impfstopp wegen unklarer Zusammenhänge mit Thrombosen, fehlende Lieferungen an die EU. Nun haben Berichten zufolge italienische Behörden Millionen Dosen Impfstoff des Herstellers in einem Werk in Anagni entdeckt. Der Fund verwirrt.

29 Millionen Dosen Impfstoff lagerten in Italien: Auf Drängen der EU-Kommission fand im Abfüllwerk von Astrazeneca in Agnani eine Untersuchung statt. Offenbar zurecht, denn die Behörden fanden zahlreiche Chargen Impfstoff*, die das Unternehmen bislang geheim gehalten hatte. Sie wurden laut Informationen der dpa in der niederländischen Fabrik Halix in Leiden hergestellt. Abgefüllt wurde das Vakzin anschließend in der italienischen Abfüllfirma Catalent in Anagni, in der nun die 29 Millionen Dosen gefunden wurden. Laut Berichten der italienischen Zeitung La Stampa sollten sie nach Großbritannien ausgeliefert werden. Die EU bestätigte diese Angaben gegenüber der dpa.

Das Brisante daran: Astrazeneca steht mit den Lieferungen an die EU im Verzug. Bislang lieferte der Hersteller lediglich 16,6 Millionen Dosen des Corona*-Impfstoffs an die EU. Bis zur Jahresmitte sollen es ebenfalls nur 100 Millionen werden. 220 Millionen waren ursprünglich angedacht.

Astrazeneca-Impfstoff: Ursula von der Leyen wird deutlich - „Das ist die Botschaft an Astrazeneca“

Der Fund könnte die Fronten zwischen der EU und Astrazeneca weiter verhärten. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wurde bereits in der letzten Woche deutlich: „Wir haben die Möglichkeit, einen geplanten Export zu verbieten. Das ist die Botschaft an Astrazeneca: Du erfüllst erst deinen Vertrag gegenüber Europa, bevor du beginnst, in andere Länder zu liefern“, sagte sie gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Um Impfstoff zudem in der EU zu halten, sollen die EU-Exportkontrollen für Corona*-Impfstoffe erheblich verschärft werden. Damit könnten Ausfuhren aus der EU künftig häufiger gestoppt werden. Zwei Maßnahmen beschloss die EU-Kommission dazu jüngst. Der Kontrollmechanismus, der bereits Anfang Februar eingeführt wurde, soll keine Ausnahmen mehr für Partner- und Entwicklungsländer enthalten. Damit müssen alle geplanten Ausfuhren gemeldet und genehmigt werden.

Zudem dürfen Stopps nicht mehr nur nach unerfüllten Verträgen erfolgen. Ein zusätzlicher Maßstab von „Gegenseitigkeit und Verhältnismäßigkeit“ solle gewahrt werden. Es gehe zunächst darum, einen noch genaueren Überblick über die Ausfuhren zu bekommen und dafür zu sorgen, dass die Europäische Union fair beliefert werde, sagte ein EU-Vertreter. (chd mit dpa) *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Soeren Stache/dpa

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