„Bei Notwehr auch ein Backstein“

Wie Deutschland sich bewaffnet: Anzahl der kleinen Waffenscheine seit 2015 verdoppelt

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Markus Rummer zeigt in seinem Waffengeschäft eine Schreckschusspistole vom Typ Walther P88 Compact Kaliber 9mm PAK.

„Alles, was legal ist“ - im Schaufenster von Markus Rummer stehen Langwaffen zwischen Pfefferspray und Jagdfolklore. Viele seiner Kunden sind Jäger. Und dann sind da noch die, die sich fürchten.

Karlsruhe - Augen schließen sich krampfartig, Atemwege blockieren, alles juckt. Trifft Reizgas aus der Gaspistole Walther P88 in ein Gesicht, ist die normale Reaktion: Flucht. Für immer mehr Menschen bedeutet diese Reaktion gefühlte Sicherheit. Eine Sicherheit vor Überfällen und Angriffen zum Mitnehmen in der Handtasche.

„Die Leute haben Angst“, sagt Markus Rummer. Sein Waffengeschäft in der Karlsruher Südweststadt hat er von seinen Eltern übernommen. Für die Rummers ist Angst ein Geschäft. „Immer wenn in einem Stadtteil etwas passiert ist, kommen von dort besonders viele Kunden zu mir.“

Wer Waffen mit sich tragen will, braucht in Deutschland einen sogenannten Kleinen Waffenschein - nicht nur für Schreckschusswaffen, sondern auch für ein kleines Chlorgas-Spray. Die Nachfrage nach der Lizenz steigt seit Jahren. In der Bundesrepublik sind aktuell mehr als 587.000 Kleine Waffenscheine registriert - mehr als doppelt so viele wie noch Ende 2015.

„Nach den Vorfällen an Silvester in Köln gab es einen richtigen Schub“

Vor allem zum Jahresbeginn 2016 stiegen die Zahlen vielerorts. „Nach den Vorfällen an Silvester in Köln gab es einen richtigen Schub“, sagt Rummer. Der Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler spricht für diesen Zeitraum von einer Verdopplung bei den Verkäufen von Schreckschusswaffen und Lieferengpässen bei den Herstellern.

Rummer ist der Ansicht, die Gesellschaft nehme Kriminalität zurzeit einfach stärker wahr, verstärkt durch die Medien. „Das subjektive Sicherheitsgefühl ist schlechter als die Sicherheitslage“, bestätigt der Landesvorsitzende Erwin Hetger von der Opferschutzorganisation Weißer Ring in Baden-Württemberg. „Das ist kein neues Phänomen. Aber die jüngsten spektakulären Fälle haben die Tendenz verstärkt, dass das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung immer schlechter wird.“

Der Weiße Ring sieht den Wunsch nach Bewaffnung kritisch. „Wir raten davon ab“, sagt Hetger, der früher Landespolizeipräsident war. Oft würden Täter durch Gegenwehr noch aggressiver und gewalttätiger. „Wir setzen auf Prävention: Was kann ich tun, um zu vermeiden, erneut Opfer zu werden?“ Sicheres Auftreten, eine klare Körpersprache und die Wahl eines sicheren Heimwegs seien entscheidend.

„Ich habe hier alles an Kunden, vom Profi bis zur Grundschullehrerin“

Im Ladenlokal des Karlsruher Waffengeschäfts stapeln sich hinter Gewehren und Klappmessern bis zur Decke Boxen mit Gaspistolen und Munition. Dazwischen Wanderschuhe, Dirndl und Kaffeegeschirr mit Hirschen. Viele Kunden sind Jäger - aber längst nicht alle. „Ich habe hier alles an Kunden, vom Profi bis zur Grundschullehrerin“, erzählt Rummer. „Manche haben ihre Schreckschusspistole sogar beim Joggen dabei oder im Kinderwagen versteckt.“

Während Teleskop-Schlagstöcke oder Elektroschocker eher von Security-Mitarbeitern gekauft werden, sind Sprays oder Schreckschusspistolen auch bei Frauen und Senioren beliebt. Pfefferspray ist offiziell nur zur Tierabwehr erlaubt. Aber: „Bei Notwehr dürfen Sie jemandem auch einen Backstein über den Kopf ziehen. Es muss aber verhältnismäßig sein“, sagt Rummer.

Dass man mit dem Sortiment in seinem Laden gewaltigen Schaden anrichten kann, verursacht Rummer keine Bauchschmerzen. „Es wird ja alles von den Behörden geprüft“, sagt er. Die Verantwortung für seine Ware gibt er an der Ladentheke ab.

dpa

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