Nach NPD-Protesten in Tröglitz

Entsetzen über Brandanschlag auf Flüchtlingsheim

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Teilnehmer einer Kundgebung haben sich am 04.04.2015 in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) versammelt, um ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit zu setzen.

Tröglitz - Der Staatsanwalt spricht von einer gemeingefährlichen Straftat schlimmster Art: Unbekannte stecken das zukünftige Flüchtlingsheim von Tröglitz in Brand. Rechtsextreme hatten schon den Bürgermeister aus dem Amt getrieben.

Wochenlang machten Rechtsextreme in Tröglitz Stimmung gegen die Aufnahme von Asylbewerbern - nun haben Unbekannte das geplante Flüchtlingsheim angezündet. „Es ist definitiv besonders schwere Brandstiftung“, sagte Staatsanwalt Jörg Wilkmann am Samstag in Halle. Es handle sich um eine gemeingefährliche Straftat schlimmster Art. Ob Fremdenhass das Motiv war, war unklar. Die Ermittler halten einen politischen Hintergrund aber für naheliegend.

Blick auf den ausgebrannten Dachstuhl der zukünftigen Unterkunft für Asylbewerber in Tröglitz (Sachsen-Anhalt), aufgenommen am 04.04.2015. In der Nacht hatte es in dem Gebäude gebrannt.

In der Nacht auf Samstag waren Unbekannte in das Haus eingebrochen und hatten dort Feuer gelegt, wie die Polizei mitteilte. „Dabei wurde mit großer Wahrscheinlichkeit auch Brandbeschleuniger verwendet.“ Der ausgebaute Dachstuhl wurde durch das Feuer zerstört. Er war völlig verkohlt, die Fenster zersprungen. 40 Flüchtlinge hätten im Mai dort vorerst ein Zuhause finden sollen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach von einer abscheulichen Tat, die unverzüglich aufgeklärt werden müsse. „Die Täter gehören hinter Schloss und Riegel“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Landrat: 40 Asylbewerber kommen trotzdem nach Tröglitz

Auch nach dem Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Tröglitz in Sachsen-Anhalt will der örtliche Landrat an der Unterbringung von 40 Asylbewerbern in der Kleinstadt festhalten. "Es bleibt dabei, Tröglitz bekommt 40 Asylbewerber", sagte der Landrat Götz Ulrich (CDU) dem Nachrichtenportal "Spiegel Online" am Samstag . "Wir dürfen jetzt nicht einknicken und zurückziehen." Für ihn sei klar, dass der Brand kein Anlass sein dürfe, von der dezentralen Unterbringung der Flüchtlinge abzuweichen.

Zur Frage, ob die Unterbringung von Asylbewerbern in der Kleinstadt nach dem Brandanschlag noch zumutbar sei, sagte Ulrich: "Tja, aus Sicht der Flüchtlinge ist das keine einfache Sache. Mein Eindruck ist aber, dass eine Mehrheit die Flüchtlinge wohlwollend sieht." Bei dem Brandanschlag war in der Nacht zu Samstag das Dachgeschoss eines zur Unterbringung von Asylbewerbern vorgesehenem Mehrfamilienhauses in Tröglitz weitgehend ausgebrannt und das Gebäude schwer beschädigt worden.

Tröglitzs Ex-Bürgermeister bietet Privatwohnungen für Flüchtlinge an

Tröglitz, ein kleiner Ort im Süden Sachsen-Anhalts, ist bundesweit in den Schlagzeilen, seit der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth Anfang März wegen rechtsextremer Anfeindungen seinen Rücktritt erklärte. Er hatte keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als eine asylfeindliche Demonstration direkt vor seinem Haus genehmigt wurde.

Ein Flugblatt, das der zurückgetretene Bürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth, am 04.04.2015 in der Nähe eines ausgebrannten Hauses in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) an eine Haltestelle geheftet hat, informiert über eine Kundgebung in dem Ort.

Nierth zeigte sich am Samstagmorgen entsetzt über das Feuer. „Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen“, sagte er dem „Tagesspiegel“. „Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich.“ Der dpa sagte der 46-Jährige: „Die Braunen dürfen über unseren Ort nicht siegen.“ Außerdem bot er für die Flüchtlinge zwei private Wohnungen an. Er wünsche sich, dass andere seinem Beispiel folgten. Noch seien die Ermittler ganz am Anfang, sagte die Präsidentin der zuständigen Polizeidirektion in Halle, Christiane Bergmann. Aber: „In Anbetracht des Gesamtgeschehens in Tröglitz ermittelt der polizeiliche Staatsschutz, weil wir eine politisch motivierte Tat auf keinen Fall ausschließen können."

300 Menschen bei Demonstration

Nierth rief gemeinsam mit der frisch gegründeten Bürgerinitiative „Miteinander - füreinander“ am Samstagnachmittag zu einer Demo in Tröglitz auf. Rund 300 Menschen aus Tröglitz und Umgebung kamen. Neben Nierth sprach sich auch Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) für Weltoffenheit aus. „Wir wollen die Verbrecher fassen und sie hinter Gitter bringen“, sagte Haseloff den Demonstranten. Die Sicherheitsmaßnahmen im Ort seien nach dem Brand noch einmal erhöht worden. Es sei in Tröglitz in den vergangenen Wochen ein „wunderbares Netzwerk“ für die Vorbereitung auf die Flüchtlinge aufgebaut worden, das jetzt nicht aufgeben dürfe.

Entsetzen nach Brandanschlag in Tröglitz: Bilder

Entsetzen nach Brandanschlag in Tröglitz: Bilder

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) schrieb auf Twitter: „Schlimmer Verdacht nach Brand in #Troeglitz macht fassungslos. Wir müssen weiter deutlich machen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen!“

In dem Wohnblock mit zwei Eingängen, in den die Flüchtlinge einziehen sollten, wohnten noch eine 50 Jahre alte Frau und ein 52-jähriger Mann. Sie konnten sich laut Polizei unverletzt ins Freie retten. Eine Nachbarin hatte beide rechtzeitig gewarnt. Die beiden wohnten auch im Dachgeschoss des Hauses - allerdings nicht direkt in dem für die Flüchtlinge vorgesehenen Bereich.

Erst am Dienstag hatte Landrat Götz Ulrich (CDU) auf einer Einwohnerversammlung in Tröglitz über die Pläne zur Asylbewerberunterkunft informiert. Gut 500 Menschen hatten sich im örtlichen Kulturzentrum eingefunden. Dutzende Fragen musste Ulrich beantworten. Einen noch so vagen Hinweis auf eine mögliche Straftat gab es laut Ulrich danach nicht. „Überhaupt nicht, da ging es zwar hoch her mit den Meinungen, aber es lief friedlich ab“, sagte er am Samstag in Halle. Der Landrat nannte die Nachricht einen „Albtraum“ und kündigte an, an der Unterbringung von 40 Flüchtlingen in Tröglitz festzuhalten.

dpa/AFP

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