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Experte zu Fischsterben: „Gerade schwappt eine Welle an Schadstoffen durch die Oder“

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Von: Lucas Maier

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Umweltkatastrophe in der Oder: Wasserexperte sieht wenig Gefahr für die Ostsee.
Umweltkatastrophe in der Oder: Wasserexperte sieht wenig Gefahr für die Ostsee. (Archivfoto) © Marcin Bielecki/dpa

Seit Tagen sterben tausende Fische in der Oder. Die Ursache ist weiterhin nicht geklärt. Wir haben mit dem Ingenieur Dennis Peupelmann über mögliche Ursachen gesprochen.

Herr Peupelmann, in der Oder sterben seit einigen Tagen tausende Fische. Erst gestern hat Polen verkündet, dass sie Quecksilber als Grund für das Sterben ausschließen. Auf deutscher Seite hat Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) von „erhöhten Salzfrachten in der Oder“ gesprochen – was dürfen wir darunter verstehen?

Mit erhöhten Salzfrachten ist in diesem Fall gemeint, dass die Masse an Schadstoffen pro Zeiteinheit höher liegt als normalerweise. Konkret bedeutet das: Gerade schwappt eine Welle an Schadstoffen durch die Oder.

Salze klingen erstmal wenig gefährlich. Was hat es mit der Salzwelle auf sich?

Salze sind ja nicht nur das Salz, wie wir es in der Küche verwenden. Zu den Salzverbindungen zählen auch andere Stoffe. Es handelt sich grob gesagt um Verbindungen von Kationen und Anionen. Aluminiumsalze oder Ammoniumsalze sind hier beispielsweise sehr schädliche Verbindungen, wenn sie in größeren Mengen ins Wasser geraten. Für den Gehalt der Substanzen im Wasser gibt es Grenzwerte, die als unbedenklich gelten und für alle Gewässer in der EU gleich sind.

Unter Chemiker:innen sagt man, es gibt keine giftigen Substanzen, erst die Dosis macht das Gift. Bei den aktuell massiven Auswirkungen in der Oder, ist davon auszugehen, dass eine ziemlich große Menge an Salzen in den Fluss geraten ist, wenn den eine erhöhte Salzbelastung für das Fischsterben verantwortlich ist.

Zur Person

Dennis Peupelmann ist Umweltingenieur und bereits an verschiedenen Stellen mit Wasserwerten gearbeitet. Unter anderem war er bei verschiedenen Projekten in Indien für die Auswertung und Überwachung der Wasserwerte zuständig. In seiner Abschlussarbeit an der Uni Kassel hat er sich ebenfalls der Wasserforschung gewidmet. Hier untersuchte er die Werte in einem hessischen Fluss.

Katastrophe in der Oder: Art der Verunreinigung kann Aufschluss über die Herkunft geben

Woher könnten diese stammen?

Die wahrscheinlichste Quelle bei Salzverunreinigungen ist die Landwirtschaft. Dünger und anderen dort verwendete Substanzen haben einen hohen Salzgehalt. Aber natürlich können auch die chemische Industrie oder andere Industriezweige infrage kommen. Unsachgemäße Müllentsorgung von Privatpersonen halte ich aufgrund der extremen Auswirkungen für eher unwahrscheinlich. Die Art des Stoffes könnte genaueren Aufschluss über dessen Herkunft geben. Leider ist hier noch nichts genaueres bekannt.

Aluminiumsalze werden beispielsweise häufig in Textilindustrie verwendet. Bei anderen Belastungen wie Quecksilber oder Blei könnte die Quelle in der Metallindustrie liegen.

Umwelt verunreinigt: In der Oder sterben auch große Fische

Könnte es noch andere Gründe für das Fischsterben in Oder geben?

Wenn Fische sterben, liegt es sehr häufig an einem zu geringen oder veränderten Sauerstoffgehalt im Wasser. Dieser kann auch durch äußere Einflüsse, wie Hitze oder Dürre beeinflusst werden. Warmwasser kann viel weniger Sauerstoff speichern als kaltes Wasser. Aktuell hat die Oder eine Temperatur 23,9 Grad (gemessen in Frankfurt an der Oder), das ist definitiv noch nicht in einem Bereich, der für die Fische gefährlich sein könnte. Allerdings steigt natürlich die Konzentration von Salzen oder anderen Schadstoffen, wenn der Wasserspiegel aufgrund von hohen Temperaturen sinkt. Die Oder hat momentan einen eher geringen Durchfluss, also einen niedrigen Wasserstand. Meine Daten stammen aktuell nur von der deutschen Seite, die polnische hat bisher wenige bis gar keine veröffentlicht.

Eigentlich sind die meisten Fische, die es in Deutschland gibt, recht robust, was Schwankungen des Sauerstoffgehaltes angeht. Salze oder andere Gifte haben je nach Fischgröße eine andere Auswirkung auf die Tiere, ähnlich wie es Gift bei Menschen auch hat. In der Oder sind auch Welse und andere große Fische umgekommen, das zeigt, wie extrem die aktuelle Belastung sein muss.

Wie schätzen Sie die Gefahr für die Ostsee ein?

Die Ostsee hat von Natur aus einen größeren Salzgehalt als die Oder. Wodurch die Auswirkungen, wenn es sich um eine Salzbelastung handeln sollte, weitaus geringer wären als in der Oder selbst. Zudem wird es natürlich durch die Größe der Ostsee extrem verdünnt. Deshalb schätze ich die Gefahr für die Ostsee als sehr gering ein. (Interview: Lucas Maier)

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